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THEMA: Grenzerlebnis

Grenzerlebnis 01 Feb 2016 20:29 #16

etna, deine Erlebnisse die du uns so spannend erzählst, machen Lust auf mehr. Du könntest glatt ein Buch schreiben. Hast du diese Geschichten für dich früher schon einmal aufgeschrieben, oder erinnerst du dich wirklich noch so genau an all die Details.
Aus meiner Jugend ist mir vieles nicht mehr so präsent. Vor kurzer Zeit schenkte mir meine Tochter ein Buch mit dem Titel "Mama, erzähl mal!" Das Erinnerungsalbum deines Lebens.Es hat fast lauter leere Seiten darin die auszufüllen wären. Ich weiss noch nicht , ob ich je einmal etwas da hinein schreiben werde.Ich lese lieber anderer Leute Geschichten.

Danke etna

Gruss
chafi

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Grenzerlebnis 02 Feb 2016 01:37 #17

Hallo chafi,
Du fragst mich, ob ich all diese Dinge schon einmal aufgeschrieben habe. Nein, habe ich nicht. Zwar habe ich ein paar Geschichtlein geschrieben früher, für ein kleines Wiener Tierschutz Heftli und es wurde auch aus einem Teil ein kleines Büchlein gemacht, aber es musste sich immer um Tiere handeln, die mit dabei waren. Aber das war so etwas wie eine Alibi Übung, denn ich habe dabei Dinge um mich herum geschildert, die mir etwas aus der Norm vorgekommen sind.
Auf Senior Basel habe ich so eine kleine Geschichte vor ein paar Tagen eingebracht, aber in jenem Forum wird ja kaum gelesen, und demzufolge auch fast nicht geschrieben. Ab und zu denke ich gerne an frühere Zeiten zurück. Wenn niemand von der Familie da ist, ist es ganz normal (für mich), dass ich die Vergangenheit Revue passieren lasse. Das Leben war in jenen Jahren mühsamer, aber für mich trotzdem viel intensiver und interessanter, auch weil man das meiste erarbeiten musste. Sicherheiten, so wie heute das soziale Netz, die AHV etc., das gab es noch gar nicht. Nicht einmal das Frauen Stimmrecht.

Heute wurde in der BAZ eine ganze Seite diesem Kampf, hauptsächlich der Baslerinnen, gedacht.. Wir waren die ersten, und die Lehrerinnen des Gymnasiums haben dafür sogar einen ganzen Tag "gestreikt" trotzdem das für Staatsangestellte verboten war. Auch daran erinnere ich mich noch gut, denn wir "bearbeiteten" ja unsere Männer, dass sie endlich dazu ja stimmen sollten. Meiner war sofort dafür , aber manche machten einen etwas bösen Lätsch bei diesem Argument. Bei uns herrschte seit Anfang unserer Ehe Teilung. Er war zuständig für Kraft und Werchen, wenn es etwas im Hause zu tun gab, ich für Kopf, wenn etwas verhandelt, geschrieben, versteuert etc. werden musste.

Und jetzt wäre ich oft froh, wenn ich mit jemandem alles, was nötig ist, besprechen könnte. Und so hilft es mir, mich zurück zu erinnern an Dinge von früheren Jahren, ich bin dann etwas weniger allein.

Es irrt der Mensch. solang er strebt.

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Es irrt der Mensch. solang er strebt.

