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THEMA: Reise zu Galliern, Römern und Heiligen

Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 25 Jul 2018 16:16 #1

Reisen bildet oder fordert zum Vergleichen und Nachdenken auf. Bei unserer Reise in die Region von Burgund und Loire mit all den alten Kathedralen, Schlössern und Städten sind viele Fotos entstanden, aber keine Angst ich werde euch nicht damit langweilen. Nur ein paar Besonderheiten möchte ich aufzeigen.


Hotel de Dieu Beaune

Natürlich haben schon viele das ehemalige Pflege- und Krankenhaus Hotel de Dieu in Beaune gesehen, haben sich die Bettenreihen, die Ausstattung der Nebenräume und die prächtigen Altarbilder und Wandteppiche zeigen lassen. Und sicher haben sie die Dächer mit den farbig glasierten Ziegeln bewundert. Von nahe gesehen sind diese Ziegel flach mit grader Abschlusskante geformt und müssen in doppelter Deckung verlegt werden um wasserdicht zu sein, genau wie die in Bern üblichen Biberschwanzziegel. Im Burgund sind farbige Ziegel nur an wenigen, besonders repräsentativen Bauten zu sehen und auch in der Schweiz fallen gelegentlich diese farbigen Dächer auf.


St. Peter und Paul Bern

Das Dach der Christkatholischen Kirche Peter und Paul von 1864 neben dem Rathaus in Bern ist sehr ähnlich wie die Dächer des Hotel de Dieu mit rautenförmigem Muster aus farbigen Ziegeln gedeckt. Allerdings wurden diese Ziegel in der in Bern üblichen Biberschwanzform gemacht.
Andere Anwendungen in der Schweiz:
Das Basler Münster dürfte in der Schweiz das schönste Nachahmungs-Beispiel sein. Ich bin nicht sicher, aber vermutlich wurde dieses Dach ebenfalls erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so gestaltet.


Muri Amthof in Bremgarten AG
von Voyager [CC BY-SA 3.0 ( creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0 )], vom Wikimedia Commons

In Bremgarten AG ist der Muri Amthof, das ehemalige Verwaltungsgebäude des Klosters Muri. Die zwei historisierenden Türme aus dem neunzehnten Jahrhundert haben ebenfalls Dächer mit farbig glasierten Ziegeln.
Auch der Stadtturm in Baden ist mit glasierten Ziegeln in den Stadtfarben Schwarz, Rot, Weiss, in einer Sparrenmusterung gedeckt. Wann das erstmals geschah ist mir nicht bekannt. Der Trend vor 150 Jahren, historische Vorbilder nachzuahmen, hat uns wohl diese Dächer beschert.
Das ehemalige Ursulinenkloster in Autun wurde an und auf der Stadtmauer gebaut. Es ist heute ein gutes Hotel mit hervorragendem Restaurant. Wir wurden dort zwei Tage verwöhnt.


Mauerkrone mit Fetthennen-Bewuchs auf den typischen Flachziegeln

Die Stadtmauer des antiken Augustodunum wurde bereits von den Römern im 3. Jh. v.Chr. errichtet, zum Schutz gegen die angreifenden der Gallier. Mit ihren noch erhaltenen 23 Türmen und zwei römische Stadttoren umfasst sie die Altstadt mit sechs Kilometer Länge.


Stadtmauer


Römisches Tor, Porte d’Arroux


Janustempel


Amphitheater

Erhalten geblieben sind noch die Tribünenplätze des seinerzeit grössten Amphitheaters in Gallien. Im Laufe der Jahrhunderte konnte man die Steinblöcke gut brauchen zum Bau der Stadt, es ist nicht viel geblieben aber immerhin hat der Fussballplatz davor eine besondere Geschichte. Die Ruine des antiken Janustempels diente ebenfalls als Steinbruch. Unser Berner Wankdorfstadion, sollte es in ein paar Jahrzehnten unbrauchbar werden, kann man nicht so materialschonend recyceln.

Gelegentliche Fortsetzung möglich.

