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THEMA: Erlebnis Berufslehre 1948-1952

Erlebnis Berufslehre 1948-1952 16 Apr 2016 10:09 #1

Erlebnis Berufslehre 1948-1952

Beginnen muss ich etwas früher, als ich im Tessin noch die „scuala elementare“ (Primarschule) besuchte war mein grösster Wunsch ein Fahrrad zu besitzen. Fast alle Familien auch die ärmsten in unserem Dorf besassen ein Velo, nur unsere Familie hatte kein solches zur Verfügung. Ich kenne den Grund nicht warum mein Vater sich nie entschliessen konnte ein Velo zu kaufen. Ich selber lernte das Velofahren mit dem Fahrrad meines Schulkollegen. Ich träumte manchmal, dass wenn ich mal ein Velo besitzen würde, ich alle kleinen Gassen und Strässchen in unserem Dorf unsicher machen würde.

Nun mein Wunsch ging erst in Erfüllung als klar war dass ich in Uster meine Berufslehre absolvieren würde. Denn der Weg von meinem Domizil bei einer Schlummermutter zum Arbeitgeber vier Mal am Tag, dazu brauchte ich ein Velo. Etwas verspätet also doch noch.

Nach 6 Jahren Primarschule im Tessin und 3 Jahre Sekundarschule im Internat in Graubünden hatte ich die Nase voll von der Schule.

Mein Vater hat mich irgendwann zu Beginn der dritten Sekundar Klasse mal gefragt was ich für einen Beruf erlernen wollte. Zu seinem Bedauern war meine Antwort nur nicht KV - Lehre, denn das hatte er sich eigentlich gewünscht. Ich wollte einen manuellen Beruf erlernen z.B. Schreiner oder Velo, resp. Automechaniker.

Nun mein Vater akzeptierte meinen Wunsch, denn auch er hatte sicher im Laufe der Jahre wohl festgestellt, dass ich mehr ein Flair fürs handwerkliche Basteln und Werken besass als für ein sitzen im Bürostuhl.

Er fand für mich eine Lehrstelle für den Kleinmechaniker Beruf bei der Firma Zellweger AG in Uster. Denn zu jener Zeit war es noch nicht Mode, dass sich ein „Drittsekler“ für eine Lehrstelle bewarb. Selbstverständlich musste ich mich da vorstellen und Zeugnisse vorweisen. Nun ich bekam die Lehrstelle und mein Vater besorgte für mich auch ein Zimmer mit Verpflegung bei einer „Schlummermutter“.

Am 26. April 1948 begann für mich ein neues Leben, das Berufsleben. Die Firma Zellweger AG hatte zu jener Zeit ca. 700 bis 750 Angestellte und ungefähr 100 Lehrlinge. Die Lehrlinge waren aufgeteilt in die 4 Lehrjahre d.h. jedes Jahr wurden etwa 25 neue Lehrlinge ausgebildet und ebenso viele traten ins Berufsleben hinaus. Gelehrt wurden die Berufe Kleinmechaniker, Werkzeugmacher, Elektroniker (FEAM) und Maschinenzeichner.

Die Firma Zellweger AG fabrizierte zu jener Zeit ganz verschiedene Produkte z.B. Wand- und Tischtelefone für die PTT, Kaffeemühlen (mit dem grossen verchromten Trichter in welchem im Lebensmittel-Laden jeweils die Kaffeebohnen für die Kunden gemahlen wurden), Funkgeräte (tragbare & mobile) für die Armee, Hilfsgeräte für die Textilindustrie welche in die ganze Welt exportiert wurden usw.


Tischtelephon


Wandtelephon


Beispiel Kaffeemühle


Armeefunkgerät

Die Stiften, ausser den Zeichner begannen ihre Lehrzeit in einer separaten Lehrwerkstatt. Diese wurde geleitet von einem Meister und einem Vorarbeiter. Diese Lehrwerkstatt war ausgerüstet mit einem Arbeitsplatz für jeden Lehrling mit Schraubstock und Werkzeugschublade und dem dazu gehöhrenden Werkzeug wie Feilen, Schaber, Hammer, Meissel etc. Auch sämtliche Maschinen Bohrmaschinen, Fräsen, Hobelmaschinen, Sägen, Schleifmaschinen usw. waren vorhanden.

Die Lehrwerkstatt nebst einigen anderen Produktionswerkstätten befand sich in Nieder Uster etwas entfernt von grossen Hauptsitz und hiess im „TURICUM“. Dort wurden anscheinend früher die Schweizer Automobile „TURICUM“ hergestellt.