Grenzerlebnis 02 Feb 2016 11:38 #18

Eine memorable Reise
Entschuldige etna, dass ich dir den Titel klaue, aber meine erste Reise nach dem Krieg nach Deutschland war durchaus bemerkenswert und hat in mir etwas ausgelöst, was ich als „Fernweh“ bezeichnen würde.
Seit Mitte 1944 wohnten meine Mutter und ich in Bern wo ich auch brav ab Ostern 1945 zur Schule ging. Da erreichte uns anno 1950 ein Schreiben des Deutschen Roten Kreuzes, das uns mitteilte, dass man die Eltern meiner Mutter in Frankfurt/Main gefunden hätte wo sie wohnten, mit Adresse und allem.
Das war ein glücklicher Tag, hatten wir doch jahrelang nichts von ihnen gehört und eigentlich schon mit ihrem Ableben gerechnet. Natürlich ging von da an eine Riesenkorrespondenz los, die darin gipfelte, uns nach Frankfurt einzuladen. Gerne nahmen wir an und wären auch sofort losgefahren aber – die Bahn verlangte schon damals eine Transportgebühr und die konnten wir uns damals nicht leisten.
Also wurde beschlossen, dass ich in den nächsten Sommerferien allein zu meinen Grosseltern reisen sollte (kostete nur ein halbes Billet)und ich machte mich am 15.Juli 1951, im zarten Alter von 13 Jahren auf die abenteuerliche Reise in ein 4-Zonen-Land. Als erstes kriegte ich einen eigenen Pass und darin ein Visum : Permit to enter the US, British, French Zones of Germany und dem Vermerk „Visiteur sans prestations“. Mein Reisegeld betrug 20.- Franken und mein Gepäck bestand aus einem uralten Rucksack mit Notwäsche, Wegzehrung und ca. einem Kilo Bohnenkaffee.
Die Fahrt von Bern nach Basel SBB verlief problemlos. Der Zug hielt dort gefühlte 2 Stunden und machte sich dann ganz langsam Richtung Basel Badischer Bahnhof auf. Dort musste alle Insassen aussteigen, es waren nicht viele, und durch eine Art Baracke gehen, den französischen Zoll. Eingangs Baracke fragte mich ein grosser uniformierter Franzose : Où est ta famille ? Tu est tout seul? Glücklicherweise verstand ich nur Bahnhof und stand ganz unglücklich herum. Das bemerkte eine uniformierte französische Dame, die mich, nachdem ich ihr meine Mission erklärt hatte, quasi unter ihre Fittiche nahm und mich durch Leibesvisitation, Gepäckkontrolle, Passkontrolle, Billetkontrolle und Wartezeiten begleitete, mich wieder in den gleichen Zug setzte und mich mit einem bisou verabschiedete. Sie sprach Elsässer Dialekt und seither liebe ich das Elsass.
Dann ging es los, mit Dampf, denn diese Strecke sollte erst viel später elektrifiziert werden. Alle Zugbegleiter sprachen Französisch, die Mitreisenden gar nichts und so erfuhr ich nur mit Glück, dass ich in Baden-Oos umsteigen musste. Dort endete die französische Zone uns so mussten alle Reisenden wieder durch den Zoll (den amerikanischen), wo mein Bohnenkaffe nur ganz knapp an einer Beschlagname vorbeischrammte. Die Amis waren aber sehr viel lässiger als die Franzosen und als die Zollbeamten mein armseliges Znüni besichtigt hatten, legten sie noch eine Büchse Ananasscheiben, eine Büchse Corned-Beef, ein paar Tafeln Schokolade und natürlich eine Packung Chewing-Gum dazu.
Der Kondukteur war ein gemütlicher Hesse, der mangels Arbeit (wir waren etwa noch fünf Reisende)sehr viel Zeit mit mir verbrachte. So konnte ich wieder Frankforterisch babbele, meine Muttersprache, die ich in Bern zugunsten des Berndeutsch aufgeben musste.
Ohne weitere Vorkommnisse kam ich dann in Frankfurt an, wo mich meine Grosseltern liebevoll in Empfang nahmen.

Das war nun ein sehr langer Abschnitt und wenn ich mich wieder erholt habe und Interesse besteht, würde ich meine Abenteuer fortsetzen.
Frohen Tag auch
leblanc

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Grenzerlebnis 02 Feb 2016 12:01 #19

einfach spannend, was da in dieser Foren-Kategorie zu lesen ist - ja, leblanc und etna und alle Anderen, erzählt bitte weiter !


Jean-Pierre Guenter

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Jean-Pierre Guenter
Letzte Änderung: von jipégé.

Grenzerlebnis 02 Feb 2016 12:15 #20

Sehr gerne mehr lieber Leblanc. So spannend euch zu lesen!

Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in die Menschen hineinhuschen kann.

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Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in die Menschen hineinhuschen kann.

Grenzerlebnis 02 Feb 2016 13:09 #21

nur nicht nachlassen, das Kaninchen liebt sowas auch

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Grenzerlebnis 02 Feb 2016 14:00 #22

Ja, total interessant, weil doch ähnliche Erinnerung an seine eigenen Abenteuer aufkommen. Auch ich begann meine Schulkarierre im Jahr 1945, aber eigentlich ein Jahr zu früh, weil ich ein später 39er bin. Meine ersten Grenzübergänge passierten jedoch erst mit 16 und 17 Jahren. Aber davon mal später, gell. Da gabs noch andere Umstände zwischendrin.
Gerne weiter so, bitte!
WillY

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Grenzerlebnis 02 Feb 2016 17:22 #23

Basel im Jahre 1944

So, schön wieder einmal für die Katze geschrieben, leider nicht im Word, und nun ist alles futsch......selbertschuld! Muss ich halt nochmals hirnen und neu anfangen!

