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THEMA: Villa Rabbental

Villa Rabbental 23 Mär 2016 22:08 #1

  • WillY
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Genau vor 40 Jahren hat eine dieser Villen am Aarehang in Bern ein Gerüst verpasst bekommen. Hier ein altes Bild noch ohne die Kornhausbrücke, die heute fast genau über das Haus hinwegführt. Es ist von rechts her gesehen das dritte Haus in der Viererreihe, ziemlich genau in der Mitte der Aufnahme.



Vor 140 Jahren wurde es von einem der wohlhabenderen Herren der Stadt an dieser Lage mit prächtiger Aussicht auf die Altstadt bauen lassen; als Zeichen des Wohlstandes mit einem Fundament und Strukturen aus Ostermundiger Sandstein, wie die Herrenhäuser in der Stadt auch, und das Münster auch!

Im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mit meiner Familie einige Jahre im ersten Stock gewohnt und mein Büro gehabt. Ich war vollamtlicher Mitarbeiter des Stadtvereins des Cevi - wie der CVJM heute heisst. Lange vorher schon haben wir geträumt, dass dieses alte Haus einmal abgerissen werden soll. An seiner Stelle - immerhin misst das Areal etwa 1400 m2 - sollte ein Neubau erstellt werden, der viele Bedürfnisse des Vereins mitten in der Stadt abdecken sollte. Das heisst also Büros, Sitzungsräume, Gemeinschaftsräume, Küche, aber auch Wohnungen für junge Leute und Familien.

Anstoss dazu hatte uns ein Amerikaner gegeben, der über das Brückengländer geschaut hat und den Schriftzug und das Signet des CVJM (YMCA) an der alten Hütte gesehen und gedacht hat, das kann doch nicht wahr sein, dass in der Capital of Switzerland der weltbekannte YMCA so mickerig daher kommt. Kurz, er hat uns also geschrieben und sich anerboten, uns zu einem Hostel Hand zu bieten. Wir dachten natürlich an das viele Geld, das ein solcher Bau kostet und horchten auf. Und träumten nun echt und mit Plänen und Fachleuten von einem Projekt, das sich sehen lassen konnte! Der Prospekt für die Sponsorensuche wurde bereits gedruckt und auch versandt. Meine Familie suchte sich in der Nähe eine andere Wohnung, bevor der älteste Sohn schulpflichtig wurde.

1975/76 kam die Ernüchterung. Es herrschte plötzlich grosse Arbeitslosigkeit und Rezession. Die Zinsen stiegen; niemand wollte Geld spenden; die Stadt verhängte ein Abbruchverbot über die Aaretalhänge; auch der alte Baumbestand wurde geschützt. Wir wurden aus dem Traum geschüttelt. Es hiess, von vorne anzufangen und gemeinsam zu überlegen, wie unsere Arbeit in und um die Stadt denn wirksam getan und welche räumliche Mittel es dazu braucht. Das Resultat nach einem Jahr Vorbereitung: Eine Art "Laufgitter", ein quadratischer Mehrzweckraum mit einem Sockelgeschoss, wo eine Küche, die Toiletten, die Garderobe und ein offener Sitzungsraum untergebracht werden sollte. Der Neubau schmolz zusammen wie ein Eisblock.

Dafür wollten wir vorher die alte Villa "Rabbi", wie wir sie liebevoll nannten, mit einfachen Mitteln vor allem in ihrem Äusseren renovieren. Die Stadt stellte uns dazu junge Arbeitslose - bis zu 10 Mann! - kostenlos zur Verfügung. Auch ein Maurerpolier älteren Baujahres war darunter, der die Gruppe anleitete und den ganzen Sommer über die Renovationsarbeiten leitete. Gerüst, Dach und Spenglerarbeiten wurden natürlich an Spezialfirmen vergeben. Ich stand täglich irgendwo auf dem Gerüst und half kräftig mit. Die ganze Fassade mit der heute noch so warmen gelben Farbe habe ich mit sehr viel Farbe aufgerollt. Sie besteht aus eingefärbtem Grobputz und saugt mir alle Farbe geradezu aus dem Roller! Die von einem Maler berechnete Menge langte gerade für eine einzige Seite!
Aber ich bin stolz, dass diese Fassade heute noch aus dem Bäumen leuchtet, nach 40 Jahren!
Das Bild unten zeigt die renovierte Villa Rabbi mit ihrem ein Jahr später gebauten "Anhänger", eben, dem "Laufgitter".



Die Entwicklung der Arbeit in der Stadt und die immer stärkere Überalterung des Stadtvereins zwangen uns in den vergangenen Jahren zu einer neuen Nutzung der Liegenschaft. Wir konnten sie der Cevi-Region als Stützpunkt anbieten, Büroraum für bis zu 8 Mitarbeitende, den Pavillon-Anbau als Ausbildungsraum, die Wohnungen im ersten und zweiten Stock als Wohnraum für junge Leute ohne grosses Portmonnaie. So erlebte die Villa nochmals eine Blütezeit und erfreut sich an dem Leben in ihren alten Mauern.