Jeder von uns Stiften brachte mit sich das „Übergwändli“ und eine Schieblehre, das ist ein persönliches Messinstrument, mit dem man bis zu einer Genauigkeit von 1/10mm. messen kann.

Zu Beginn wurde für jeden von uns die Schraubstockhöhe eingestellt, ich hatte das Pech meinen Schraubstock gleich vor dem Fenster des Meisterbüro’s zugeteilt zu erhalten. Der Meister erklärte uns zu Beginn gleich wie es hier zu und her gehe. Die Arbeitszeit begann morgens um 07.00 Uhr und endete am Abend um 18.00 Uhr, eingeschlossen waren 2 Stunden Mittagszeit und eine Pause von 15 Minuten im Laufe des Morgens und Nachmittags. Am Samstag wurde am Morgen gearbeitet. Die Arbeitszeit wurde an einer Stempeluhr erfasst, genau wie bei festangestellten Arbeiter und Angestellten.

Der Lohn war uns allen schon vorher mit dem Lehrvertrag bekannt gegeben worden. Im ersten Lehrjahr 10 Rappen/h, im zweiten Jahr 15 Rappen/h, im dritten Jahr 20 Rappen/h und im letzten Jahr 25 Rappen/h.

Während dem ersten Jahr in der Lehrwerkstatt wurde jeder zweite Morgen mit Körperertüchtigung begonnen. Im Frühjahr/Sommer/Herbst fand das normalerweise in der Badeanstalt Nieder Uster am Ufer des Greifensees statt. Da wurde jeweils zuerst geturnt, dann Völkerball gespielt (und zwar hart), am Schluss mussten wir noch ins Wasser und mindestens 100 bis 200 Meter schwimmen. Wenn die Temperaturen zu kalt wurden oder die Badeanstalt schon geschlossen war wurde ein Waldlauf nach dem Städtchen Greifensee und zurück angeordnet.

Die Arbeit in der Lehrwerkstatt begann indem jeder ein U-Eisen (gewalzt) bekam, darauf durften wir nun mehrere Tage lang uns im feilen üben mit einer flachen Schrupp-Feile die ca. 30 bis 35 cm. Lang war. Die Fläche musste ganz flach geraten, überprüft mit einem Haar-Lineal. Unnötig zu sagen, dass die meisten unter uns nach 2 Tagen in der rechten Handfläche eine wunderbare schmerzende Blase bekamen. Das dispensierte uns aber nicht am Weiterfeilen.

Jede Woche hatten wir an einem Nachmittag Theorie im entsprechenden Lokal neben der Werkstatt. Thema waren vorerst mal über körperliche Hygiene, Ernährung, Freizeitgestaltung, Anstandsregeln etc. hinzu kamen mit der Zeit Materialkunde, Werkzeugkunde, Maschinenkunde etc. z.B. ein neueres Leichtmetall „Antikorodal“ war interessant. Diese Theorien mögen heute vielleicht lächerlich erscheinen, aber wir kamen alle aus verschiedenen Landesteilen und sozialen Schichten, unser Meister verstand es sehr gut uns allen diese Fakten, Gegebenheiten und Verhaltensregeln beizubringen. Übrigens wenn man nicht spurte oder frech wurde gab‘s auch mal eine Ohrfeige.

Während dem ersten Lehrjahr in der Lehrwerkstatt wurden wir jeweils am Samstagmorgen zur Putzarbeit auf alle verschiedenen Produktionsstätten geschickt. Da musste man z.B. Maschinen reinigen, allgemeine Putzarbeiten erledigen, Abfall entsorgen Meisterbüros entstauben und Boden aufwischen usw. Es gab keine Arbeit vor der man sich drücken konnte, was der jeweilige Meister befahl musste ausgeführt werden.

Auch die Gewerbliche Berufsschule mussten wir wöchentlich einen Tag lang besuchen. Da diese Schule kein eigenes Schulhaus besass, mussten wir uns jeweils in einem der Primarschulhäuser einfinden. Dort waren Räume für uns reserviert. Die Schulfächer waren Deutsch Sprache, Rechnen, Zeichnen, Buchführung, Staats- und Wirtschaftskunde, Elektrotechnik, etc. Es gab halbjährlich ein Zeugnis mit Benotung, das vom Lehrer, vom Personalchef der Lehrfirma und vom Vater des Lehrlings unterschrieben werden musste.