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 25 Jul 2018 19:01 #2

erwin, eine gelegentliche fortsetzung würde ich mehr als begrüssen!

du hast mich an einen aufstieg in die steffi in wien erinnert, das dach da ist einfach einmalig.

mehr darüber erzählt tante wiki: de.wikipedia.org/wiki/Stephansdom_(Wien)

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 28 Jul 2018 09:48 #3

Loireschlösser, Prunk vergangener Zeit und Touristen

Schloss Chenonceau steht im Wasser des Cher und ist eines der rund 400 Schlösser der Loire. Wer etwas auf sich hielt im Frankreich der goldenen Zeit, liess für sich und oder für seine Frau bzw. Maitresse eine ihrem Stand angemessene Behausung bauen. Dieses hier diente im Laufe der Jahrhunderte verschiedensten Frauen als Wohnung, Maitressen, Königinnen, adelige und gewöhnliche Bürgersfrauen, jede hat daran gebaut. Heute gehört es einer Familie von Schokoladefabrikanten und die haben es mit den dringend nötigen Reparaturen seit rund fünfzig Jahren zum jetzigen Ansehen gebracht.



Weltberühmtheit zieht die Menschenmassen an wie ein Konfibrot die Fliegen, auch wir wurden hin gekarrt. Schon am Morgen standen ein Dutzend Cars und ebenso viele Wohnmobile auf dem Parkplatz. Den weitaus grösseren Platz beanspruchten die Privatautos, es hat mich an das Umschlaglager eines Autoimporteurs erinnert. Immerhin ist die Wartezeit für Gruppen an der Kasse nicht zu lange und wir mischten uns unter die raumfüllenden Kulturinteressierten.


Die Herrschaften geruhten im Bett liegend ihre Besucher zu empfangen


Eine "bescheidenen" Stube war auch dem Sonnenkönig reserviert


Eines der vielen Meisterwerke: Von P.P. Rubens "L'Enfants Jesus et Saint Jean"


Viele Füsse schleppen den Staub der Wege mit herein und malträtieren den wertvollen Parkettboden

Alle Besucher wollen natürlich die Innenräume besichtigen, sie sind auch sehenswert mit ihrer wertvollen Ausstattung. Man bekommt einen Kopfhörer verpasst, mit auf einem Smartphon vorprogrammiertem Text und so kann auf individuelle Führungen verzichtet werden. Ich mag keine Menschenmassen und ich mag keine Kopfhörerführung deshalb verzogen wir uns nach einem Schnelldurchlauf in die Gartenanlagen.






Immerhin fand ich den Ausgang im Labyrinth, sonst wäre ich noch nicht zurück.

(Das nächste Schloss folgt sogleich)

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Letzte Änderung: von Erwin.

Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 28 Jul 2018 11:25 #4



Wer ein Schloss gesehen hat, hat noch nicht alles gesehen. Als nächstes stand das Schloss Chambord auf dem Programm, das der den Eidgenossen aus Marignano bekannte König Franz 1. 1519 bauen liess.


Roi François premier

Es ist das nicht weniger berühmte Schloss mit den sechs hohen Türmen, 440 Räumen, 365 Feuerstellen und 84 Treppen, welches nie dauerhaft bewohnt wurde.

Das Treppenhaus im Zentrum der kreuzförmigen Korridore


Durchblick


Das Treppenhaus endet in einer Laterne die an den verflossenen Flamboyant-Stil erinnert.

Mir war der doppelläufiger Wendelstein bekannt, bei dem gleichzeitig die Treppen über und nebeneinander begangen werden können ohne sich direkt zu begegnen, wie das? Die vier hohen Stockwerke werden mit zwei übereinander angeordneten Treppenläufen erschlossen, die jeweils an der gegenüberliegenden Seite zugänglich sind. So könnten die Besucher auf der einen Seite hinauf und auf der gegenüberliegenden hinab gehen, wenn sie denn wollten. Angeblich soll der Entwurf dazu von Leonardo da Vinci stammen, aber das schreibt einer vom anderen ab oder plappert es nach, es ist eine nicht beweisbare Vermutung und dient nur zum Zeilenfüllen.


Nur Könige können sich eine solche Dachterrasse leisten

Von aussen fallen als erstes die vielen Dachaufbauten, Türmchen und Kamine auf. Die Räume im Innern des Renaissancebaus schliessen an die kreuzförmigen Korridore an und bilden mit den Rundtürmen an den Ecken ein ähnliches Bild wie das Spielfeld von Eile mit Weile. Es ist nicht eng dort, die Besucher kommen sich höchstens in einem der wenigen eingerichteten Räume in die Quere.