Also, leblanc, ich bin sogar froh, dass Du aus Deiner Sicht schreibst, so kann mir niemand in die Schuhe schieben, ich hätte alles erfunden oder aus den Pfoten gesaugt. Das könnte ich gar nicht, denn wenn ich schreibe, muss ich für mich immer ein sicheres Fundament haben.

Ich erinnere mich an dieses Jahr besonders gut, denn im April hatte ich, seit 1939, erstmals wieder eine Stelle angetreten. Es war ausgangs Sommer, und in dieser Jahreszeit waren die alliierten Bomberverbände äusserst aktiv, und sie überflogen unser Land fast jede Nacht, von England oder weiss wo, herkommend, um in Italien ihre Bombenlasten, im Süden des Stiefels, abzuwerfen.. Auch schien es so, als würden sich in den mondhellen Nächten alle versprengten Fliegenden Festungen über dem Rheinknie wieder zusammen finden, denn das Gebrumm der Motoren wollte nicht aufhören. Sie drehten und drehten Runde um Runde, manchmal sah ich ihre Schatten am Himmel bedrohend nahe. In den Keller gingen wir aber nie, dort wären wir uns wie Mäuse im Käfig vorgekommen.

In der Firma, in der ich damals arbeitete, wurde ich zum Luftschutz eingeteilt, d.h. ich musste ausgerechnet in dem Monat mit den meisten Fliegeralarmen Dienst tun. Das bedeutete, aufstehen, den Weg unter die Füsse zu nehmen und ins Geschäft zu gehen, wo ich einen Rapport ausfüllen musste, im Direktionszimmer, denn nur dieses konnte lichtdicht abgedunkelt werden. Mit mir hätte auch der Direktor antreten sollen, der aber nie erschien sondern sich immer gedrückt hat mit der Behauptung, es hätte ihm nie zeitlich gereicht!! Und dabei gab es in mancher Nacht sogar zweimal Alarm.

Das schlimmste damals für mich war der einsame, nächtliche Weg dorthin, denn ich musste über zwei so genannte Schanzen, die Steinen Schanze und die Elisabethen Schanze, dicht beim Bahnhof. Schanzen waren zu Parks umgewandelt worden, schon lange, und es waren Grün-Oasen, mit Bäumen, Sträuchern, Weglein und Bänken. Am meisten besucht von Liebespärchen, aber sicher nicht mitten in der Nacht bei Fliegeralarm. Beim Geschäftsdomizil angelangt musste ich in den 2.Stock, Rapport schreiben und auf den Endalarm warten. Dann wieder runter, um diesen Rapport in den Kasten vis-à-vis, der zum Luftschutz gehörte, einzuwerfen. Mit der Zeit wurde es mir zu blöd, alleine in diesem Bureau zu hocken, nicht wissend, was draussen vorging. Ich schrieb den Rapport und ging dann wieder runter und setzte mich auf die zwei Tritte, die von der Strasse zum Gebäude führten, So sah ich wenigstens ab und zu ein paar Soldaten des Luftschutzes in Uniform und konnte mit ihnen ein paar Worte wechseln. Ich hockte also da und sinnierte, was ich hätte machen können und sollen, wenn es wirklich Bomben geregnet hätte. Wir waren zwar in einer leerstehenden Fabrik geschult worden in Rettung mit einem Brett, Stuhl, oder was wir sonst finden konnten in den Trümmern. Auch, wie wir Brandbomben löschen konnten, mit Eimerchen und Spritze. Auch Verwundungen mussten wir abdecken können, mit grossen Dreieck-Tüchern. Aber ich alleine? Mit meinen damals 48 Kilo diente ich hauptsächlich dazu, herumgetragen und verarztet zu werden, ich war ja so leicht. Einmal allerdings, da hätte mein Fuss verbunden werden müssen, da wehrte ich mich dagegen. Ich war ja den ganzen Tag auf den Füssen gewesen, ohne Möglichkeit, zu inspizieren, ob da an irgend einer Zehe ein Loch im Strumpf war, was sehr gut möglich war, da es damals keine Nylonstrümpfe gab, Wir trugen, wenn schon, Seidenstrümpfe, und diese waren teuer und rar, also wurden Löcher halt noch geflickt. Und manchmal hatte man ein richtiges Geschnurpf am Fuss......