Täglich fuhr ich also mit meinem Velo zur Arbeit und zurück, alle Malzeiten wurden bei der Schlummermutter eingenommen. Diese hatte noch Zimmer an drei italienischen Maurer vermietet, auch diese Herren assen mit uns am gleichen Tisch. Hin und wieder wurde die Schlummermutter hässig, der Grund, mit den Italiener konnte ich mich in deren Sprache unterhalten und dies passte meiner SM nicht in den Kram. Sie war eine gebürtige Deutsche und beherrschte keine Fremdsprachen, war aber sehr neugierig und hatte immer den Verdacht wir würden uns über sie lustig machen.

Irgendwann stand mein Vater in der Lehrwerkstatt im Büro des Meisters, ich hatte keine Ahnung warum. Ich wurde dann in des Meisters Büro gerufen, mir wurde eröffnet, dass der Meister meinen Eltern einen Brief geschrieben hatte indem er sich über meine Leistungen zweifelhaft geäussert hatte. Ich wurde zu diversen Vorkommnisse um Stellungnahme gebeten. Dabei kam auch zur Sprache, dass sich meine Schlummermutter erdreistet hatte mich diverse Male um 5.00 Uhr aus dem Bett gejagt zu haben, weil sie vergessen hatte am Vortag Brot zu kaufen und ich somit aufs Fahrrad steigen musste um beim nächsten Beck Brot zu posten. Das war meinem Vater schon im Brief des Meisters eröffnet worden. Nach dieser Aussprache lud mein Vater den Meister und mich zu einem Mittagessen in der Stadt ein, anschliessend ging mein Vater mit mir und einem Koffer den er mitgebrachte hatte zu meinem Domizil. Dort gab er mir den Koffer, der leer war, und sagte zu mir packe alle deine Sachen ich hab ein neues Logis für Dich. Dann verschwand er um sich mit der SM zu unterhalten, bezahlte was er schuldig war und wir verschwanden von dieser Unterkunft und wanderten zu meiner neuen Adresse. Ich landete in einer Einfamilienhaus- Umgebung bei einem Ehepaar mit zwei Kindern, einem Buben und ein Mädchen. Ich erhielt ein schönes eigenes Zimmer. Gegessen wurde auch hier mit der Familie zu festen Zeiten. Sonst war ich frei zu machen was mir Spass machte.

Meine neuen Schlummereltern waren sehr grosszügig, der Vater war selber Metallarbeiter in einem anderen Betrieb in Uster. Mit dem Sohn der in die zweite Sekundarklasse ging bastelte ich viel an seiner elektrischen Eisenbahn herum, wobei sein Vater uns sehr viel beibrachte z.B. stellten wir unter seiner Leitung eigene Transformatoren her oder elektrifizierten die manuellen Weichen der Bahn. Wir bauten selber eine Art Stellwerk für die Weichen und Signale.

Wir machten in unserer Freizeit auch viele Velotouren im ganzen Zürcher Oberland. An einer Pfingsten fuhren wir am Samstagnachmittag mit unseren Velos und kleinem Gepäck von Uster über den Sattel nach Schwyz und weiter nach Flüelen. Dort war eine einfache Jugendherberge wir konnten wir für 50 Rappen im Massenlager übernachten und ebenfalls für 50 Rappen gab‘s einen Teller Suppe mit Brot. Am Pfingstsonntag fuhren wir nach Andermatt, dort erkundigten wir uns wieviel ein Billet bis zum Oberalppass kosten würde, natürlich samt Velo. Wir zählten unsere Rappen und entschieden uns für die Fahrt mit der Bahn zum Oberalppass. Dort oben war noch tiefer Winter und der Kondukteur schmiss uns unsere Velos in den Meterhohen Schnee. Wir konnten gerade noch Fragen wo denn etwa die Strasse verlaufe und dann war der Zug weg.

Oberhalb der Zughaltestelle war ein geschlossenes Haus, dort ragte aus dem hohen Schnee ein Strassenwegweiser, na also da musste unter der Schneedecke die Strasse sein. Wir trugen und schoben unsere Velos ca. 500 Meter Richtung Tal, dort kam die gepflasterte Strasse zum Vorschein. Also wieder in den Sattel es ging für einmal bergab, leider kam dann Regen auf, aber auch auf den waren wir vorbereitet. Gegen Abend landeten wir durchnässt und müde in Chur bei der dortigen Jugendherberge an. Auch hier gab es für 50 Rappen je eine Suppe und einen Platz im Massenlager. An dem Abend brauchten wir keine Geschichte zum Einschlafen.

