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THEMA: Erdbeben in Mexico-City

Erdbeben in Mexico-City 23 Sep 2017 15:23 #1

  • jipégé
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Die Berichte über das aktuelle Erdbeben in Mexico-City und dies auf den Tag genau 32 Jahre nach dem Mega-Erdbeben vom 19. September 1985 haben bei mir einige Erinnerungen hervorgeholt.

In dieser Zeit arbeitete ich in Basel bei der amerikanischen Firma Sperry Univac, einem der ältesten Computer-Hersteller – heute, nach der Fusion mit Burroughs, Bestandteil von Unisys. Im Firmen-internen Mailsystem hatte ich etwas von einem Einsatz in Mexiko gelesen, mich darauf gemeldet, ohne Ahnung worum es geht, hörte dann aber nichts mehr.
Im Skiurlaub im Januar 1986 überraschte mich dann ein Anruf - ich sollte mich am Montag in Mexiko melden. Ich verschob dies aber um einen Woche, um meinen Skiurlaub zu beenden.
Am Samstag kam ich dann heim, packte um und flog am Sonntag nach Mexiko – für fast 7 Monate, wie sich dann herausstellte.
Am Montag landete ich in dieser Stadt, wurde am Flughafen abgeholt und in einem ersten Gespräch erfuhr ich erstmals etwas Näheres über meinen Job: Ein Grossprojekt beim Chemieriesen Celanese mexicana war in arge Schieflage geraten, Gerichtsverfahren drohten, mussten abgewendet und das Projekt zu einem guten Ende gebracht werden. Als Erstes musste ich mir aber einen Anzug kaufen, denn Jeans und Turnschuhe waren definitiv inadäquat.

In der ersten Zeit wohnte ich im Hotel, danach mietete ich mir eine Wohnung. Ich erhielt ein nigelnagelneues Auto zu meiner Verfügung. Dieses gab ich aber nach zwei Tagen zurück, denn damit in dieser Megastadt rumzukurven, das war Stress pur – ich zog das Taxi vor.

Von einem verheerenden Erdbeben, das sich etwa 3 Monate zuvor ereignete, hatte ich zuhause mehr oder weniger bewusst gehört, kannte aber das Ausmass (über 10‘000 Todesopfer) nicht.

Ein Besuch der Innenstadt öffnete mir sehr schnell die Augen:

Der Zocalo, d.h. die Plaza de la Constitucion, dem zentralen Platz der Stadt, umgeben von der riesigen Kathedrale, dem Präsidenten-Palast, dem Rathaus mit den Gemälden von Diego Rivera (Ehemann von Frida Kahlo) war vollständig bevölkert von Obdachlosen in behelfsmässigen „Zelten“. Dasselbe Bild gab’s auf sämtlichen Plätzen der Stadt, teilweise auch entlang oder auf dem Mittelstreifen der x-spurigen Strassen.

In der Nähe des Zocalo sah ich zwei Geschäftshäuser, bestimmt über 20-stöckig, links und rechts einer Querstrasse stehend, die an sich noch ziemlich heil aussahen, die aber ganz oben zusammenkamen und sich gegenseitig stützten.

Im Stadtzentrum waren die Schäden enorm, unvorstellbar. Es gab Wolkenkratzer, von denen nur noch ein kleiner Teil des senkrechten Stahlgerippes stand, in dem aber sämtliche Stockwerke übereinander gestapelt auf dem Boden lagen.

Als ich erstmals meine Post bei American Express holen wollte, fuhr mich das Taxi an die Adresse. Hinter einem hohen Bauzaun war nur noch ein immenser Schuttberg zu sehen, der Rest des 14-stöckigen Gebäudes. Den provisorischen American Express-Schalter fand ich später im 4. Untergeschoss eines grossen Hotels.

Mit der Zeit realisierte ich die riesigen Schäden in der ganzen Stadt. Die Bevölkerung lebte irgendwie weiter, trotz Absperrungen wurden halb-demolierte Geschäftshäuser zu Wohnhäusern umfunktioniert, vom Land kamen Bauern mit Lebensmitteln, alle halfen sich irgendwie gegenseitig, eine starke Solidarität. Zum Glück hatte sich der nahe Vulkan Popocatepetl stillgehalten.

Die Torre Latinoamericana, mit 45 Stockwerken und etwa 180 m Höhe das damals höchste Gebäude von Lateinamerika, hatte dagegen das Erdbeben praktisch unbeschädigt überstanden und wurde zum Symbol der Stärke und des Widerstands gegen die Naturkräfte.


Jean-Pierre Guenter

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Jean-Pierre Guenter
Letzte Änderung: von jipégé.

Erdbeben in Mexico-City 23 Sep 2017 16:40 #2

Das muss ja ganz schrecklich gewesen sein. Erdbeben ist etwas, das ich als bedrohlichste Katastrophe die es geben kann, empfinde. Seit ich in der Schule vom Erdbeben zu Basel 1356 als geschichtliche Tatsache lernen musste, fürchte ich mich vor einer solche Erfahrung. Und da wir hier als gefährdeter gelten als andere Gegenden der Schweiz, wird diese Angst auch nicht verschwinden.
An so einen Ort wäre ich, als Angsthase diesbezüglich, nie hingegangen.

