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THEMA: Heute, vor genau 61 Jahren

Heute, vor genau 61 Jahren 05 Mai 2016 07:58 #1

Donnerstag, 5. Mai 1955, 0800 Uhr

„Ai Bub, wo willste denn hin“ fragte mich ein grimmiger Werkschutzmann am Tor 1 der Farbwerke Höchst, vormals Meister, Luzius und Brüning, als ich mich weisungsgemäss auf der Wache meldete und ihm den Einladungszettel vor die Nase hielt.
„Ai uff die Werkschuul soll ich – zum Dokter Overbeck habbe se gesacht“ konterte ich.
„Ai natürlich, heut komme se, die neue Stifte – na da geh mal da widder raus, zwei Häuser enuff un dort steht’s ageschribbe – Werkschul – lese kansste ja hoffentlich un dort klingelste“, beschied mich der nun recht freundlich gewordene Cerberus und drehte mich mit seiner Riesenpranke in Richtung Höchst und gab mir einen kleinen Schubs.
Ich tat wie mir geheissen und bald stand ich vor dem Leiter der Werkschule, Herrn Klein, der mich sehr förmlich begrüsste: „Ach da ist ja unser kleiner Schweizer ! 25 Köpfe drehten sich in meine Richtung und 25 Augenpaare musterten den kleinen Schweizer, der immer kleiner wurde.

November 1953, Knabensekundarschule Kreis 2 (Munzingerschule), Bern

Auf dem Formular stand : Was ich werden möchte und warum ! Der Zettel lag auf meinem Pult und wartete darauf, ausgefüllt zu werden. Bestimmt war er für die gestrengen Herren der Berufsberatung, die uns, kurz vor Beendigung der Schulpflicht examinieren und uns den geeigneten Beruf aufzeigen sollten. Schwungvoll schrieb ich „Laborant“ und schusterte irgendwas zum Warum zusammen. Ich hatte keine Ahnung ! Die Zettel wurden eingesammelt und verschwanden bis nach den Winterferien in der Versenkung. Im Januar 1954 kamen die Aufgebote der Berufsberatung, Gerüchte machten die Runde, bereits Beratene verbreiteten ihre Testresultate und es erhob sich eine allgemeine Nervosität. Wir alle glaubten, dass die Berufsberater eine Art Halbgötter wären deren Urteil wir uns widerspruchslos zu beugen hätten. Jedenfalls stand ich bald auch vor dem Berater, beziehungsweise sass und beantwortete ziemlich dämliche Fragen, verbog Drähte und hatte das Gefühl, der Herr Berater hatte keine Ahnung von der Tätigkeit eines Laboranten, er sprach von Ratten und Mäusen und ich beschloss damals (für mein ganzes zukünftiges Leben), dass alle Berufsberater vollkommen inkompetent seien (ich hatte tatsächlich recht).
Nach etwa vier Wochen wurden dann die Resultate verteilt: ich eignete mich hervorragend als - Wagner. Dabei lag ein Anmeldeblatt, das ich ausgefüllt an die Wagnerei XY in Bern schicken sollte, aber dalli, denn die Wagnerlehre war sehr gefragt. Da ich nicht wusste, was Wagner ist, musste ich mich erst mal erkundigen und da es noch kein Internet gab, dauerte das etwas länger. Dabei stiess ich immer wieder auf die Wagnerei XY (die einzige und letzte in Bern), die mit allen Mitteln einen Lehrling suchte. Dass der Berufsberater und der Wagnermeister den gleichen Namen hatten fiel mir erst viel später auf.
Nun mussten wir in der Schule alle einen Bewerbungsbrief schreiben und abschicken, ich vergass den Wagner und bewarb mich bei allen drei Firmen in Bern, die Laboranten ausbildeten, Aseol, Dr. Wander und Serum-und Impfinstitut. Natürlich war ich viel zu spät und die Lehrstellen schon besetzt oder mein Zeugnis zu schlecht (alles 6, nur im Franz 5). Das Seruminstitut offerierte mir aber eine recht gut bezahlte Stelle als Hilfsarbeiter.
Da ich ja offensichtlich nicht gefragt war, entschloss ich mich, noch ein Jahr zu warten und als Hilfskraft zum Serum zu gehen. Eine interessante, aber andere Geschichte.

