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THEMA: 1959-1962 Wie ich Paris erlebte....

1959-1962 Wie ich Paris erlebte.... 22 Jul 2016 15:45 #1

Wie ich Paris erlebte…

Ich komme gerade von einer Flussreise von Paris auf der Seine zum Ärmelkanal zurück. Bitte fragt mich nicht nach dem erlebten, denn das Wetter war das lausigste das wir seit vielen Jahren in den Ferien erlebt haben. Leider konnte ich auch am letzten Tag mein geplanter Ausflug zum 19. Arrondissement in Paris nicht durchführen, denn das Wetter war dermassen regnerisch und ich hatte keine dafür geeignete Kleidung dabei.

Wie ich schon in einer früheren Erzählung hier beschrieben, habe ich während meiner Ausbildung als Lochkarten- und Computertechniker zusammengezählt zirka 14 bis 16 Monate in dieser wunderschönen Stadt verbracht.

Natürlich haben meine Studien-Kollegen und ich die freie Zeit die wir hatten für diverse Ausflüge und Abenteuer genutzt, die ich hier zum Besten geben will. Es handelt sich um die Jahre 1959 bis 1962. Zu jener Zeit arbeitete man in der Schweiz noch am Samstagmorgen, an der Schule in Paris waren Samstag und Sonntag frei. Mehrmals hatte ich auch mein Auto (VW) mit dabei.


Mit meinem Käfer an der Boxe von Le Mans

Da unsere Schule an der Avenue Jean Jaurès lag, wohnten die meisten von uns im 19ten Arrondissement, Rue de Belleville, Parc des Buttes-Chaumont, Avenue Simon Bolivar, in dieser Umgebung wohnten viele weisse Algerien Rückkehrer sogenannte „pied noir“. Wir lebten dort sehr
sicher, auch nachts konnte man anstandslos noch zu Fuss unterwegs sein. Wir hatten unser Hotel Bolivar dort gefunden, mit einer sehr aufgestellten Besitzerin, sie führte auch ein ganz kleines Restaurant, dies öffnete sie allerdings nur für die Zeit der Mahlzeiten Mittags und Abends. Zu jener Zeit konnte man noch viele französische Eigenheiten beobachten, die bei uns unmöglich gewesen wären, ausser vielleicht im Welschland. z.B. am morgen früh kommt ein Mann aus seinem Haus im Pyjama überquert die Strasse um im gegenüberliegenden Bäckerladen die frischen Croissants zu holen oder im Bistro an der Ecke schon den ersten kleinen „Weissen“ zu kippen.

Im Bistro an der Ecke nahmen auch wir nach dem Essen immer noch gerne einen kleinen Café. Auch die Flipperboxen waren noch hoch im Kurs, da konnte man schnell mit Einheimischen in Kontakt kommen. Auch das Würfeln um den Café, den digestiv oder um den Apero lernten wir kennen, entweder das „421“ oder das würfeln mit sechs Würfeln.

Eine weitere Eigenheit der Bistro’s war der Zahlmodus. Wenn man zum Beispiel einen „Ballon de Rouge“ bestellte, fragte der Kellner Cote du Rhone oder Bordeaux ? Sobald das gewünschte Getränk vor einem stand legte der Kellner noch einen kleinen plastik Unterteller daneben. Das bedeutete dass, das Getränk noch nicht bezahlt war. Sobald man zahlte brachte der Kellner das Geld der Patronne, die am Ende des Tresens an einem erhöhten Pult sass und den Betrieb überwachte. Sie legte das Retourgeld in den Plastik Teller und der Kellner brachte diesen zurück zum Gast. Liess der Gast das Retourgeld im Teller nahm dies der Kellner nach einer Weile und warf es in eine Schachtel oder Büchse unter dem Tresen und kehrte den Plastik Teller um. Das hiess es ist bezahlt.

Selbstverständlich haben wir alle die verschiedenen Unterhaltungslokale und Orte besucht, Maillol, Moulin Rouge, Pigalle, Casino de Paris, mit der Zeit aber gemerkt, dass es überall eigentlich nur noch um die Schaustellung von unbekleideten Damen ging. Getanzt wurde fast nicht mehr. Uns begann das tägliche Leben eigentlich viel mehr zu interessieren, wie der Pariser oder die Pariserin so leibt & lebt.