Aber es kommt jetzt die Zeit, sich um eine weitere Periode der Villa Rabbi für eine längere Lebensdauer zu kümmern. Die Zeit ist günstig, die Banken leihen billige Kredite, der Freundeskreis des Stadtvereins ist intakt und hat sich stark vergrössert, die Cevi-Region ist an der Verwaltung der Immobiliengenossenschaft beteiligt und stellt junge Kräfte zur Verfügung. Ihnen ist es zu verdanken, dass innert kurzer Zeit eine Zustandsanalyse und eine Kostenberechnung geleistet wurde. Eine Finanzierung sieht vilversprechend und tragbar aus, so dass eine ausserordentliche Generalversammlung mit Zuversicht und grosser Freude einer Sanierung der Gebäudehülle und des Daches zustimmte. Die Villa hat eine Zukunft!

Am letzten Samstag wurde diese Bauphase mit einem Fest gefeiert. Das Gerüst ist bereits aufgestellt.






Neues Leben erblüht unterdessen auch im Garten.
Während im Haus und im Pavillon die Aktivitäten weiter geführt werden können.






Alle Tassen sind im Schrank!


Natürlich stieg ich aufs Gerüst, bis fast nach ganz oben. Aber nicht mehr mit dem Elan wie vor 40 Jahren :woohoo:
Doch mit einer zufriedenen Dankbarkeit über die Erlebnisse und Erfahrungen während dieser Zeit, die ich mit einer grossen Zahl von ehemaligen Mitgliedern und MitarbeiterInnen bis heute teile.






Danke und liebe Grüsse
WillY

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Letzte Änderung: von WillY.

Villa Rabbental 24 Mär 2016 20:23 #2

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Selbstverständlich werde ich den Bau verfolgen und ab und zu wieder mal ein Zwischenbild einstellen. Im Juli soll das Gerüst schon wieder abgebaut werden. Wer von den vielen kleinen und grösseren Massnahmen weiss, die da von Hand gemacht werden, der staunt nicht wenig über die kurze Zeit, die die Bauleitung geplant hat.
Nur ein Beispiel: Das Dach ist mit Eternitschindeln gedeckt. Diese müssen bekanntlich sehr sorgfältig demontiert werden; es darf keine verbrechen dabei. Sie dürfen auch nicht einfach von oben in eine Mulde geworfen werden, wie dies sonst mit Dachziegeln gemacht wird; nein sie müssen vorsichtig aufgeschichtet und von Hand vom Gerüst getragen werden! Der arme Lehrling.
Neu gedeckt wird dann mit wunderschönen schwarzen Naturschieferplatten - wie ich sie kürzlich beim Restaurant Jakob in Bern als Unterlage zur Suppentasse auf den Tisch serviert bekommen habe (Besuch der Ausstellung "Dialog mit der Zeit" mit dem Bäre Höck).



So sieht der Plan aus, wie die einzelnen Sandsteine behandelt werden sollen. Die Legende zu den Farben ist hier als PDF-Dokument zu sehen.

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Dann möchte ich euch die Webseite der Cevi-Region Bern nicht vorenthalten, die über die Dienste infomiert, die von der Crew in diesem Zentrum geleistet werden im ganzen Kantonsgebiet. Als ehemaliger Jungschileiter kann ich da nur erbleichen vor Neid! Wir hatten vor 60 Jahren kein solches Material zur Verfügung für unsere Sommerlager und Outdooraktivitäten.
Stöbere in den Seiten unter diesem Link.

Bis später wieder mal.
WillY

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Letzte Änderung: von WillY.

Villa Rabbental 25 Mär 2016 09:40 #3

Im "Schatten" der Kornhausbrücke wird umgebaut. WillY dokumentiert und erzählt aus der ihm bestens bekannten Vergangenheit des Hauses. Es darf ruhig auch über die Arbeit der dort Tätigen berichtet werden, denn sie sind nicht vergebens stellvertretend durch Kevin Hirt zum "Helden des Alltags" vom Schweizer Publikum gewürdigt worden.

Danke Willy für den Bericht.

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Villa Rabbental 13 Apr 2016 11:20 #4

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Danke, Erwin. Ja, das ist schon eine kleine Sensation, dass die Arbeit einer doch recht traditionellen Jugendarbeit überhaupt beachtet wird. Da kann ich nur staunen.

Übrigens sind im Rabbi unterdessen die Arbeiten mit grossem Einsatz vom Dach her in Angriff genommen worden, wie mein Blick von der Brücke aus zeigt. Die alten (40 Jahre!) Eternitschindeln werden wegen dem darin enthaltenen Asbest sorgfältig demontiert und zur Mulde hinunter geliftet. Alle Blechteile werden entfernt und ersetzt. Die Isolation und Lattung ist auch neu. Hei ja, es soll ja wieder 50 Jahre oder mehr halten! :unsure:







Bis zur nächsten "Inspektion"
WillY

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Villa Rabbental 11 Okt 2016 22:08 #5

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Lange Monate habe ich nicht mehr berichtet. Es gab eben fast nichts zu sehen vor lauter Gerüsten. Aber die Arbeiten sind unterdessen rechtzeitig abgeschlossen worden. Ich staunte, als ich das letzte Mal über die Brücke spazierte, um wieder einen Blick hinunter ins Rabbi zu werfen.