Am Pfingstmontag sattelten wir unsere Fahrräder wieder und es ging Richtung Sargans- Walensee, dort wartete der Kerenzerberg auf uns. Bei einer Rast unterwegs kamen wir ins Gespräch mit jemandem aus der Gegend, die Person klärte uns auf, dass wir den Kerenzerberg auf einem Wanderweg dem steilen Seeufer entlang umfahren könnten. Man müsse zwar höllisch aufpassen, denn das Gelände sei sehr steil und der Weg sehr eng. Nun wir waren jung und unbekümmert und wagten den Weg dem Seeufer entlang statt uns über den Kerenzerberg abzumühen. Herausgekommen aus der abenteuerlichen Fahrt sind wir beim Gäsi in der näheren Umgebung von Weesen und Ziegelbrücke. Von da an war es dann für uns nur noch ein kleines Stück zurück nach Uster, wo wir wohlbehalten aber müde angelangt sind.

Zurück zu meiner Lehre.

Nach der Lehrwerkstatt wurden alle Lehrlinge meines Jahrgangs in diverse Abteilungen im Betrieb verteilt. Da war die Dreherei, die Fräserei, die Décolltage, die Werkzeugmacherei, die Schleiferei, die Textilmontage, die Funkabteilung (Elektronik), die Telefonmontage, die Schmiede für die Zeit bis zum Lehrabschluss schleuste man uns so von einer Abteilung zur anderen. Wir wurden nun immer mehr produktiv eingesetzt. Nur blieben wir immer Lehrlinge und der Lehrmeister aus der Lehrwerkstatt tauchte auch da immer wieder auf und erkundigte sich bei den jeweiligen Meister über unsere Arbeit und unser Verhalten im Allgemeinen.

Wir waren ungefähr ein halbes Dutzend Lehrlinge die in Uster bei Schlummereltern wohnten und nur sporadisch ins Elternhaus fuhren. (z.B. Ferien oder Festtage) Für uns hatte der Stiften Meister auch in seiner Freizeit oft auch etwas auf Lager, so nahm er uns mal über ein Wochenende mit auf eine Skiwanderung auf den Kärpf (Kt. GL) oder mit seinem Fischerboot auf den Greifensee. Auch einen Zweitage-Ausflug von Schwyz - Muotathal- Bisistal - Glattalp - Ortstock nach Braunwald das war ein tolles Erlebnis.

Ich begann meinen Beruf zu lieben. Es wurde einem so viel „know how“, sagt man heute, beigebracht und es gab Lob und Tadel. Beides half mir persönlich weiter.

Zirka ein halbes Jahr vor der Abschluss Prüfung wurden immer wieder 2 bis 3 Stifte unseres Jahrgangs für einige Zeit in die Lehrwerkstatt zurückgeholt. Da mussten wir dann uns an praktischen Aufgaben auf die Prüfung vorbereiten. Auch die Theoriefächer wurden wieder aufgefrischt.

In der Freizeit war das Velofahren nach wie vor meine Lieblingsbeschäftigung, ich lernte immer neue Orte kennen, vor allem im Zürcher-Oberland. Wenn ich heute so zurückdenke bauten wir uns so unbewusst physisch auf ohne irgendein Fitnessklub. Ich hatte Mitstiften die fuhren das ganze Jahr, bei jedem Wetter von Rüti, Hinwil, Dübendorf, Hombrechtikon, Wetzikon usw. zur Arbeit nach Uster mit dem Velo. Verpflegten wurden Sie am Mittag in der Werkseigenen Kantine.

Ich fuhr hie und da an einem Samstagnachmittag zu meinem Götti ins Toggenburg und zurück oder zu Bekannten nach Zürich-Wollishofen und zurück das war keine Anstrengung mehr, das war Genuss pur.

Am 25. April 1952 habe ich meine Kleinmechaniker Lehre beendet und bin in den Angestellten Status übertreten. Ich konnte noch bei Zellweger bleiben bis zum Beginn der Rekrutenschule im Juli des gleichen Jahres. Ich bekam als ausgelernter Kleinmechaniker einen Stundenlohn von Fr. 1.80.
Vor dem Einrücken zur Rekrutenschule in Bern, sandte ich alle meine Sachen per Passagiergut zu meinen Eltern im Tessin. Mit minimalem Gepäck sattelte ich mein Velo und fuhr über den Sattel (Kt. Schwyz) nach Flüelen wo ich in der Jugendherberge übernachtete. Am folgenden Tag fuhr ich mit einigen anderen Jungs Richtung Gotthard - Leventina - Bellinzona - Monte Ceneri - heim zu meinen Eltern in Stabio.

