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11.05.2019 -- Erwin Weigand / wv

Berner Gaswerk

Ein weiteres Kapitel aus Erwins 'Bärner Gschichte'


Bild 1: "Oktogon" im Marzili

Die Stadtplanung sieht in den nächsten Jahren eine Überbauung des Gaswerkareals am Sandrain vor. Das ist Grund genug sich einmal über die Geschichte der Berner Energie- und Gasgewinnung zu informieren

 

Gaswerk 2Gaswerkareal

Bild:2 Gaswerkareal

Das Gaswerkareal heute, noch vor der geplanten Überbauung

 

Lange stand es um die Beleuchtung der Gassen und Plätze Berns sehr schlecht. Wer in der dunklen Tageszeit noch unterwegs sein musste, tat gut daran eine Kerzenlaterne mitzutragen. Über den öffentlichen Plätzen etwa beim Zytgloggen oder beim Käfigturm waren zwar an gespannten Ketten Öllaternen aufgehängt, die aber nur schlechtes Licht boten und dazu dem normalen Gestank noch einiges dazu fügten. Ich vermute, dass das Öl welches da verbrannt wurde, aus tierischem Fett gekocht war. Unschlitt oder Walfischtran wurden als Schmiere und eben mit einem Docht als Lampenöl  verwendet. Dieser stinkende Gebrauch verschwand mit den neuen Gaslaternen die man ab 1842 einführte. Nicht allen zur Freude, wie bei  vielen Neuheiten musste auch hier mit Ablehnung gekämpft werden. Doch bald überwog die Zustimmung, denn zu der später auch in Privathäusern installierten Gasbeleuchtung, konnte man abends noch lesen und den Tag verlängern. 241 öffentliche Gaslaternen gab es zu jener Zeit in der Bundesstadt und 270 Privatabonnenten. Und der Kubikmeter Leuchtgas, aus einheimischer Kohle hergestellt, kostete 50 Centimes.

Als 1852/57 die Stadt Bern im Auftrag des Bundesrats das "Bundesrathaus" (Bundeshaus  West) bauen liess, richtete man  im ansonsten nüchternen Gebäude die Kandelaber zur Gasbeleuchtung ein. Das städtische Gaswerk befand sich ja von 1841 bis 1876 unterhalb der Bundesterrasse, also in unmittelbarer Nähe.

Gaswerk 3Bundesratssitzungszimmer

Bild: 3 Bundesratssitzungszimmer

Der ursprüngliche Gasleuchter mit den für Gasflammen nach oben gerichteten Leuchtstellen wurde nach dem Anschluss an das Stromnetz 1890 durch nach unten gerichtete Glühbirnen zum zeitgemässen, elektrischen Leuchter umgebaut.

Das Bundesratssitzungszimmer ist im Stil der Renaissancegehalten und wird wegen des 1889 eingebrachten Täfers und des Mobiliars oft als «Chalet fédéral» bezeichnet. Original erhalten seit 1857 sind noch die Stuckdecke sowie der Leuchter – einer der ältesten der in der Stadt Bern noch existierenden Gasleuchter. Hier finden die wöchentlichen Bundesratssitzungen statt.

 Gaswerk 4Dampfzentrale

Bild:4 Dampfzentrale

Die Dampfzentrale vor dem 1887 gebauten Bundeshaus West. Mit dem Werk in der Matte das erste Berner Elektrizitätswerk. Mit Koks von der Gasfabrik wurde Wasserdampf erzeugt, der über eine Dampfturbine einen Generator antrieb. Der hohe Kamin wurde abgebrochen und die Fabrikhalle zum Eventlokal umgebaut.

 

Gaswerk 5Oktogon Hamam

Bild: 5 Oktogon-Hamam

Das Oktogon von der Aareseite gesehen, auf den Grundmauern des ersten Berner Gaswerks.

 

Die Gasbeleuchtungsgesellschaft erstellte in den Jahren 1841/43 das erste Gaswerk der Schweiz im Marzili an der Weihergasse 1 und 3 mit einem Gasometer. Allerdings wegen der hohen Kosten, gegen starken Widerstand des Stadtrats. Das achteckige Gebäude indem sich heute ein "Hamam" eingerichtet hat, diente nach dem Auszug des Gaswerks der "Billardfabrik Fritz Morgenthaler" als Werkstatt.

Gaswerk 6 100 Jahre Gaswerk

Bild: 6 100 Jahre Gaswerk

Das Berner Gaswerk um 1945 im Modell

 

1860 übernahm die Stadt das Gaswerk. Die steigende Nachfrage nach Stadtgas verlangte 1862 einen zweiten und 1871 den Bau eines dritten Gasometers.

1876 bezog das Gaswerk den Neubau in der Lindenau , dem heutigen Gaswerkareal an der Sandrainstrasse 17.  Das grosse Betriebsgebäude war im Stil des "Neuen Bauens"  1929 von Walter von Gunten entlang der Aare erbaut worden. Es wurde, wie auch die anderen Produktionsanlagen,  mit der Einführung des Gasverbunds und der  Einstellung der Produktion im Herbst 1967 bis 1971 abgebrochen.  Mit dem Bau von zwei Gasspeicherkugeln wurden auch die alten Gasometer überflüssig. Das von weither über Röhren angelieferte Erdgas steht unter höherem Druck und benötigt bessere Speicher. Mit der Inbetriebnahme der Ringleitung um die Stadt und des Röhrenspeichers unter der Wiese vom Forsthaus Eymatt, wurden auch die Speicherkugeln im Spätsommer 2008 entfernt.