Das Schloss Schwerin an der Ostsee wurde um 1825 gebaut

Die einzigartige Architektur von Chambord wurde beim Bau des Schlosses Schwerin an der Ostsee, kopiert. Schliesslich war von 1748 bis zu seinem Tode 1750 der französische Marschall Moritz von Sachsen in Chambord wohnhaft. Er liess hohe Kachelöfen mit Keramikkacheln aus Ostpreussen einbauen, mit Parkettböden und Wandverkleidungen gab es eine leichte Komfortverbesserung. Teilweise wurden die Räume auch in der Höhe unterteilt und mehrere kleine Stuben eingerichtet.


Am Horizont ist die Grenzmauer des Anwesens

Bewohnbar war das Schloss sonst nicht wie gesagt, die hohen Räume machten das unmöglich. Es hätte jeden Winter einen ganzen Wald verschlungen und unzählige Holzfäller hätten das Brennholz machen und heranschaffen müssen, wenn es überhaupt verfügbar gewesen wäre. Das Schloss wurde nur gelegentlich als Jagdhütte gebraucht. Der Besitzer hatte ein riesiges Gebiet mit Mauern umfassen lassen und für seine Jagdpartien reserviert. Nur mit viel Glück hat es die Französische Revolution überstanden, nur die Innenräume wurden ausgeraubt , die Mauern blieben erhalten.
Was in allen den Schlössern, Klöstern und Museen wenig gewürdigt wird, sind die grossflächigen Tapisserien.


Wandteppich im Schloss Chambord

Das Bernische Historische Museum besitzt aus der Burgunderbeute einige Wandteppiche. In der französischen Stadt Aubusson bestand für die Bildwirkerei eine lange Handwerkertradition und gerne hätten die Berner diese Kunst von den immigrierten Hugenotten übernommen, aber die nahmen ihr Wissen und Können mit auf ihre Weiterreise nach Ostdeutschland.

Nach der ausgiebigen Besichtigung meldete sich mein Körper mit seinen Bedürfnissen. Ich mag kein Anstehen vor Einzeltoiletten, aber es hat ja eine grössere Anlage beim Eingang und am wenigsten mag ich einen leeren Magen, deshalb zuerst etwas essen bevor wir zurück zum Bus zur Weiterfahrt eilen.
Es war uns gesagt worden, wir sollten uns doch an den in genügender Zahl vorhandenen Verpflegungsstätten sättigen lassen. Wirklich für jede Vorliebe war etwas im Angebot, wir orderten eine Galette wie wir sie schon früher in der Bretagne schätzen gelernt hatten. Im Gegensatz zur Crêpe aus Weizenmehl ,wird die nicht süss mit Buchweizenmehl gebacken und mit Pilzsauce, Spiegelei und anderem belegt. Mein Hunger wich einem dringenderen Bedürfnis, doch oh Schreck, alle vier Toilettenanlagen auf dem ganzen Areal waren wegen Wassermangels ausser Betrieb und so endete meine Erinnerung an Chambord in der engen Bordtoilette des Cars.

Mitreisende kritisierten wie ich auch die Prunk- und Verschwendungssucht der damaligen Aristokratie. Die Hochwohlgeborenen haben die Leute ausgebeutet und für sich unnötig grosse Wohnbauten errichten lassen. Hätten die damals schon Gewerkschaften gehabt, keines der Schlösser wäre jemals gebaut worden. Andersherum - wie stände es um unsere Kultur wenn nicht Künstler und Handwerker zu Höchstleistungen angespornt worden wären? Schliesslich erhielten eine Menge Leute durch solche Grossprojekte Brot und Arbeit und auf jeden Fall war diese Art Vollbeschäftigung besser als der Kriegsdienst. Der Prunksucht der Aristokratie wurde durch die Revolution ein Ende gesetzt und leider dabei auch vieles zerstört dem man heute nachtrauert.

Noch ist nicht über Kathedralen und Städten berichtet, es drohen weitere Fortsetzungen.