Und dann kam der Moment, wo die Gerüste abgebaut und die letzten Aufräum- und Putzarbeiten abgeschlossen werden konnten. Ich konnte endlich die neue hellgelbe Fassade mit den dunkelgrünen 140 Jahre alten Fensterläden und die neu eingefassten Lukarnen in ihrer vollen Schönheit betrachten und ins Bild nehmen.






Im Hause, das heisst in der Wohnung im 1. Stock und in der Dachwohnung wohnen nun junge Frauen und ein Mann in einer Wohngemeinschaft. Sie haben schon den kleinen Balkon möbliert und in Besitz genommen.






Der stark beschädigte und vernachlässigte Seiteneingang - früher für die Bediensteten mit Abgang in die Küche mit Kaminherd im Keller - hat wieder alle Beachtung gefunden und sieht wieder ganz neu aus, im noblen Dunkel gehalten. Es ist aber immer noch die alte Originaltüre! Die Facharbeit der Restauratoren muss man wirklich bewundern. Auch die Sandsteinhauer haben ganze Arbeit geleistet, wie man an diesem Türeingang, der fast total ersetzt werden musste, sieht. Eine Augenweide.

Am kommenden 23. Oktober feiern wir mit dem Regionalverband zusammen das "Erntedankfest" zur Einweihung der neuen alten Villa Rabbi, wie wir sie zärtlich nennen. Der Geschäftsführerr schreibt heute in seiner Einladung:

"Nach einer intensiven Bauzeit ist es plötzlich wieder ruhig ums Haus. Schön sieht es aus, das frisch sanierte Rabbi.
Am Sonntag, 23. Oktober, laden wir ein zu einem grossen Dankesfest
… zum Dank, für eine unfallfreie Bauzeit
.. zum Dank, für tolle Arbeit, die geleistet wurde
… zum Dank, für alle Unterstützung, die wir fürs Sanierungsprojekt erhalten haben
… zum Dank, für …. für noch viel mehr."


und hängte ein kleines Bildchen an vom Haupteingang (nicht von mir!)




Ich freue mich sehr über die gelungene Erneuerung. Immer noch ist es ein Motto des Cevi in Bern:
Offen sein - Raum geben!
WillY

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Letzte Änderung: von WillY.

Villa Rabbental 12 Okt 2016 06:05 #6

Danke WillY für diesen interessanten bebilderten Bericht über die Villa Rabbi.

Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in die Menschen hineinhuschen kann.

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Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in die Menschen hineinhuschen kann.

Villa Rabbental 27 Okt 2016 13:13 #7

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Am Sonntag, 23. Oktober 2016 hat nun die Eigentümerin des Hauses, die Immobiliengenossenschaft des Cevi Bern und die Mieterin, die Cevi-Region Bern zu einer Einweihung der 140jährigen Villa Rabbi und zu einem Dankesfest eingeladen. 80 Mitglieder, Freunde und Gäste fanden sich zu einem Gottesdienst im Pavillon ein, durchstreiften dann das Gelände und die Räume und taten sich bei einem Buffet mit Marroni-Suppe, Käse-/Fleischplatten und feinen Desserts gemütlich. Wir konnten nur staunen über die grosse Arbeit, die von der Leitung, der Baukommission, der Fundraisinggruppe, den Architekten und der Bauführung in den Sommermonaten geleistet wurde. Natürlich auch dank den Fachleuten auf dem Gerüst, den Dachdeckern, Spenglern, Sandsteinhauern und MalerInnen! Ja, Frauen habe ich auch gesehen dabei.
Hier noch ein paar Aufnahmen von diesem denk- bz. dankwürdigen Festtag.


Statt Orgelbegleitung spielte ein Alphorn auf, begleitet von improvisierten Klavierklängen! Schon mal erlebt? Tönte super gut.


Auch die jüngsten Cevianerchen kamen zum Zug. Die Waldtiere bauten ihr Haus, ihre Hütte.


Die Sonne schien über den Regenwolken, aber diese trübten unsere Freude über die gelungene Renovation nicht.


Ansicht von der Strassenseite her.


Und zu guter Letzt musste das viele Geschirr auch abgewaschen (Maschine) und getrocknet werden. Gute Geister nahmen sich dieser Arbeit an. Herzlichen Dank allen, die zu diesem Fest beigetragen haben.

"Wir wolln uns gerne wagen, in unsern Tagen
der Ruhe abzusagen, die 's Tun vergisst.
Wir wolln nach Arbeit fragen, wo welche ist,
nicht an dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen
und unsre Steine tragen aufs Baugerüst."
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf 1733/1736

WillY

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