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THEMA: Damals 1946 als...

Damals 1946 als... 19 Apr 2016 10:31 #1

  • Thierry Leduc
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Damals als Marti 1946 ihren Heinz heiratete, gehörten Begriffe wie „baby-boomers" und „Aktivdienst-Generation" noch nicht zum Repertoire der Politjournalisten. Heinz war der Skikönig des Berner Oberlands, mehrmaliger Lauberhornsieger und Schweizermeister in der Viererkombination, die neben der Abfahrt und dem Slalom auch Skisprung und Langlauf umfasste. Marti hatte den attraktiven Ski-Champion während eines Ferienaufenthalts kennen gelernt. Es dürfte nicht am Lauberhorn gewesen sein. Unterländerinnen waren in Schnee und Eis eher unbeholfen, wenn sie die gut unterhaltenen Spazierwege verlassen hatten. Und selbst dort war es Hedwig, ihre Mutter, welche die Blicke auf sich zog, wenn sie sich, den nicht ganz billigen Persianermantel über die Schultern geschlagen, auf ihre täglichen Rundgänge begab. Es muss somit Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Als Marti und Heinz als frisch vermähltes Paar, unter Glockengeläute, mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau aus der Dorfkirche traten, standen die Skilehrer in ihren roten Windjacken Spalier, und die Hochzeitsgesellschaft schritt unter den zu einem Dach erhobenen Stöcken und lautem Hurra in Richtung Hotel Falken. Das traditionelle Haus zwischen Wengeneralp Bahn und Figeler wurde von Mimi Häsler geführt, die ebenfalls die Handelsschule in Neuenburg besucht hatte. Schon bald nach unserer Ankunft, bin ich dort eingeschlafen. Ein Jahr später waren wir zurück und verbrachten unsere Skiferien wiederum im Falken. Ich hatte jetzt meine eigene Skiausrüstung und durfte die Skischule bei Onkel Heinz besuchen. Hedwig und August Bannwart waren zur gleichen Zeit nach Wengen hoch gefahren, bevorzugten aber das etwas teurere Silberhorn, das auch mir besser gefallen hätte, denn hier spielte ab 16 Uhr die Kapelle zum „Afternoon Tea". Während der ungarische Stehgeiger einfühlsam Melodien aus der Csardasfürstin intonierte, wurden die heissen Getränke. „im Kännchen" serviert. Die Patiserie durfte man am Buffet aus einer Glasvitrine selbst aussuchen, und eine elegante Dame brachte dann „die Stückli" auf einem Porzellanteller mit Silberhornsignet an den Tisch der erlauchten Gäste. Da gehörte ich gerne dazu, vor allem in Begleitung meiner Grossmutter, die sich vorbehaltlos freute, wenn ich nach einer Crème-Schnitte und dem Vanille-Cornet auch noch ein Erdbeertörtli verdrückte. Dass ich im Hotel Falken öfters unter Appetitlosigkeit litt, war nicht weiter alarmierend und für meine Mutter ein klares Zeichen dafür, dass ich mich nur schwer mit der etwas unvertrauten Hotelküche befreunden konnte. Eine Blinddarmentzündung jedenfalls musste man keine mehr befürchten.

In den Fünfziger-Jahren wurde Wengen unser bevorzugtes Ferienziel, eine Woche im Winter, drei Wochen im Sommer. Im Winter logierten wir jetzt regelmässig im Hotel Hirschen, unmittelbar unterhalb des Hauses von Tante Marti und Heinz, im Sommer mieteten wir einen Stock im Chalet Bergruh, das einer Familie Graf gehörte, wobei man wissen musste, dass der Familienvorstand mit „Herr Graf" angeredet werden wollte, obwohl er im Dorf besser als „das Müller Fritzi" bekannt war. Im Berner Oberland galten andere Gesetze, die von Feriengästen respektiert wurden, selbst dann, wenn sie einer inneren Logik entbehrten. Seit der Geburt von Silveli, hatte meine Mutter keine Zeit mehr, ans Skifahren zu denken. Zwar wurde ihre Ausrüstung immer noch sorgfältig im Estrich verwahrt und vom Vater, zusammen mit den anderen Latten, anfangs Dezember mit einem „Dauerbelag" der Marke „Siglis" versehen, der sorgfältig in zwei Anstrichen aufgetragen werden musste. Ich selbst war ein begeisterter Skiläufer, beherrschte meine Skis hinreichend - Stemmbogen, Stemm-Christiania, Christiania - entwickelte aber zwischen Wengeneralp und Innerwengen nicht immer das meinen Fähigkeiten angemessene Tempogefühl. Sicherheitsbindungen gab es keine, Zerrungen, Verstauchungen, Prellungen waren deshalb keine Seltenheit. In der Erinnerung vermischt sich deshalb der Geruch des frisch aufgetragenen Siglis-Belags mit jenem von Essigsaurer Tonerde und die Freude des herrlichen Gleitens auf frisch verschneiten Hängen mit dem Arger, dass einmal mehr die „Skisaison" vorzeitig abgebrochen werden musste. Nur zu gerne hätte ich es meinem Onkel gleich getan, der scheinbar mühelos in toller Fahrt durch den Pulverschnee kurvte und am Nachtspringen auf der Männlichen Schanze unter dem Applaus der Zuschauer elegant und sicher auf dem von brennenden Fackeln markierten Zielhang landete. Da tröstete es mich wenig, dass Tante Marti, die ihren eigenen Skilehrer geheiratet hatte, schon bald den Skilauf ganz aufgab und auch das Nachtspringen nicht mehr regelmässig besuchte. Vordergründig führte man dies auf die Geburt meiner Cousine Susanne zurück. Ich hegte da meine Zweifel, wusste aus Erfahrung, dass man den Erwachsenen nicht alles glauben durfte: Wir Männer waren sportlich, Frauen nur sportiv.