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 28 Jul 2018 13:24 #5

Lieber Erwin,
herzlichen Dank für Deine schönen Bilder die mich an meine vielen Reisen an die Loire erinnert haben. Da ich meistens Alleinreisender war kam ich bei vielen Schlösser gar nicht zu einem Eintritt. Ausser zu De Gaulles Zeiten als *Son et Lumiere* ein Sommer lang mode war.
Thedy

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 28 Jul 2018 14:53 #6

Wunderbare Berichte und Bilder, Erwin, besten Dank.
Schmunzeln musste ich über Deinen Hinweis auf Schwerin an der Ostsee. Das ist punkto Distanz und Inhalt etwa so wie Thun am Wohlensee. Liegt doch Schwerin rund 40 km entfernt von der Ostsee wunderschön am Schwerinersee, der ungefähr die Grösse des Thunersees hat. Vielleicht ist der Wohlensee nicht ganz mit der Ostsee zu vergleichen, mag sein.
Das Schloss Schwerin, heute Sitz der Mecklenburg-Vorpommerschen Landesregierung, wurde noch im 20. Jahrhundert vom Grossherzog zu Mecklenburg (Taufpate meines Schwiegervaters) bewohnt. Söphelis Grossmutter, eine geborene Wihr aus Russland, wohnte mit ihrem Mann, einem Militärattaché, beim Schloss Schwerin. Unsere Kinder staunten nicht schlecht, als wir bei einem Schlossbesuch die Bilder der beiden in der Ahnengalerie antrafen.

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Letzte Änderung: von Andreas.

Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 30 Jul 2018 16:41 #7

Erlebnisse von Unterwegs auf den Strassen zu unterschiedlich romantischen Zielen.





Beim ersten Zwischenhalt irgendwo im weiten Land der Franche Comté, im Resort chez Barbara wurde uns ein Kaffe mit Croissant serviert, im Arrangement inbegriffen, es brauchte mehrere Tage bis ich mich wieder an Kaffee gewagt habe. Dort hatten auch mehrere Althippies mit ihren Chopper-Trikes eine Stopp eingelegt. Wie sie, den Fahrtwind geniessen und in den Sonnenuntergang reiten - das wäre der Traum. Wir aber lehnten uns in die bequemen Sessel des Cars und liessen uns über die endlosen Strassen chauffieren. Einmal, auf der Route nach Bourges, meldete sich unser Fahrer: Ob jemand seinen Platz einnehmen wolle, er habe den Tempomat eingeschaltet und die Strecke sei auf dreissig Kilometer schnurgerade ohne Unterbruch, auch keine anderen Fahrzeuge seien unterwegs, so könne er ganz gut seinen Platz abgeben.





Irgendwann tauchten am Seitenfenster die Weinbaugebiete für die berühmten Burgunderweine auf. In der Ebene wird normaler Massenwein produziert, der bessere soll in den höheren Lagen wachsen und wegen der besonderen Pflege seinen hohen Preis rechtfertigen.


Hätte der Notausstieg hierzu einem der berühmten Clos geführt?



Das Elsässerbier beim Mittagessen im Schatten zum Grillspiess war jedenfalls kühl und frisch im Gegensatz zu den Weinen die uns zum Nachtessen serviert wurden, die waren immer zu warm.





Zu jeder Reise gehört der obligate Kellereibesuch. In Montlouis-sur-Loire wurden wir vom Juniorchef der Kellerei mit dem Telefon am Ohr empfangen und in die Produktionsräume geführt.
Der für die Region berühmte Schaumwein war o.k., die Weissweine soweit akzeptabel, wenn man nicht die billigsten versuchte, den Roten kann man vergessen. Ich jedenfalls habe nichts gekauft, wir haben in der Schweiz auch guten Wein.

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 30 Jul 2018 16:49 #8

Anschliessend an die Keller- und Weingutführung waren wir zum Abendessen im familieneigenen Kellerrestaurant eingeladen.



Es ist, wie viele Keller dort in den Tuffsteinfelsen am Loireufer gegraben. Die Seniorchefin wohnt in der Wohnung darüber.



Über das servierte Menu und die Qualität des wie immer zu warmen Weins, erübrigt sich ein Kommentar. Oh ja, es gibt auch guten Wein in Frankreich, nur leider nicht in den normalen Restaurants.



Was wird der nächste Tag bringen?



Der Blick von der Hotelterrasse in Autun in Richtung Morvan ist zwiespältig.
Geplant ist eine Fahrt zum Lac de Settons, einem Stausee im Naturschutzgebiet de Morvan. Es ist ein riesiger Wald, Naturschutzgebiet wie andere grosse Waldgebiete in Frankreich auch.