Kurz vor Ostern 1954

Freudestrahlend fanden meine Mutter und ich im Anzeiger ein Inserat :
Laborantenlehrling gesucht !
Sonnenapotheke Köniz (gibt es noch aber mit neuer Besatzung) sucht Laborantenlehrling, bitte Bewerbungen an Frau Dr. Blabla (Name der Redaktion bekannt)
Also habe ich alle Bewerbungsunterlagen nochmals abgeschrieben (Kopierer gab es noch keine) und an die Frau Dr. eingereicht, die uns dann auch bald huldvoll empfing, meine Zeugnisse betrachtete, einen Untergebenen um seine Meinung fragte und mich schliesslich per Handzettel und Unterschrift einstellte. Kurz darauf nahm ich meine Tätigkeit auf und wunderte mich allerdings schon etwas über manche merkwürdigen Ausbildungsmethoden und kam endgültig auf die Welt, als die Amtsvormundschaft wissen wollte, was ich nach der Schulentlassung zu tun gedenke. Natürlich wurde der unterschriebene Handzettel eingereicht, amtlich begutachtet und als nicht genügend bezeichnet. Frau Dr. durfte gar keine Laboranten sondern nur Apothekenhelfer ausbilden. Das hat sie zu Kenntnis genommen und mir fristlos gekündigt. Sie suchte einfach einen billigen Hilfsarbeiter. Etwas habe ich allerdings dort gelernt. Der Drogist Max Hauerter, ein absoluter Töfffan, hat mir gelernt mit schweren Maschinen umzugehen, zuletzt eine Vincent HRD, Black Lightning 1200ccm . Dafür war ich ihm immer dankbar.
Unterdessen hatte mein Frankfurter Grossvater für mich eine Bewerbung an die Farbwerke Höchst geschrieben und von dort eine positive Antwort erhalten. Alle Bewerber wurden in den Herbstferien geprüft und hatten sich daher im September in Höchst zur Prüfung einzufinden. Vorgängig mussten Lebenslauf und Zeugnisse eingereicht werden und mein Grossvater befand mein Zeugnis als Katastrophe, alles Sechser und eine Fünf, keine genügende Note und so musste mein Zeugnis auf dem Deutschen Konsulat auf Deutsch übersetzt werden – alles Einsen und eine Zwei, das sah schon besser aus.

September 1954, Hauptgebäude Farbwerke Höchst, Frankfurt/Main-Höchst, 0900 Uhr

Begrüssung der 200 Bewerber durch den Schulungsleiter Herrn Dr. Overbeck, Verteilung des Tagungsprogramms, Gruppeneinteilung, Theoretische und praktische Lehrlingsprüfung, Mittagessen im Prokuristen Kasino, weitere Prüfungen und Befragungen.
1600 Uhr, Vollversammlung, Resultate und Unterzeichnung der Lehr-und Anlernverträge.
Da sass ich nun, kannte niemanden und es entfaltete sich um mich herum das, was viele Leute „Deutsche Gründlichkeit“ nennen. Das war ich nicht gewöhnt, 200 Bewerber, Tests, Befragungen, Warten – es war ein sehr langer und harter, aber auch ein lehrreicher Tag.
Kurzum, ich wurde in die Gruppe des Oberbosses Dr. Overbeck eingeteilt und absolvierte dort meine praktischen Tests offensichtlich zur Zufriedenheit. Anschliessend hatte ich die Ehre, mit dem Chef himself zu reden, ich war ja auch der einzige Exot, sein kleiner Schweizer, und er eröffnete mir, dass er einige Semester in Bern studierte und im Fischermätteli beim Schreiner Ommerli wohnte, diese –li amüsierten ihn und als er mir erzählte, dass er mit dem Ommerlibuben Fussball gespielt habe, habe ich kurz erwähnt, dass dieser Bube mein Klassenkamerad gewesen sei, war mein Lehrvertrag unter Dach und Fach. Mit Dr. Overbeck hat mich in der Folge eine lange und intensive Freundschaft verbunden und er hat mir manche Türe aufgeschlossen was ich ihm auch post mortem verdanke.

Fortsetzung folgt

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Heute, vor genau 61 Jahren 05 Mai 2016 08:25 #2

Danke leblanc für diesen interessanten Bericht über deinen Werdegang zur damaligen Zeit.

Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in die Menschen hineinhuschen kann.

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Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in die Menschen hineinhuschen kann.