Meist malte ich mir auch aus, was ich täte, wenn plötzlich Bomben abgeworfen würden, Dies hatten wir ja einmal sehr nahe erlebt, als dies im Basler Bahnhof geschah, Luftlinie von unserer Wohnung ca. 5oo/6oo Meter weg. Papa und ich hatten auf der Veranda das Fenster geöffnet, um zu hören, was da so tätschle, und da hörte ich regelrecht das Pfeifen der Bomben, während mein Vater beschwichtigte, das sei nicht hier, das sei bestimmt in badisch Rheinfelden. Dort herum sei eine deutsche Dynamitfabrik.

Doch, jeder Alarm ging einmal zu Ende, und erlöst konnte ich wieder heim, ins Bett und noch ein Auge voll Schlaf nehmen. Dass wir Diensttuenden für den Luftschutz der Firma aber anderntags wenigstens eine Stunde später hinter der Schreibmaschine erscheinen konnten...... nein, das gab es nicht. Kein Wunder, wenn mir manchmal bei der Arbeit eher zum Schlafen zu Mute war.

Es irrt der Mensch. solang er strebt.

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Grenzerlebnis 03 Feb 2016 02:23 #24

Ein Berner Gieu in Frankfurt
Da war ich also, in der Gross-und Weltstadt Frankfurt, da wo Heidi (selbstverständlich kannte ich als Sechstklässler die Geschichte) so schrecklich leiden musste. Jeden Abend vor dem Einschlafen wartete ich auf erste Anzeichen von verzehrendem Heimweh – nichts, gar nichts. Im Gegenteil, eine unbändige Lust packte mich alles zu sehen, zu entdecken, mit allen zu reden, alle zu fragen und so trieb ich mich denn gut 3 Wochen, zum Schrecken meiner Grosseltern in Frankfurt und Umgebung herum.
Zuerst besichtigte ich die Ruinen unserer zwei zerstörten Wohnungen. Natürlich war nichts übrig geblieben, nur sauber aufgeschichtete Backsteine. Überall wurde gebaut, die Mainbrücken wieder hergestellt, der Römerberg (Rathaus) strahlte in neuem Glanz und auf dem Gelände der Altstadt wurde ein ganz neues Frankfurt aufgebaut. Es gab jede Menge Kaufhäuser und alles war unglaublich billig. Auch Kinos gabs an jeder Strassenecke und das Mindestalter war sehr tief. In Bern durfte ich nur in Begleitung meiner Mutter in einen Märchenfilm, hier lockten Gary Cooper, Tyrone Power, Forrest Tucker, Randolph Scott und die unvergleichliche Yvonne de Carlo den einsamen Cowboy, der sich in Bern am Eingang der Revolverchuchi (ex Kino Forum) die Nase am Reklameschaufenster plattgedrückt hatte. Ich glaube fast, ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viele „kulturell hochstehende“ Western gesehen – und alles zu 50 Pfennig pro Eintritt. Echte „Western“ konnte man im Bahnhofsviertel erleben, einer nicht ganz koscheren Gegend, mit vielen Kneipen, Bars und ausserordentlich attraktiven Damen, die die Deutschen Nutten und die Amis Nuns nannten. Leider konnte ich damals nicht herausfinden was die dort taten. Lustig wurde es immer, wenn ein paar besoffene Deutsche mit ein paar besoffenen Amis aneinander gerieten und der Barbesitzer die amerikanische Militärpolizei zu Hilfe rief. Da kamen dann so 3 -4 Jeeps mit je 4 Mann (Grösse 2x2 Meter) und räumten in halsbrecherischen Geschwindigkeit auf und im Nu war alles wieder friedlich.
Leider war die Zeit allzu schnell vorbei und in Bern wartete die Knabensekundarschule auf mich und an Weihnacht der begleitete Märchenfilm. Die Rückfahrt mit dem Zug verlief problemlos – ich hatte inzwischen einen Koffer und meine Auslanderfahrung und kannte einen Basler Trick. Immer noch musste man am Badischen Bahnhof aussteigen, durch die Baracke gehen und dann wieder in den deutschen Zug einsteigen, der etwa eine Stunde später bis nach Basel SBB fuhr. Dort musste man in einen Schweizer Zug umsteigen, der auf die Grenzgänger wartete. Natürlich hatten die Ersteingestiegenen schon alle schönen Plätze belegt. Also nahm ich nach der französischen Grenzkontrolle das Drämmli bis zum HB und konnte so in den eben bereitgestellten Zug nach Bern einsteigen.