Der Stausee wurde angelegt um die Kanäle und Wasserstrassen zu speisen. So ist dieFrage wo das Wasser der vielen Kanäle herkommt beantwortet: In den höheren Regionen der französischen Mittelgebirge wurden damals zu diesem Zweck Staumauern gebaut und das gefasste Wasser zu den Kanälen geleitet.





Wir hatten uns vorher bereits mit Esswaren eingedeckt und fanden Tische und Sitzgelegenheiten zum gemütlichen Picknick. Danach war noch genügend Zeit bis zur geplanten Bootsfahrt, um die Staumauer anzuschauen. Allerdings war hinter dem Wald ein Donnergrollen zu hören und vernünftiger wäre es gewesen rasch zurück zum Bus zu laufen.



So gerieten wir in ein kurzes heftiges Hagelwetter gegen das ein Schirm fast keinen Schutz bieten konnte.





Die nassen Kleider trockneten dann bei der Schifffahrt und der anschliessenden Uferwanderung.

Natur gibt es auch in fremden Ländern. Wie es weiter geht, davon ein anderes mal.

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 11 Aug 2018 15:22 #9

Vézeley und Wasser
Wenn wir heute über Wasserknappheit klagen, ist das heute in der Schweiz eigentlich ein Luxusproblem. Bei unserer Frankreichreise wurde mir bewusst, wie viel schlechter die Menschen im Mittelalter da gestellt waren. Bern hatte schon sehr früh eine öffentliche Wasserversorgung mit den Stadtbrunnen. Anders war es im französischen Vézeley.



Die Stadt ist auf einem Hügel gebaut, ähnlich wie Greyerz.



Die Gasse, beidseitig gesäumt von Häusern, führt am Hügelkamm hinauf bis zum Plateau auf dem die Kathedrale steht.



Niemand hat sie gesäht und doch drücken sie sich durch die Ritzen und verschönern das Städtchen – auch ohne Geranien.



Die romanische Kathedrale, mit ihrem einmaligen Schatz von Kapitellen, bleibt hier noch unerwähnt.



Dort oben ist natürlich kein Flusslauf in der Nähe, Sodbrunnen hätten vermutlich viel zu tief hinunter gegraben werden müssen. So haben die damaligen Klosterleute das Regenwasser von den Dächern in einer Zisterne gesammelt und den Bewohnern zur Verfügung gestellt. Eine "kostbare" Einnahmensquelle für das Kloster.





Die Zisterne gibt es noch immer, das grosse Konventshaus ist aber abgetragen, bis auf ganz wenige Mauerreste.
(Gleich gehts weiter)

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 11 Aug 2018 15:36 #10

Chartres und Wasserträger
Mit Wassermangel hatten auch die Leute von Chartres ihre Probleme. Die Altstadt von Chartres ist auf einem Hügel um die Kathedrale gebaut.



Die Pilger auf dem Jakobsweg sahen von weitem die Türme ihres Zwischenziels.



Hoch über dem Fluss steht die Kathedrale

Es mag seine guten Gründe gehabt haben, dass die Kirche so weithin sichtbar dort gebaut wurde, für die Bewohner aber war es nicht leicht zum Trinkwasser zu kommen. Die wasserspendende Eure fliesst etwa 50 Meter tiefer vorbei. An ihrem Ufer waren die Gewerbebetriebe, genau wie in Bern in der Matte, angesiedelt.



Ein Waschhaus am Ufer



Die noch heute aktive Glaswerkstatt



Das Brunnenhaus steht noch, der Brunnen ist nicht mehr brauchbar.

Die oben Wohnenden mussten ihr Trinkwasser vom Brunnen unten auf Flusshöhe hinauf in die Stadt tragen. Allerdings nicht selbst, dafür gab es eine eigene Berufsgattung, die Wasserträger.



Über diese Treppe schleppten sie tagein - tagaus Wasserkrüge hinauf in die Oberstadt.



Es waren hochgeschätzte Berufsleute, das ist mit ihrer Darstellung in einem der berühmten Glasfenster der Kathedrale bewiesen. Bei der Tour de France haben sie heute ähnliche Aufgaben.



Auch diese berühmte Kathedrale wird eigens erwähnt werden müssen.



Eine Metzgergasse gibt es in Bern nicht mehr, war wohl zu blutrünstig.