Was wir dafür öfters besuchten waren die Hallen. Das war der En Gros Markt von Paris er stand mitten in der Stadt, rund um die Rue Sebastopol, da wurde die Nacht zum Tag. (Leider existiert er heute nicht mehr dort) Wer die Hallen nicht gesehen und erlebt hat der hat damals das beste Nachtprogramm verpasst. Da traf man alle Sorten und Arten von Menschen, da war Nachtarbeit und Nachtvergnügen so nahe und verwoben. Chauffeure die Waren brachten, Lagerarbeiter, Dirnen mit ihren Zuhälter, Polizisten (Flic), Bettler und natürlich die Clochards aber die fand man ja in der ganzen Stadt. Ganz wie im Film „Irma la Douce“ nur in Realität.

Dazu muss man sagen das Läden und Restaurant Öffnungs Gesetz war sehr flexibel. Es hiess wie folgt: Jedes Lokal muss innert 24 Stunden mindestens 4 Stunden geschlossen sein. Wann dieser 4 Stunden Break stattfand war egal.

Auch ein spezielles Lokal von früher möchte ich nicht unerwähnt lassen, es lag am linken Seine-Ufer im sogenannten „Quartier latin“, dort wo damals die „Existenzialisten“ beheimatet waren. Das Lokal hiess LA GRENOUILLE (der Frosch), es war sehr einfach mit Bänken und Stühlen und jeder setzte sich neben den anderen, auch wenn nicht miteinander bekannt. Als ich den Kellner nach der Karte fragte wurde ich komisch angesehen, bis der Kellner zurückkam und mir einen Feldstecher in die Hand drückte und sagte, dort vorne auf der Schiefertafel steht das heutige Angebot aufgelistet. Tatsächlich hing über dem Comptoire ein grosse Schiefertafel wo das heutige Angebot aufgelistet war. Nun man lernt immer wieder dazu !!

Interessant war auch wie die Strassenreinigung gehandhabt wurde. Dies geschah immer in den frühen Morgenstunden. Die Strassenkehrer öffneten jeweils in ihrem Bereich an der höchsten Stelle einen Hydranten und spülten so den Dreck und den Unrat des Vortages mit eine paar Besenschupser in die Kanalisation. Zu beneiden waren sie nicht, denn schon damals waren die Strassenränder vollgestopft mit geparkten Autos. Und trotzdem schafften sie es ziemlich gut.

Das Parkieren der Autos war schon damals, es gab noch kaum Parkhäuser, sehr heikel. Es gab Strassenzüge in denen die Fahrzeuge vom ersten des Monats bis zum 15ten des Monats links parkieren durften, für die zweite Hälfte des Monats mussten die Autos am rechte Rand parkiert werden. Die alten Mietshäuser haben meistens einen grossen Hauseingang, ein Doppeltor. Da davor zu parkieren war gefährlich, sehr rasch konnte das Auto auf dem Polizei Revier zu holen sein. (Abgeschleppt) Und das war recht teuer.

Wenn ich jeweils mein Auto dabei hatte parkierte ich es meistens in der Nähe der Schule, da war die Strasse so breit, dass auf beiden Seiten parkiert werden durfte. Und da liess ich es meistens die ganze Woche stehen. Nur einfach abgeschlossen, allerdings entfernte ich jeweils den Zündverteiler im Motorenraum, so war ein fortfahren kaum möglich. Ich habe nur einen einzigen kleinen Eindruck am vorderen Ausstellfenster festgestellt, da hatte ein Amateureinbrecher versucht das kleine Fenster zu öffnen.

Im Zentrum der Stadt und um die diversen Bahnhöfe herum gab es auch schon blaue Zonen. Übrigens betreffend Autofahren in Paris, lehrte mich schon der Rüffel eines Berufschauffeurs am ersten Tag als ich 1959 in Paris eintraf. Er erklärte mir ganz anständig, hier in Paris schaust Du beim Fahren nur nach vorne und nach rechts, wer von rechts kommt hat immer Vortritt. Nachts durfte man auf dem gesamten Stadt Gelände nur mit Parklicht herumfahren. Die Scheinwerferlampen mussten gelbes Licht abgeben. (das war Vorschrift). Die französischen Autos hatten von Fabrik aus schon gelbe Scheinwerfer. Ausländer mussten ihre Scheinwerfer-Glühbirnen gegen gelbe auswechseln um keine Polizeistrafe zu kassieren.