Wen wunderts, ich habe mich, trotz Ruinen, in diese Stadt verliebt, übrigens mein Geburtsort, und bin später viele Male wieder hingefahren, habe vier Jahre dort gelebt und war 40 Jahre mit einer Frankfurterin verheiratet.
Wie sagte doch der Frankfurter Heimatdichter Friedrich Stoltze (übrigens Stolzéé ausgesprochen):
Es is kaa Stadt uff der weite Welt,
die mer so wie mei Frankfort gefällt,
Un es will mer net in mei Kopp enei;
Wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei !

Das wars mal fürs Erste
leblanc
wünscht eine frohe Nachtruhe.

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Grenzerlebnis 03 Feb 2016 08:20 #25

Danke etna und leblanc für eure Berichte von den Kriegsjahren. Spannend erzählt. Ich würde gerne noch mehr lesen.


Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in die Menschen hineinhuschen kann.

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Grenzerlebnis 03 Feb 2016 11:12 #26

leblanc und etna, ihr habt ja wirklich Schreibtalent !


Jean-Pierre Guenter

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Jean-Pierre Guenter

Grenzerlebnis 03 Feb 2016 13:10 #27

Hoi zäme,
schliesse mich gerne Jean-Pierre an. Es kommen einem wirklich immer mehr solche alte Begebenheiten in den Sinn. Werde mir demnächst wieder Zeit nehmen um einiges zu schreiben.

Herzlichen Dank den bisherigen Schreiber etna und leblanc.

Thedy

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Grenzerlebnis 03 Feb 2016 19:30 #28

Als aus dem Rheinhafen alles Wasser abfloss.

Im gleichen Jahr l944, im Herbst, wurde auch das Stauwehr bei Kembs, im Elsass, bombardiert. Das ist bei mir so präsent, als wäre es erst vorgestern geschehen. Ich war immer noch Luftschutz eingeteilt bei meiner Arbeitsfirma.
Im Oktober ist aber auch Umzugstermin, und daher wurde ich, zusammen mit andern drei Frauen angefragt, on ich mithelfen würde, beim Zügeln der Firma an einen andern Standort in Basel, weil gleichzeitig zwei Geschäftszweige zusammen gelegt wurden. Dies musste jedoch an einem arbeitsfreien Samstag Nachmittag geschehen.

Wir waren also um 14.00 an Ort und Stelle und führten alle Aufträge aus, die uns von der Prokuristin des Geschäftes erteilt wurden, Ordner in Schachteln einpacken, Alles was im Korrespondenz Büro herumlag einsammeln, Ordnen, Material sortieren und anschreiben........... Plötzlich hörten wir Flugzeuglärm, aber nicht so wie sonst, es war, als würden leichtere Motoren als die gewohnten Brummer so etwas wie aufheulen, kurz, die Töne veränderten sich andauernd und so, als ginge es nicht um einen Routine Bomberflug. Wir waren etwas ratlos, ich glaube, wir wussten nicht einmal ob es Alarm gegeben hatte oder nicht. Plötzlich schrie eine von uns laut: Dort, dort, und zeigte gegen das Stück Himmel, das wir durch das Fenster sehen konnten. Dort jagten kleine Jagdflugzeuge wie wild durcheinander, aber wir hatten keine Ahnung, welcher Nationalität. Um besser sehen zu können stiegen wir auf die Pulte und starrten gebannt an den Himmel, bis unsere Prokuristin erschien und uns hinunter stäubte. Wir sollten doch möglichst viel einpacken für den Umzug und nicht auf den Tischen herum tanzen.

Also arbeiteten wir weiter, wir mussten es ja, Feierabend war erst um l8.00 Uhr, wie vereinbart. Aber als es schon anfing einzudunkeln, gab es ein paar Mal ein richtiges Getätsche und Gedonner, so dass unsere Prokuristin es selber fast mit der Angst zu tun bekam. Sie meinte, wir sollten lieber heimgehen, man wisse ja nicht, was noch alles geschehen könne, und unsere Lieben zu Hause hätten sicher ebenfalls Angst... und und und.........