Aber dieses Schwein aus einer Fabel hätte nicht versuchen sollen Flachs zu spinnen, es stand ihm nicht zu sich seiner Bestimmung zu widersetzen. Nun liegt es in Schnüre gewickelt hilflos auf dem Rücken, für alle Zeit dem Spott der Leute vor dem Touristenbüro ausgesetzt.

(Und wieder folgt eine Besinnungspause)

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Letzte Änderung: von Erwin.

Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 23 Aug 2018 16:58 #11

Auf dem Weg nach Tours in der Touraine



Amboise an der Loire ist die Nachbarstadt von Tours. Beim Vorbeifahren am anderen Ufer das Schloss Amboise, durchs Carfenster gesehen und gefiltert. Dahinter für uns unsichtbar liegt das Château du Clos Lucé, wo Leonardo da Vinci während seiner letzten zwei Lebensjahre auf Einladung von Franz I. lebte. Daselbst kümmerte er sich hauptsächlich um die Organisation der Festivitäten seines Königs.



Université François Rabelais de Tours

An der Uferpromenade stehen die Standbilder der beiden Persönlichkeiten, deren Gedankenwelt zwischen Buchdeckeln veröffentlicht wurden und im katholischen Frankreich des 16. Jahrhunderts einiges Aufsehen erregten.



Da ist François Rabelais. Er war ein französischer Schriftsteller der Renaissance, Humanist, römisch-katholischer Ordensbruder und praktizierender Arzt. Ich habe vor einigen Jahren die zwei Bücher über die:
«Abenteuerliche und ungeheuerliche Geschichtsschrift vom Leben, Raten und Taten der Herren Grandgusier, Gargantua und Pantagruel» gelesen. Die derbe altertümliche Sprache ist heute schwer verständlich und auch in der Originalversion für Französischsprachige nicht einfach zu verstehen.
Gegenüber steht René Descartes. Er war ein französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler. «Ich denke also bin ich», wegen seiner rationalistischen Lehren wurde er zum Papst zitiert, aber die Vernunft siegte und alle Gymnasiasten sind ihm dankbar für genügend Lernstoff.



Mitten durch die Stadt, über die Loire und weit ins Land hinaus führt eine breite Strasse, die Rue Tranchée. Wirklich nur für ÖV. Die andere Brücke auf dem kleinen Bild wurde damals für leichte Fuhrwerke gebaut und ist für Motorfahrzeuge gesperrt. Trotzdem hat ein Lastwagenfahrer versucht hinüber zu fahren, das ging soweit gut bis auf der anderen Seite die Ausfahrt wegen dem gemauerten Tor zu eng war. Also alles wieder mit dem Rückwärtsgang auf der schwankenden Kettenbrücke zurück. Alles wäre ohne Probleme zu Ende gegangen, wäre da nicht die schon auf ihn wartende Police gestanden. Jetzt verhindert ein Poller solche Eskapaden.

Das nur nebenbei, weil wir Tours eigentlich wegen eines anderen berühmten Mannes besuchten, dem St. Martin von Tours. Ältere Schweizer hatten sein Bild gelegentlich in der Hand, nämlich auf der von Pierre Gauchat gestalteten Hunderternote.



Der Bischof Martin von Tours war um 316 in Ungarn als Sohn eines römische Offiziers geboren und musste deshalb gegen seinen Willen die Militärkarriere durchlaufen. Eigentlich wäre ihm die theologische Laufbahn lieber gewesen und deshalb verweigerte er vor einem Angriff auf Worms dem Kaiser den Gehorsam, er sei jetzt «miles christi», Soldat Christi, und reichte seine Entlassung aus dem Armeedienst ein. Aber erst nach Absolvierung seiner 25 jährigen Dienstzeit, im Alter von 40 Jahren, wurde ihm das gewährt. Nach einer Zeit als Einsiedler kehrte er nach Gallien zurück und gründete in Ligugé und Marmoutier ein Kloster. Bald wurde Martin als Nothelfer und Wundertäter in der gesamten Touraine bekannt. Am 4. Juli 372 wurde er zum Bischof von Tours geweiht. Er ist einer der Heiligen der katholischen Kirche und wird auch von der anglikanischen und evangelischen Kirche verehrt.
Ach ja, da ist noch die Geschichte mit dem geteilten Mantel. Warum hat er eigentlich dem Bettler nicht seinen ganzen Mantel geschenkt? Das durfte er nicht, denn die eine Hälfte gehörte dem Cäsar und nur die andere Hälfte, die er selbst bezahlt hatte, konnte er verschenken. Also eine sehr korrekte Teilung.