Thedy

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Erlebnis Berufslehre 1948-1952 16 Apr 2016 11:43 #2

Vielen herzlichen Dank, Thedy, für deinen wieder so spannend geschriebenen Bericht. Im Bereich Lehre könnten deine Beschreibungen meine eigenen sein! Ich erlebte die Lehrzeit ganz ähnlich wie du, einige Jahre später allerdings, in Baden bei BBC. Nach Abschluss der Lehre hatte ich bereits einen Stundenlohn von ca. Fr. 6.-! Da es auch ein Grossbetrieb mit vielen verschiedenen Abteilungen war, kam ich in den Genuss, jedes Semester in einer anderen arbeiten zu können, u. a. auch in einem Konstruktionsbüro.
Hier ein Scan meines sog. Lehrbriefes, in einem in Lederimitat gebundenen Umschlag, und sehr nobel von Hand eingetragenen Daten!


WillY

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Erlebnis Berufslehre 1948-1952 16 Apr 2016 22:30 #3

Ja so was habe ich ja auch erlebt nur war es bei mir ein paar Jahre später, nämlich von 1956 bis 1960. Ich konnte allerdings zuhause wohnen. Aber es ging zu Fuss in die Bude, Mittags auch heim zum Essen. Je 1/2 Std hin und zurück. Bei gutem Wetter gab es einen Schleichweg vom Martinsberg durch den Wald hinauf zu Bonzenalp, dieser war etwas kürzer. So jetzt merken wohl einige wo ich meine Sporen abverdient habe. Nämlich am gleichen Ort wie unser WillY.
Meine Lehrbrief habe ich nicht eingescannt, die Noten waren ja leider nur solala. Hatte schon damals öfters mal Flausen im Kopf (nicht erst heute).
Doch der Ausbildungsgang war praktisch wie bei Thedy in Uster bei Zellwegers. Nur waren wir einige Stiften mehr. Pro Jahr wurden jeweils rund 800 Lehrlinge in den Werkstatt-Berufen, wie Maschinenschlosser, Dreher ausgebildet. Auch die Zeichner wurden zu den Werkstattstiften gezählt. Aber wir hatten ein eigenes Schulhaus und hatten bereits ab 1. Lehrjahr einen ganzen Tag Schule pro Woche.
Damals waren wir noch stolz uns zu den Brown Boveri - Leuten zählen zu dürfen. Doch der Lehrplan war vom Verband Schweizer Maschinenindustrieller vereinheitlich. So kamen auch wir in den Genuss der Lehrwerkstätten mit dem berühmten U-Eisen zum Feilen etc. bis wir Blasen in den Handflächen hatten. Wir haben damals noch manche Technik gelernt, welchen heute nicht mehr nachgefragt wird.
Zum Schluss noch das obligate Klassenfoto im ersten Lehrjahr.



Wer findet den Baeremanni auf dem Helgen?

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Letzte Änderung: von Baeremanni.

Erlebnis Berufslehre 1948-1952 17 Apr 2016 16:00 #4

Neunter von links ?
Auf alle Fälle ein Riesenviech !! .. bin schon weg.. ruth-erika

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Erlebnis Berufslehre 1948-1952 17 Apr 2016 18:18 #5

Danke Thedy, Willy und Baeremani für die Schilderung Eurer Berufslehre.
Auch ich habe so einiges erzählenswertes erlebt und möchte das in den nächsten Tagen schildern. für Heute lasse iches sein wegen Zeitmangel
Den Baeremani erkennt man natürlich sehr gut wegen seiner Grüsse. Auch ich ducke mich jetzt weg.

pablito

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Letzte Änderung: von pablito.

Erlebnis Berufslehre 1948-1952 17 Apr 2016 20:59 #6

Herzlichen Dank an Thedy für seinen ausserordentlich informativen und spannenden Bericht aus früheren Zeiten.

Tatsächlich habe auch ich noch ein Bild mit unserer Stiftengruppe im 1. Lehrjahr gefunden. Mechanikerlehre bei der MARTINI AG 1964 - 1968. Da werden viele positive Erinnerungen wach. Ausnahme: 4 x täglich 4 km mit dem Velo.