Gaswerk 7 Gaskugel

Bild: 7 Gaskugel

Eine der letzten Gasspeicherkugeln an der Sandrainstrasse

 

Gaswerk 8 Schlieren Gaswerk Zuerich Bernstrasse Turmstrasse

Bild: 8 Gasometer Schlieren

Ein als Industriedenkmal erhaltener Gasometer in Schlieren-Zürich,
von Wikimedia

So ein Niedrigdruck-Gasbehälter wurde fälschlich  Gasometer genannt, weil an seiner Aussenseite ein grosses Zifferblatt zur Anzeige des Gasdrucks weithin sichtbar angebracht war. Um den schwankenden Gasvorrat unter gleichbleibendem Druck zu halten, war ein Glockengasbehälter bezw. Teleskopgasbehälter nötig. In einem Wasserbassin schwamm wie ein umgestülptes Glas die mit Betonklötzen beschwerte Gasglocke in einem Mauer- oder Stahlgerüst. Vielleicht hat die Erfindung der Taucherglocke von Leonardo da Vinci Pate gestanden. Die heute veraltete Konstruktion wird noch in anderen Städten als Industriedenkmal gezeigt.

In Bern sind noch die beiden Halbkugeln des Deckels erhalten. Darin tobt sich die Jugend aus.

Gaswerk 9 Gaskessel

Bild: 9 Gaskessel

Berner Jugendzentrum Gaskessel

 

Wie aufwändig aber die Gasproduktion war, ist heute schwer vorstellbar. Durch erhitzen von Steinkohle in Verbindung mit Wasser entstand in geschlossenen Kammeröfen das leicht entzündliche Stadtgas. Die dazu nötige Kohle stammte anfänglich aus Kohlengruben am Beatenberg und bei Boltigen. Per Schiff wurde sie nach Bern transportiert; deshalb stand das Gaswerk nahe der Aare im Marzili. Später waren die wichtigsten Kohlegruben der Schweiz im Abschnitt zwischen Paudex, Oron und Semsales bei Lausanne und in der Region von Käpfnach bei Horgen am Zürichsee. Bis zur Einführung der Eisenbahn wurde ausschliesslich Schweizer Kohle verbraucht, danach vor allem importierte.

Gaswerk 10 Zementfabrik Kaepfnach um 1920

Bild: 10 Zementfabrik Käpfnach

Die Zementfabrik Käpfnach wurde mit der dort gewonnenen Kohle betrieben.

 Gaswerk 11 Kaepfnach Eingang Gottshalden 1919

Bild: 11 Käpfnach, Eingang Grube Gottshalden

Bergleute am Eingang zur Grube Gottshalden Käpfnach

 

Kohle gewann man auch in der Grube oberhalb Kandergrund, wo die Zündwarenfabrik Kandergrund AG 1940 nach Kohle suchen liess. Auf rund 1660 Meter westlich der Alp Horn ist teils noch heute schwarzer Stein im Felsen gut zu sehen. Dort wurden sie fündig, bauten eine Seilbahn und am Felsen angehängte Gebäude, die ein primäres Stollennetz erschlossen. Für die Kriegsjahre eine wenig ergiebige aber nötige Energiequelle.

Für das Berner Gaswerk in der Lindenau transportierten Pferdefuhrwerke die jährlich benötigten 20 000 Tonnen Kohle vom Hauptbahnhof über die Sulgeneckstrasse hinunter an die Sandrainstrasse. Das änderte mit dem Bau der Gaswerkbahn, die den Kohletransport vom GTB-Bahnhof Grosswabern der 1902 eröffneten Gürbetalbahn ohne Umladen ermöglichte.

Das Abfallprodukt Koks konnte als Brennmaterial für Kohleheizkessel bezogen werden. Koks wurde bis in die jüngste Zeit noch in vielen Gebäuden verheizt. Kohlenhändler luden die Ware säckeweise beim Gaswerk auf Pferdefuhrwerke und trugen dann die Säcke jeweils den Kunden in die Keller. Der schwarze Kohlenstaub bleibt unvergessen.

 Gaswerk 12Ballonstart

Bild: 12 Gasballone

Weil das Stadtgas leichter als Luft war, wurden damit Gasballone gefüllt. Hier der Start zu einer Ballon-Fuchsjagd.

 

Als sonderbares Kuriosum bleibt noch die medizinische Anwendung der Gaswerke als Kuranstalten zu erwähnen. Zur Behandlung der ansteckenden Keuchhustenerkrankung von Kindern wurde um 1860 eine Therapie angewandt, die auch der norddeutsche Dichter Theodor Storm am eigenen Kind anwenden liess: Man schickte die Kinder ins Gaswerk, wo sie mit Koks und Kohlesand spielen durften. Die eingeatmete schwefel- und ammoniakhaltige, sauerstoffarme Luft soll zur Heilung der Krankheit beigetragen haben. Heute sind dank wirksameren Medikamenten Krankheiten wie diese sozusagen ausgerottet. Es sei denn verschwörerische Theorien verhindern eine vorbeugende Impfung gegen Epidemien wie sie zur Zeit mit den Masern drohen. Man wird fatalerweise nach Alternativen wie im neunzehnten Jahrhundert suchen.

Fortsetzung folgt demnächst mit der aufgehobenen Gaswerkbahn.

 

Bildnachweis: Bild 1,2,4,5,9 ew, Bild 3 admin pdf, Bild 6 gemeinfrei Gaswerk pdf, Bild 7 Martin Abegglen, Bern [CC BY-SA 2.0] via Wikimedia commons, Bild 8 Roland zh [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia commons, Bild 10, 11, 12 gemeinfrei via Wikimedia commons