Es irrt der Mensch. solang er strebt.

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Es irrt der Mensch. solang er strebt.

Erdbeben in Mexico-City 23 Sep 2017 23:32 #3

Das Erdbeben in Mexiko City hat mich auch sehr überrascht und nachdenklich gemacht. Schon wieder, fuhr es mir durch den Kopf. Es ist doch eher selten, dass innerhalb von gut 30 Jahren ein ebenso starkes Beben am praktisch selben Ort sich ereignet.
Ich war 1985 Kommandant der Rettungstruppen Rekrutenschule und musste in der intensivsten Phase der Ausbildung auf zwei meiner besten Ausbilder verzichten. Sie starteten kurz nach dem Beben mit der Schweizer Rettungskette nach Mexiko unter der Leitung meines Vorgängers. Der war ein starker Charakter, ein "Haudegen" wurde er auch genannt. Pragmatiker durch und durch und durch nichts zu erschüttern.
Er kam nach dem Einsatz zurück und erzählte. Schlimmstes. Er habe zum ersten Mal seit seiner Kindheit laut geweint in Mexiko angesichts des Elendes und des Unvermögens noch mehr Rettungen und vorallem Lebendrettungen zu erleben. Die von unseren Leuten erstellten Filme dienen heute noch als Anschauungsmaterial für gezielte und schnelle Rettungseinsätze.

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Erdbeben in Mexico-City 24 Sep 2017 18:49 #4

Danke jipégé für den Bericht über das Erdbeben in Mixiko DF.
Das muss schrecklich sein, wenn man diese Zerstörungen ansehen muss und erst noch nach überlebenden suchen. So kann ich mir sehr gut vorstellen, dass ihre Erfahrungen und Beriche in der Rettungsrekrutenschule sehr wertvoll sein konnten. Trotzdem:
Neues Leben blüht aus den Ruinen.
[/b]

Darum erlaube ich mir auch etwas selbst erlebtes zu erzählen.
Im Jahre 1980, als ich die Montage in Agua Caliente in Guatemala machte, besuchte ich an einem Sonntag das Dorf, das die Schweizer Katastrophenhilfe nach dem schweren Erdbeben von 1976 wieder aufbaute. Santiago Sacatepéquez heisst es. Es nahm mich wunder, was für ein Häusertyp die Schweizer gewählt haben . So führ ich mit dem Auto hin, parkierte es am Dorfrand und ging zu Fuss durch die verschiedenen Gassen. Es sind zwar einfache Häuser, andere wären sicher fehl am Platz gewesen, aber zweckmässig und sauber und vor allem wird ein weiteres mögliches Erdbeben diesen Häusern kaum Schaden zufügen. Zuletzt fand ich halbwegs ein Restaurant um meinen Durst zu löschen. Dort gab ich mich der Wirtin auf ihre Fragen, woher ich komme als Suizo zu erkennen. Daraufhin hat sie mir erzählt. was für kräftige und tüchtige Männer die Katastrophenhelfer aus der Schweiz waren. Sie hätten vier mal mehr Kraft gehabt, als die einheimischen Männer und die hätten gearbeitet, das sei unglaublich gewesen. Zuletzt hätte einer von den Suizos eine einmeimische geheiratet. Das sei ein Fest gewesen, wo das ganze Dorf teilgenommen habe.
Als ich endlich meine Konsumation bezahlen wollte, winkte sie energisch ab und beschenkte mich noch mit typischen Lebensmitteln für meinen Einmannhaushalt.

So sind diese tüchtigen Katastrophenhelfer im Dorf Santiago Sacatepèquez beinahe unsterblich geworden..

pablito

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Letzte Änderung: von pablito.

Erdbeben in Mexico-City 26 Sep 2017 16:06 #5

Besten Dank Jean-Pierre, für Deinen interessanten Bericht. Manchmal erfährt an auf diese Weise mehr als aus den Zeitungs-Berichten. Leider lernen gewisse Leute nie aus solchen Naturkatastrophen, dabei wäre das doch das Beste was man daraus ziehen könnte.
Thedy

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Erdbeben in Mexico-City 26 Sep 2017 17:41 #6

Momol, Thedy,
die Mexikaner haben daraus gelernt und mit neueren Bauvorschriften den Torre latinoamericana gebaut und der riesige Turm überstand das Erdbeben fast unbeschädigt. Aber das hilft natürlich den früher gebauten Häusern nicht viel.

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Erdbeben in Mexico-City 26 Sep 2017 18:13 #7

  • jipégé
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neinei, dummy, so ist's auch nicht. Der torre datiert von 1956 und die meisten demolierten Gebäude sind eher neueren Datums.
de.wikipedia.org/wiki/Torre_Latinoamericana


Jean-Pierre Guenter

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Jean-Pierre Guenter
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