HJK

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Letzte Änderung: von HJK.

Erlebnis Berufslehre 1948-1952 20 Apr 2016 13:04 #7

Also ich rate, HJK - der .... von links?

Sehr spannende Geschichten aus Euren Berufslehr-Erinnerungen. Ich bin erstaunt, was Ihr alles noch so wisst. Das Einzige was ich noch weiss: Ich war total brav, jedenfalls fast, denn mit der Kirche war ich gerade irgendwie im Zwiespalt.






WillY, jetzt nimmt mich noch wunder, wo Du Deine anderen Lehr- und Wanderjahre verbracht hast ( :woohoo:) Dabei überlege ich immer noch, ob wir uns vielleicht (nach 1958) doch einmal begegnet sind.

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Letzte Änderung: von carmen.

Erlebnis Berufslehre 1948-1952 20 Apr 2016 13:38 #8

carmen schrieb: Also ich rate, HJK - der .... von links?


Der ... von links.

HJK

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Erlebnis Berufslehre 1948-1952 20 Apr 2016 13:41 #9

:woohoo: :woohoo: :woohoo: Bingo - das hab' ich mir doch gleich gedacht! ;)
(Haben wir uns nicht garamänd noch vor dem Urknall schon mal getroffen? :S )

Da hätte ich noch was zum Wandtelefon von Thedy. Wenn das läutete und man meinen Namen rief, habe ich mich schnell irgendwo versteckt, weil ich furchtbare Angst vor so einem Ding hatte (zuhause gab's nämlich noch kein Telefon). Aber bis heute telefoniere ich nicht gern (das muss wohl ein schreckliches Trauma sein :oops: ).

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Letzte Änderung: von carmen.

Erlebnis Berufslehre 1948-1952 20 Apr 2016 14:58 #10

HJK schrieb: Mechanikerlehre bei der MARTINI AG

Martini-Autobau ?

Spannend, eure Lehrzeitberichte.
Fast hätte ich auch eine Lehre gemacht. Mein Vater wollte mich ums Verrecke zu einer Lehre in seiner Schreinerei überzeugen - er wünschte mich als Nachfolger. Zum Glück konnte ich mich aber erfolgreich wehren, das hätte in eine Mord-und-Todschlag-Katastrophe ausgeartet.


Jean-Pierre Guenter

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Jean-Pierre Guenter
Letzte Änderung: von jipégé.

Erlebnis Berufslehre 1948-1952 20 Apr 2016 18:53 #11

Meine Mechanikerlehre 21. April 1947 bis 21. April 1951

Diese absolvierte ich in einer kleinen mechanischen Werkstatt, welche zwei Brüdern gehörte. Wie wir bereits in andern Berichten lesen konnten, musste auch ich zuerst die Grundfähigkeiten wie sägen und feilen erlernen. Es war gar nicht so einfach, eine genaue Fläche mit der Feile hinzukriegen. Immer wieder fand einer der Meister Unebenheiten oder Buckel; aber mit der Zeit kriegte ich das immer wie besser hin. Die beiden Meister hatten nicht immer die gleiche Auffassung im Arbeitsablauf. So musste ich lernen gewisse Abläufe dem jeweils anwesenden Meister anzupassen. Während der Eine mehr Konstrukteur war, hatte der Andere eine ausgesprochen praktische Seite. Darum wurde bei Neuanfertigungen selten nach Konstruktionszeichnungen gearbeitet. Die wöchentliche Arbeitszeit betrug 55 Stunden. Am Samstag um etwa vier Uhr nachmittags konnte ich mit dem Reinigen der Maschinen und dem Aufräumen beginnen. So lag es an mir, wann ich Feierabend bekam, denn auch die Reinigung der Werkstatt zählte zu meinen Aufgaben.

Der Antrieb der Maschinen erfolgte mittel Transmissionen (Wellen mit Riemenscheiben an der Decke montiert). Eine Kaplanturbine diente als Antriebsmotor. Das benötigte Wasser dazu war der Bach, welcher durch dieses Seitental der Emme zufloss. Die Beleuchtung der Werkstatt und der darüber liegenden Wohnungen waren am Generator angeschlossen, ebenfalls durch die Turbine angetrieben. Unsere Arbeit waren zum grösseren Teil Reparaturen an landwirtschaftlichen Maschinen, welche die Bauern herbrachten, dazu gab es auch immer Reparaturen in den umliegenden Sägereien und den zahlreichen Mühlen. Da hiess es jeweil Werkzeug rüsten, in einen Rucksack packen und mit dem Meister auf dem eigenen Velo irgendwohin fahren in eine Sägerei oder eine Mühle. Hier habe ich die ersten Erfahrungen für meine spätere Montagetätigkeiten gemacht.

