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10.04.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Erschreckend aktuell: Lukas Hartmann „Auf beiden Seiten“

Bespitzelung im Kalten Krieg von Menschen hüben und drüben aufgearbeitet


Titelbild: Buchumschlag, Diogenes-Verlag

   

Lukas Hartmann, früherer Deutschlehrer, Journalist und Schriftsteller, dazu Bundespräsidentinnen-Gatte aus Bern, ist acht Jahre nach mir geboren und hat somit noch nicht wie ich erleben müssen, wie sich katholische und protestantische Feldprediger in der Rekrutenschule für eine Atombewaffung der Schweiz eingesetzt haben. Immerhin wird er als wacher Gymmeler und späterer „Linker“ den Kampf von SP-Nationalrat Hansjörg Braunschweig gegen Atomwaffen allgemein und gegen immer neue Kernkraftwerke, aber auch den Nato-Raketen-Doppelbeschluss, mitverfolgt haben. Braunschweig galt insbesondere den Freisinnigen und der NZZ an der Falkenstrasse in Zürich als „Staatsfeind Nummer 1“; im ominösen „Soldatenbuch“ der Schweizer Armee war er natürlich nicht namentlich genannt, aber gemeint, wie „gewisse Schriftsteller“ als „Wühler gegen die Volksgemeinschaft“.

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Lukas Hartmann, Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Hartmanns neuer Roman „Auf beiden Seiten“ …

… spielt zwar erst in den Wendejahren 1989/90, aber der oben geschriebene Hinweis dürfte auch für jene Jahre noch eine wichtige Rolle gespielt haben. Die „neutrale“ Schweiz sass wie schon oft in ihrer Kleinstaatlichkeit, als Wirtschaftsmacht und Sitz einer Institution der UNO in Genf mitten im Kalten Krieg auf einem wackeligen Stuhl. Zu einer Zeit, als schon Michail Gorbatschow „Glasnost“ (Transparenz, Offenheit) und „Perestroika" (Umgestaltung) propagierte (spätestens 1986 hat Gorbatschow eingesehen, dass die UdSSR in ihrer damaligen Form zum Untergang verurteilt war), wurden die Untertanen der Ostblockländer, aber auch die Bürgerinnen und Bürger der westlich „freiheitlichen“ Nationen der 1. Welt bis in die intimsten Tätigkeiten ausspioniert und angezeigt, sobald jemand als „Querdenker“ oder „Wühler“ in Erscheinung trat. Allein in der Schweiz mussten die oft nach gleichem Schema arbeitenden Sicherheitsagenten wie die Stasi in der DDR zugeben, dass sie 900 000 Fichen über Tätigkeiten, Begegnungen und Gespräche angelegt hatten. Eine parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) unter dem damaligen Nationalrat Moritz Leuenberger gab die gesammelten Akten, so sie von Betroffenen angefordert wurden, zur Ansicht frei, wobei aber alle Daten und Facts abgedeckt wurden, welche auf die damaligen Spitzel und Denunzianten hingewiesen hätten.

 

1989 fiel die Mauer in Berlin

In der gleichen Zeit stürzten die einzelnen kommunistischen Systeme des Ostblocks in sich zusammen. Die Berliner Mauer wurde geschleift, die DDR wurde bald darauf Teil der Bundesrepublik. Auch hier war das Ergebnis der heimlich-unheimlichen Datensammlungen der Stasi ungeheuerlich.

Als der Eiserne Vorhang aufging, wurde ein ideologisches, gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftlich in totale Unordnung geratenes Regierungssystem offenbar, das längst schon hätte hinweggefegt werden müssen, das aber dank der Angst, welche die „Staatssicherheit“ verbreitete, Bestand hatte bis zum totalen Ruin.

Schweiz und DDR

Lukas Hartmann ist es gelungen, mit einem ziemlich der Wirklichkeit nachempfundenen Familienroman mit vielen Selbstbezügen und verschlüsselten Personen, die aber erkennbar bleiben, diese Zeit der Bespitzelung nochmals zum Leben zu erwecken. Ein Gymeler und sein Lehrer, der grosse Hoffnungen auf ihn setzt, geraten durch Verblendung und Erahnen der Wirklichkeit an einander. Was sich für Mario, den Schüler und späteren sozialdemokratischen Journalisten als bremsende und verlogene Haltung zur Zeitgeschichte erweist, gilt dem Lehrer Dr. phil. Gruber, Mitarbeiter am höchst geheimen Widerstandprojekt  „P 26“, als letzte Rettung für die Heimat, falls die Schweiz von den Kommunisten besetzt werden sollte. Erst wie rund 20 Jahre nach der Fichenaffäre ein neuer Schweizer Verteidigungsminister und früherer Radfahrer-Major die Akten der P 26 lüftete, durften die längst greisen Offiziere wie Dr. Gruber oder der damalige Leiter des Projekts, „Rico“, in die Öffentlichkeit gelangen und über ihre Heldentaten berichten. - Wie aber die jüngste Debatte im Natinalrat gezeigt hat, ist das Zeitalter der Bespitzelung noch lange nicht vorbei.

Lukas Hartmann hat es fertiggebracht, trotz Emotionen, die ihn wohl heute noch prägen, sachlich zu bleiben. Er schildert keine Schweiz des Klassenkampfs oder des Kapitalismus, sondern ein Land ohne direkten Einfluss auf das Weltgeschehen, das selbst zu verpönten und illegalen Mitteln greifen muss – zu müssen wenigstens glaubt – um die eigene Unabhängigkeit und Freiheit zu bewahren – zum mindesten jener Führungskräfte, die Angst haben vor allem Fremden, die unschweizerische Einflüsse fürchten und sie doch gerade mit solchen Methoden nicht verhindern können!