1959 als ich das erste Mal nach Paris zur Ausbildung kam hatte ich auch meinen Käfer bei mir. Ich erfuhr auf irgend eine Weise, dass Ausländer in Frankreich durch einen Stempel im Versicherungsausweis des Fahrzeuges das Benzin viel billiger tanken konnten. Also suchte ich nach dem bestimmten Amt wo man diesen Stempel erhalten konnte. So kam ich als Ausländer zu billigerem Benzin allerdings war die Menge beschränkt. Mein Versicherungsausweis war nur für ein halbes Jahr gültig, bald musste ich bei der Versicherungsanstalt einen neuen Ausweis bestellen, den ich auch prompt erhielt. Dieser Ausweis hatte noch keinen Benzinstempel also beschaffte ich mir nochmals einen solchen und konnte weiter mit billigerem Benzin herumfahren. (Das Benzin war damals in Frankreich ohne Stempel sehr teuer.)

Immer wenn ich das Auto nach Paris mitnahm, war klar, an den Wochenenden fuhr ich aufs Land. Meistens in die Normandie, die Bretagne oder südlich zur Loire. Dort faszinierten mich die vielen mehr oder weniger gut erhaltenen Schlösser und Burgen. Mit den Michelen Autokarten und dem Michelen Guide über die Schlösser fand man jedes auch so versteckte Schloss. Im Auto hatte ich immer mein 2er Zelt und den Schlafsack dabei. Meistens begleitete mich noch ein Mitschüler, so lernte ich einen schönen Teil von Frankreich kennen. Zu jener Zeit wurden viele Schlösser und andere erhaltenswerte Bauten in Frankreich auf Staatskosten restauriert. Das war die Aktion „Son et Lumiere“ welche soviel ich weiss von General De Gaulle lanciert wurde. Viele dieser wunderbaren Bauten wurden jeweils in den Nächten der Wochenende in den Sommermonaten durch Scheinwerferlicht hell beleuchtet und zum Teil mit Musik beschallt.

In den kleinen Ortschaften auf dem Lande hatten wir sehr oft das Glück sehr gutes lokales Essen und Trinken zu finden. Die französische Küche hat ja so viel Gutes zu bieten, jede Region hat etwas spezielles zu bieten. Zum Glück war damals der Alkoholgenuss noch nicht so verpönt wie heute, so dass wir ohne uns schämen zu müssen zu jedem Mahl Wein konsumierten.

Das grösste Problem der Ausflüge aufs Land über das Wochenende, war jeweils die Heimkehr nach Paris, denn die meisten Einfall-Strassen waren dann mit heimfahrenden Wochenend-urlauber verstopft. Ich fand dann irgendwo mal eine Strassenkarte welche alle, auch die kleinsten Strassen welche in die Stadt führten aufzeigte, mit dieser hatte ich dann meistens mehr Erfolg.

Wir haben aber hie und da etwas Gewagtes unternommen, so haben mein Freund Robert und ich mal beschlossen über ein Wochenende mit meinem VW Käfer in die Schweiz zu fahren und wieder zurück. Wohlverstanden und das ohne einen Kilometer Autobahn, die gab‘s auf dieser Strecke noch nicht. Am Freitag nach Schulschluss genehmigten wir uns noch ein gutes Nachtessen und dann ging es los in Richtung N19 (National 19) so war die Hauptstrasse gekennzeichnet. Morgens um 4 Uhr erreichten wir Schaffhausen, wo mein Freund wohnte. Dann wurde eine Weile geschlafen um dann ein kleines Fest zu feiern bis in die Nacht mit viel Geplauder und Geschichten etc.

Nach einem Sonntäglichen Spaziergang nach dem Mittagessen legten sich Robert und ich nochmals auf’s Ohr. Gegen Abend hin fuhren wir wieder los Richtung Basel, Belfort, Vesoul, Chaumont, Troyes bis Paris. Wir landeten fast genau auf die Zeit des Schulbeginns vor der Schule. Wir hatten gerade noch Zeit um beim „Elsässer“ (ein Bistro) noch einen oder zwei ganz schwarze Kaffee’s zu trinken um dann in den Unterricht zu starten. Wir haben vermutlich an diesem Tag nicht gerade viel mitbekommen von dem was der Lehrer uns vorbetete.