Da kommt mir eine Begebenheit in den Sinn, welche ich erlebte nach einer Reparatur in der Mühle des Nachbardorfes.Täglich musste ich vier Mal durchfahren,auf meinem Arbeitsweg. Da stand der Müller ab und zu auf der Terrasse, wenn ich auf dem Velo daherkam und rief mir zu:“Sälü Mühlihebamme“. Das wiederholte sich während langer Zeit und immer studierte ich, was ich darauf antworten könnte um das abzustellen, bis mir endlich etwas einfiel. Das nächste Mal als er mich als Mühlihebamme begrüsste antwortete ich ihm :“Sälü Chrüchmüder“ (Chrüch = Kleie). Damit war er gestopft und ich hatte Ruhe vor diesem Titel.

Meine Berufsausbildung habe ich zum grössten Teil dem „Praktiker“ zu verdanken. Der „Konstrukteur“ war viel in der Seilerei des Nachbardorfes als Betriebsmechaniker tätig. Der Praktiker war sehr stark im Kopfrechnen, darum bekam ich während meiner Lehrzeit einige Male eine rechte Lektion im beruflichen Kopfrechnen. Wer wusste zum Beispiel schon, dass die Zahl Pi (3,14, die Verhältniszahl für die Kreisberechnung) als gemeiner Bruch, (3 1/7) wenn auch mit einem kleinen, vernachlässigbaren Fehler zum Kopfrechnen gebraucht werden kann? Das und noch viel mehr musste ich lernen und solche Tricks konnte ich während meinem späteren Berufsleben oftmals gebrauchen.

Die Lehrzeit ging vorbei, die Lehrabschlussprüfung bestand ich mit der Gesamtnote von 1,5 und bekam dafür noch eine Ehrenmeldung von der Prüfungskommission. Mit meinen Lehrmeistern blieb ich viele Jahre sporadisch in Kontakt. Im jahre 1979, als ich in Agua Caliente in Guatemala die Montage leitete, kam der Bericht, dass der “Konstrukteur“ an einem Herzschlag verstorben sei. Daraufhin schrieb ich einen Kondolenzbrief worin ich mich für die gute Ausbildung und die genossene Geduld gebührend bedankte. Dieser Brief freute meinen Ausbildner, den „Praktiker“ so sehr, dass er ihn bis zu seinem Ableben aufbewahrte. Ebenso wurde ich einmal in der Berner Zeitung BZ in einem Artikel über die grosse Rechenreinigungsmaschine für nach USA zu unrecht als „Chefelektriker“ (‼??) bezeichnet. Auch diesen Artikel schnitt er heraus und war aus gutem Grund recht stolz, dass er einen wesentlichen Anteil an meiner Ausbildung geleistet hatte. Das alles erzählte uns seine Frau nach seinem Ableben, welche wir mehrmals im Altersheim besuchten, bis sie selber auch verstarb. Eine schöne Freundschaft ging damit zu Ende,

Ja, nun bin ich schon zwanzig Jahre pensioniert und kann auf ein bewegtes und hochinteressantes Berufsleben zurückblicken. Was mir bleibt, sind viele schöne Erinnerungen, auch an die Lehrzeit. Die Werkstatt existiert nicht mehr. Der Sohn wollte sie nicht übernehmen mit den veralteten Maschinen. Heute er ist Chef Unterhalt in der weltbekannten Firma BLAHA in Hasle Rüegsau.

pablito

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Letzte Änderung: von pablito.

Erlebnis Berufslehre 1948-1952 21 Apr 2016 11:43 #12

Hallo an alle die hier schon dazu beigetragen haben aus alten Zeiten zu berichten. Ich finde das so interessant was wir noch in unserer Jugend erlebt haben. Vieles ist heute nicht mehr möglich und geht vielleicht eines Tages ganz vergessen.

Ich stellte mir diese Frage kurz nachdem ich aus Übersee zurückkam, denn während ich dort arbeitete ist mein Vater im Alter von 57Jahren gestorben. Ich fragte mich damals "was weiss ich überhaupt von meines Vaters Lebenslauf ?" Die Antwort war sehr ernüchternd, ich wusste praktisch nichts. Also begann ich, nachdem ich 1992 pensioniert wurde, meine Erinnerungen aufzuschreiben, damit meine Töchtern später nicht zum gleichen Schluss kommen wie ich dazumal, denn sie können es ja dann nachlesen.