Zu Hause war Mama allein. Papa war früher am Nachmittag zu seiner gewohnten Samstags Tour rund um die Stadt gestartet, um ein wenig Luft zu schnappen. Wir fingen gerade an, uns etwas zu ängstigen, weil wir immer wieder Bomben explodieren hörten, da kam Papa von seiner Tour zurück und erzählte.

Er sei, wie meist, um die Stadt herum gefahren, hart an der Grenze zu Frankreich und Deutschland. Dort war und ist auch immer noch unsere Psychiatrische Uniklinik. Oberhalb von St.Louis (Elsass) war so etwas wie ein kleines Plateau mit Bäumen und einer Bank. Dort traf er, wie meist, ein paar ältere Männer, ebenfalls mit Velos, und dort wurde politisiert und Meinungen ausgetauscht. Unterhalb hörte man in der Kaserne, welche besetzt war von deutschen Soldaten, vermutlich SS Leuten, wie laut Kriegslieder gesungen wurden, worauf einer aus dem Velofahrer Kränzlein meinte: Au, wenn jetz e baar Bomber käme und do ablaade wuurde, denn wär fertig luschtig mit Singe ! Einer von ihnen drehte sich um und schrie plötzlich: Abliige, abliige, lueged was do kunnt, und Papa erzählte uns, sie hätten sich alle um den Baum herum flach auf den Boden gelegt, denn in einem extremen Tiefflug kam ein Bomber daher geflogen, vermutlich ein Lancaster. Er flog weiter in Richtung Stauwehr, aber Papa ist dann schleunigst auf sein Stahlross gestiegen und von dort weggegangen.

Später erfuhren wir, was passiert war. Papa hatte auf dem Konsulat noch wochenlang mit diesem Spezialfall zu tun. Das Stauwehr wurde, nach den Bomber Vorläufern, von einem ganzen Verband angegriffen und die Staumauer wurde zerstört. Dadurch lief das Rheinwasser wieder wild wie ehemals, und auch das in den diversen Basler Hafenbecken gestaute Wasser lief aus. Die Wasserpolizei versuchte zu retten, was möglich war und zog die dort stationierten Rheinschiffe so gut sie konnte aus den Becken, bevor sie auf Grund standen. Aber ganz gelang ihnen das nicht. Dort war während des Krieges auch eine italienische Hochseeyacht an Land gegangen. Auch diese versuchte, aus dem Becken zu kommen, aber sie blieb genau in dr Ausfahrt stecken, weil das Wasser anfing zu fehlen. Die Yacht hatte grösseren Tiefgang als die Rheinschlepper. Und so konnte auch der Rest nicht mehr heraus fahren, sofern auch die Mannschaft auffindbar war.

Natürlich war für den italienischen Kapitän das Konsulat seine Anlaufstelle, und es verging kaum ein Tag, dass er nicht aufkreuzte, wegen all der Verhandlungen, die deshalb mit der Schweiz geführt werden mussten. Wenn Papa meist zu spät zum Essen erschien, dann wussten wir, dass er wieder einmal mehr durch "Capitan Fracassa" aufgehalten wurde, wie ich inzwischen diesen Typ nannte!
Fracassare heisst zertrümmern, und obwohl er ja nichts dafür konnte, dass an jenem Samstag im Basler Rheinhafen alles drunter und drüber ging, ist der Name, den ich ihm dafür verliehen habe, lang bei den damaligen Konsulatsangestellten Synonym für jenen Angriff geblieben.

Es irrt der Mensch. solang er strebt.

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Grenzerlebnis 03 Feb 2016 19:57 #29

ich habe eben den Link auf diesen Beitrag an unseren Guide bei der Hafenführung von SeniorBern geschickt - interessiert ihn bestimmt auch


Jean-Pierre Guenter

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Jean-Pierre Guenter

Grenzerlebnis 03 Feb 2016 20:03 #30

Vielen Dank Etna für diesen spannenden Beitrag. Sag mal, wart ihr eigentlich während des Krieges stark eingeschränkt? Konntet ihr in der Schweiz frei Reisen?

Lieber Gruss
kornblume

PS: ich habe da noch einen interessanten Artikel gefunden K L I C K mich

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Letzte Änderung: von kornblume.
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