Heute, vor genau 61 Jahren 05 Mai 2016 11:18 #3

Donnerstag, 5. Mai 1955, 0900 Uhr, Werkschule Farbwerke Höchst, Hörsaal
Da sass ich nun ich kleiner Schweizer unter all den deutschen Mädels und Buben und wurde von allen Seiten begutachtet. Es gab aber gleich zu Anfang auch groteske Momente, als etwa Schulleiter Klein mich fragte ob ich denn auch Deutsch verstehe und ich ihm im schönsten Frankfurterisch antwortete.
Von da an gab es überhaupt keine Probleme mehr – die ganze Klasse vergass wie auf Kommando meine Herkunft und ich war ein Stift unter Stiften.
Während meiner gesamten Lehrzeit in Höchst habe ich niemals irgend eine ausländerfeindliche Bemerkung mir gegenüber gehört.
Dann kam ein bemerkenswerter Mann in den Hörsaal, nicht sehr gross aber unheimlich präsent und unglaublich freundlich zu uns und verteilte uns ungefähr 10 verschiedene Fragebogen, die wir bis um 1130 Uhr alle auszufüllen hätten. Er hiess Amthauer und war der Betriebspsychologe und hat im Laufe seines Lebens mindestens 50 verschiedene Psychotests erfunden, die er alle an den etwa 250 Stiften des Werks testete. Ihm verdanke ich die profunde Kenntnis fast aller Psychotests, was mir im späteren Leben dann und wann zugutekam.
An die Namen der anderen Ausbilder erinnere ich mich nicht mehr so genau, wohl aber an ihre Aufgaben.
Um 1130 Uhr gabs erst mal eine Zigarettenpause (!) und dann wurde uns beigebracht wie man sich richtig verpflegt. Es gab im Werk Höchst etwa 15 Kantinen, ein Prokuristen Kasino und ein Vorstandsrestaurant. Die beiden letzteren waren für uns natürlich tabu, ausser wenn Stühle und Tische aufgestellt oder abgeräumt werden mussten.
Das Essen war, ausser im Vorstandsrestaurant, überall das gleiche. Es kostete für Anlernlinge und Lehrlinge mit eigenem Essbesteck 50 Pfennig pro Mahlzeit, ohne eigenes Essbesteck 60 Pf. Für Wochenlöhner (blaues Überkleid oder Mantel) mit 1 Mark, ohne 1,20 Mark. Für Monatslöhner (Weisser Berufsmantel) in bedienter Zone 1,20, mit Getränk (Bier oder Cola)1,50. Anlernlinge, Lehrlinge und Wochenlöhner konnten nicht in die bediente Zone. Für Anlernlinge und Lehrlinge gab es ein Essbesteck gratis (ich habe es noch heute).
Selbstverständlich gab es auch eine Kleiderordnung. Anlernlinge und Erstjahreslehrlinge trugen den Blaumann, Monatslöhner und Lehrlinge ab zweitem Lehrjahr einen weissen Kittel. Privatkleidung wurde nur in Büros geduldet.
Nach dem Mittagessen wurden die Berufskleider verteilt und die einzelnen Lehrlinge bekamen mitgeteilt, wo sie sich zu melden hätten. Die Anlernlinge wurden sofort auf die Betriebe verteilt.
Zu dritt blieben wir für die nächsten drei Monate in der Werkschule und durften vom Morgen bis am Abend – Laborglas abwaschen.
Da unser Chef ein starker Raucher war gabs auch immer wieder Zigarettenpausen, die er in der Gartenwirtschaft nebenan verbrachte und so waren die ersten Monate für uns weitgehend stressfrei.

Kurz nach vier war der erste Tag auch für mich gelaufen und ich freute mich auf ein kühles Bier in besagter Gartenbeiz, als das bezaubernste Wesen der Erde, mit rotem Rossschwanz (ich stehe noch heute auf Rothaarige) und mindestens sieben Petticoats in meinen Gesichtskreis trat und mir wortlos eine kalte Chesterfield vor die Nase hielt – sie wollte Feuer und sie kriegte es auch, da sagte sie „I am June“ und ich „I am August“ und sie setzte sich an meinen Tisch und sagte „This is OK, lets make a July bertween us“!
So kam ich schon am ersten Arbeitstag zu einer amerikanischen Freundin und amerikanischen Zigaretten.

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Heute, vor genau 61 Jahren 05 Mai 2016 12:10 #4

Zitat:
Es gab aber gleich zu Anfang auch groteske Momente, als etwa Schulleiter Klein mich fragte ob ich denn auch Deutsch verstehe und ich ihm im schönsten Frankfurterisch antwortete.

Ich könnt' mich totlachen, leblanc.

So oder Ähnliches (Petticoats) erinnern mich an meine Lehrzeit.

Apropos: Die rothaarige, amerikanische Freundin hat Dir dann auch den Jazz näher gebracht? :lol:

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