Der Ausflug auf die Mettlenalp fand jeden Sommer, jedoch nur bei schönem Wetter statt, musste somit sorgfältig geplant werden. Stets trugen wir Cervalats und reichlich Brot im Rucksack mit. Unser traditioneller Lagerplatz befand sich am Rande der grossen Wiese unter einer Schermtanne. Die Feuerstelle musste etwas ausserhalb eingerichtet werden, wegen der Waldbrandgefahr, obwohl ich mir bei all dem Regen nie so recht vorstellen konnte, dass da irgendetwas anbrennen könnte. So oder so, galt es als „eine Kunst", das eingesammelte Brennholz ohne grosse Rauchentwicklung zu entfachen, trotz den dicken Zeitungsbündeln, die der Vater vorsorglich eingepackt hatte. Winnetou und Old Shatterhand verfügten noch nicht über solchen Luxus, waren auf Feuerbohrer und Zunder angewiesen, hatten aber den Vorteil, ihre Jagdgründe nicht im Berner Oberland aufschlagen zu müssen. Geistig waren sie mir auf der Mettlenaip trotzdem sehr nahe, und die kunstvoll an beiden Enden übers Kreuz eingeschnittene Cervalat, sorgfältig über niedriger Flamme gebraten, schmeckte so gut wie frisches Büffelfleisch, das ich ohnehin nur aus der Literatur kannte. Die mächtigen Schermtannen, die weiten, saftig-grünen Alpweiden mit farbiger Blumenpracht übersäht, der Bergbach wild zu Tale stürzend, haften fest in der Erinnerung und werden jedes Jahr noch etwas mächtiger, grüner, farbenprächtiger und wilder. Deshalb möchte ich lieber nicht dorthin zurückkehren. Auch Cervalats, aufgespiesst an einer frisch geschnittenen Buchenrute, braten wir keine mehr an offener Feuerstelle über kleiner Flamme. Büffelfleisch von glücklichen Agri Natura Rindern ist demgegenüber in jeder grösseren Coop Filiale erhältlich und Ersatztanks für den Gasgrill Marke „Outdoor Chef' an jeder beliebigenTankstelle.

Das „Café Oberland“ war für mich eine Stätte des Ruhms, denn hier wohnte Hedy Schlunegger, die Abfahrts-Olympiasiegerin von St.Moritz. Den Empfang der Helden, bei ihrer Rückkehr ins Berner Oberland, erlebte ich vor Ort "live" an der Hand meiner Grossmutter. Es war schon dunkel, als die Schlunegger und der Molitor im Scheinwerferlicht unter den Klängen der Dorfmusik und dem tosenden Applaus der Menge die eiligst gezimmerte Holzbühne auf dem Vorplatz zwischen Hotel Eiger und Bahnstation betraten. Hier wurde 1948 Weltgeschichte geschrieben. Auch Karl Molitor fand ich sehr sympathisch; er hatte sogar zwei Medaillen errungen, allerdings bloss eine silberne und eine bronzene und das - so wurde ich von den Erwachsenen aufgeklärt - sei weniger wert als eine goldene. Trotzdem war es der Silbermedaillengewinner, der in den kommenden Jahren das Dorfbild von Wengen prägte, denn sein Sportgeschäft an der Hauptstrasse wurde in den 50-ziger Jahren zur Institution. Neben den üblichen Sportartikeln verkaufte Molitor rahmengenähte Skischuhe aus eigener Produktion mit Doppelschnürung, das Beste und Teuerste, was sich der ambitionierten Skiläufer leisten konnte. Onkel Heinz leistet sich pro Saison zwei Paar dieser Schuhe. Wenn man jeden Tag auf Skiern steht, müssen die Schuhe über Nacht vollständig austrocknen, damit die Füsse bei jeder Witterung gut geschützt und warm bleiben. Das habe ich sehr bewundert, denn ein Molitor Skischuh blieb für mich ausser Reichweite. Bally sei ebenso gut, wurde ich im Unterland belehrt. Skilehrer trugen so was nicht, jedenfalls nicht in Wengen, am Fusse des Lauberhorns, wo Olympiasieger trainierten. Später kauften dann die Leute Schnallenschuhe von Henke und Raichle und das Sportgeschäft Molitor zeigte Schaufensterpuppen mit Skianzüge der Marke Bogner. Hedy Schlunegger habe ich nie mehr gesehen. Sie habe nach Grindelwald geheiratet, sagte Tante Marti, heisse jetzt Kaufmann, Rennen fahre die schon lange nicht mehr. 2003 ist Hedy Schlunegger kurz nach ihrem 80igsten Geburtstag gestorben. Als Martina Schild 2006 an der Olympiade in Turin Silber in der Abfahrt holte, sagte sie im Interview, ihre Grossmutter habe ihr Kraft gegeben, das hätte sie gespürt.

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Letzte Änderung: von Thierry Leduc.

Damals 1946 als... 03 Jun 2016 09:55 #2

Köstlich, Deine Schreibe, Thierry - immer aus der Sicht des kleinen Zuschauers !


Jean-Pierre Guenter

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Jean-Pierre Guenter
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