Eine Menge Legenden über Wundertaten und Totenerweckungen auf Fürsprache des Hl. Martin sind überliefert. Sie bauten eine riesige Basilika in Tours über seinem Grab, die aber 853 durch die Normann verbrannt wurde. Die folgende Kirche besuchten über tausend Jahre viele Pilger. Erst im 18. Jahrhundert zerfiel sie unaufhaltsam und wäre nicht die Revolution mit der Säkularisation der Kirchen und Klöster passiert, wir könnten heute wenigstens die Ruinen eines Bauwerks in den Dimensionen des ebenfalls zerstörten Klosters von Cluny bewundern.





In Tours hatten die Behörden eine neue Strasse geplant und zufällig standen dort gerade die Ruinen im Weg, deshalb musste sie abgebrochen werden. Nur zwei Ecktürme blieben erhalten und zeugen von der ehemaligen Grösse. Erst im 19. Jahrhundert wurden sie sich bewusst, was sie verloren hatten. Über dem zufällig wiedergefundenen Grab des Heiligen bauten sie eine neue Basilika im Neo-Byzantinischeen Stil in deren Krypta die Reliquien ausgestellt sind.



Die Informationen die einem bei einer Stadtführung nur so um die Ohren geschlagen bzw. hinein getrichtert werden, kann ich nicht alle behalten, deshalb ist es gut wenn ich hinterher einige Details nachlesen kann und diese Berichte hier sind ein guter Grund das zu tun.
Auf dem Weg durch die Gässchen der Altstadt wurde manches Gebäude und sein geschichtlicher Hintergrund erklärt.



Bretonisch wirken die Fassaden und sind tatsächlich von dort inspiriert.



Besonders die Ausfachung des Riegelwerks mit Backsteine zieht die Blicke auf sich.

(Gleich gehts weiter)

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 23 Aug 2018 17:08 #12

Und dann ist da noch die gotische Kathedrale Saint Gatien.



Dort liess der dritte Bischof von Tours, eben der Martin, für seinen ersten Vorgänger Gatianus, dem ersten Bischof von Tours über einer Gedenkstätte des Hl. Mauritius eine Grabeskirche bauen. Sie wurde zur Kathedrale der folgenden Bischöfe.



Fresko St. Mauritius (auch ein Legionär)



Die lange Bauzeit während der Gotik zeigt sich in den verschieden ausgeprägten Stilen.



Die Rosette der Hauptfassade wurde mit der Mittelsäule stabilisiert.







Natürlich auch hier farbige Fenster, aus dem Mittelalter, aus dem neunzehnten Jahrhundert und ganz neu eine digitale Fotografie modernen Gassenlebens, gedruckt auf Glas.





Was fast in jeder französischen Stadt unausweichlich geboten wird sind die sogenannten «son et lumière» Lichtspektakel an den Fassaden historischer Gebäude. Nicht immer ist es künstlerisch wertvoll was da geboten wird, wir kennen es vom Bundeshaus in Bern.



Hier hatte es den Bau der Kathedrale und das Wirken der Hl. Martin zum Thema.

Und hier endet wiedermal eine Etappe meiner Tour de France.

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 25 Aug 2018 10:35 #13

Herzlichen Dank, Erwin, für Deinen spannenden und informativen Bericht. Mir gefallen vor allem Deine tollen Bilder sowie Deine Einschätzungen zu Speis und Trank in diesem Teil Frankreichs, welche ich mehrheitlich unterschreiben könnte - vor allem der stets zu warme Rotwein.
Schöne Sunntig.
HJK (gespannt auf Fortsetzungen)

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Reise zu Galliern, Römern und Heiligen 25 Aug 2018 11:23 #14

Erwin, der bildhafte Gschichtli-Verzeller ! Danke, es ist spannend, ironisch, lehrreich (so man will).

Für zu warmen Wein muss man nirgendwohin fahren, davon gibt's bei uns mehr als genug - leider !
Aber bestimmt nicht beim Bäre-Höck-Jahresessen www.seniorbern..../baere-hoeck/content/1878


Jean-Pierre Guenter

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Jean-Pierre Guenter
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