Thedy

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Erlebnis Berufslehre 1948-1952 27 Okt 2016 19:10 #13

Nachtrag zu meinem Beitrag Erlebnis Berufslehre 1948-1952

Während meiner Lehre in Uster war zu jener Zeit das Taschengeld (resp. Lohn) knapp. Desshalb musste man sich als Freizeit-Beschäftigung etwas einfallen lassen, das so wenig wie möglich oder gar nichts kostete z.B. Velofahren, Velo Reinigung, Wandern oder Baden im Greifensee. Auch das Basteln in der Freizeitwerkstatt im Winter war eine Möglichkeit. Gespräche und Diskussionen mit anderen Mitglieder der Jungen Kirche im Kirchgemeindehaus.
Eine kostenlose Freizeitbeschäftigung war der Jungschützen Kurs. Er war von einem der verschiedenen Ustemer Schützenvereine ausgeschrieben. Ich meldete mich und wurde irgendwann ins 300m Schützenhaus der Stadt Uster eingeladen. Das Schützenhaus und der Scheibenstand standen dazumal an der Kantonsstrasse nach Wermatswil. (es mussten Jahre später der Umfahrung Uster weichen.)
Wir bekamen das Jahres-Programm mit den verschiedenen Kurstagen. Es wurde immer an einem Samstag-nachmittag geübt. Natürlich wurde zuerst mal alles rund um das Schiesswesen erklärt. Vor allem der Umgang mit der Waffe, die uns leihweise abgegeben wurde. Wir bekamen alle einen Langgewehr, bei meiner damaligen Körpergrösse von zirka 1.60m musste ich den Riemen schon ziemlich kürzen, damit beim Schultern der Waffe der Kolben nicht am Boden aufschlug.
Wir lernten die Waffe auseinander zu nehmen, reinigen und wieder zusammen setzen. Wir durften sie soviel ich mich erinnern kann, sogar nach Hause mitnehmen.
Zum weiteren Unterricht erstens natürlich das Schiessen, dann lernten wir das Schuss anzeigen im Scheibenstand. Denn es gab noch keine Elektronische Resultats-Anzeige. Man zeigte den Wert noch mit farbigen Kellen an. Diese Ausbildung erteilte uns der Standwart, welcher von der Gemeinde angestellt war. Er war zuständig für die Instandhaltung des Schützenstandes und des Scheibenstandes. Der Stand bestand aus zirka 30 bis 50 Schiessplätzen, wenn ich mich richtig erinnere.
Am letzten Jungschützenkurs an dem ich teilnahm konnten ein paar von uns sogar am Kantonalen Jungschützen-Endschiessen teilnehmen. Dieses wurde an einem Sonntag in Egg durchgeführt. Selbstverständlich fuhren wir mit dem Velo dorthin und wieder zurück.
Am Ende des ersten Jungschützenjahres, fragte der Standwart einige von uns ob wir Interesse hätten ein paar Franken Sackgeld zu verdienen, er suche Zeiger für die Schiess-Anlässe der verschiedenen Schützenvereine die diesen Schiessstand benutzten. Man müsse bereit sein ein wenig seiner Freizeit zu opfern an Samstagnachmittagen oder an Sonntagen. Das kam mir sehr gelegen, denn ich hatte ja nun das Zeigerwesen bereits etwas gelernt. Ich wohnte bei einer Schlummermutter und konnte frei über meine Freizeit verfügen.
So kam es dass ich des öftern Post vom Standwart bekam um an einem Schiessanlass im Zeigerstand Dienst zu tun. Ich machte das sehr gern, ich lernte wie man genau anzeigen musste wo der Schuss sass und welches sein Wert war. Selbstverständlich standen uns am Anfang schon „bestandene“ Zeiger zur Seite. Das heben und senken der Scheiben forderte uns auch körperlich sehr und am Schluss jedes Anlasses gehörte es zur Aufgabe der Zeigermannschaft die Scheiben zu versorgen und den Scheibenstand zu reinigen.
Und nicht zu verachten, wir wurden verhältnismässig gut bezahlt.
Im Hinblick auf die Rekrutenschule war ich auf alle Fälle betreffend Waffenkenntnisse und Zeigerdienst schon gut vorbereitet.
Thedy

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