Der Citroen C4 von dazumal

Ein weiteres Erlebnis möchte ich Euch nicht vorenthalten. Bei diesem Aufenthalt hatte ich kein Auto dabei. Mein Freund und Arbeitskollege Robert hatte seinen Citroen und seine Familie bei sich. Wir wohnten beide im gleichen Hotel. Eines Abends legte ich mich beizeiten ins Bett, da klopfte gegen 22.30 Uhr mein Freund an meine Zimmertür. Ich öffnete & wollte den Grund wissen, da erklärte Robert mir sein Auto stehe auf einem Parkplatz in der Nähe der Place Concorde und er könne alleine nicht wegfahren er brauche meine Hilfe. Denn das Auto durfte am nächsten Morgen nicht noch dort stehen, sonst würde es durch die Polizei abgeschleppt. Also zog ich wieder meine Kleider an und wir fuhren mit der U-Bahn zum Place Concorde. Unterwegs erklärte mir Robert das Problem. Sein Citroen hatte zum ein-und auskuppeln ein Stahlseil vom Pedal zur Kupplung welche vor dem Motor lag, dieses Seil war gerissen. Weil nun die Kupplung nicht betätigt werden konnte war die Betätigung der Gangschaltung blockiert, also ein wegfahren unmöglich. Aber Robert kannte die Lösung für das Problem. Er hatte im Kofferraum seine Zeltausrüstung, und diese bestand auch aus Seilen. Dazu muss man noch wissen, dass der Motorenraum des Citroen seitlich zugänglich war, man konnte die seitliche Abdeckung hochheben und zusammen gefaltet auf die restliche Abdeckung legen.

Nun fixierten wir ein Ende des Seils am Hebel der Kupplung, zogen das Seil auf der Wagenseite nach hinten. Jetzt konnten wir die Motorenabdeckung wieder schliessen. An der Türfalle der hinteren Türe fixierten wir ein Stück Zeltstange und an dieser als Hebel dienenden Stange knüpften wir das Seil welches von der Kupplung kam. Nun kniete ich mich auf den hinteren Sitz und konnte durch das offene Fenster diesen Hebel bedienen, also ein und auskuppeln. Damit konnte nun Robert mit meiner Hilfe als Kuppler zu unserem Quartier im 19. Arrondissement fahren. Das zerrissene Kupplungsseil ersetzten wir dann auf der Strasse bei Tageslicht, ein paar Tage später.

Übrigens fand ich Paris sehr einfach um sich zu orientieren. Allerdings muss man sich die Stadtkarte sehr gut verinnerlichen, dann hat man diverse Fixpunkte welche helfen. Den Eiffelturm, Sacré Coeur, die Seine (der Fluss) diese Fixpunkte kann man mit etwas Geduld von überall sehen und wenn nicht hat es bei jeder Metro Station eine Karte der City.

Damals gab es für Paris nur einen Flugplatz und das war Orly im Süden der Stadt und es gab fast keine Hochhäuser, wie heute bei La Défense und andern Orts.

Übrigens auch einen Strassenunfall hab ich auch noch erlebt in Paris. Mein Käfer war am Strassenrand an der Rue Belleville parkiert und meine Freunde und ich genemigten uns im Bistro an der Ecke den Café nach dem Nachtessen. Mein Kollege schaut aus dem Fenster und sieht wie ein Automobilist mit seinem Wagen drei parkierte Autos seitlich plattdrück und dann mitten in der Kreuzung stehen bleibt. Wir verlassen das Bistro und bestaunen den Schaden, denn einer der Wagen dem die ganze linke Seite flachgedrückt wurde, war mein Käfer. Es brauchte die ganze Überredungskunst meines Kollegen um diePolizei zu bewegen an den Unfallort zu kommen. (Es hatte ja keine Verletzten gegeben! Aussage der Polizei) Also wurde ein Protokoll aufgenommen und dann bekam jeder der beteilgt war eine Kopie und die Polizei wollte sich verabschieden. Nun eines war klar der Unfallverursacher war betrunken, das merkte jedermann. Als ich den Polizisten darauf hinwies dass der Mann doch nicht mehr fahrtüchtig sei, erklärte mir dieser "Dann haben wir morgen einen mehr im Hospital und einen weniger auf der Strasse."

Gerade heute wird viel geschrieben und diskutiert über die Anschläge von fehlgeleiteten Menschen. Paris Charly Hebdo, Nizza letzthin, Türkei usw. Als ich in den oben erzählten Jahren in Paris weilte, erlebte Paris und ganz Frankreich etwas Ähnliches. Da war nämlich der Algerische Befreiungskampf im Gang. Was damals alles in die Luft gejagt wurde in praktisch allen Städten von Frankreich. Nur schon in Paris flogen jede Woche mindestens ein bis mehrere Geschäfte durch gelegte Bomben auf die Strasse. Aber das Leben ging weiter. Auch die grösste Polizei Präsenz in den Strassen der Stadt nützte wenig.

Das war mein Paris von dazumal…..
Thedy

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