ICON-Link

17.04.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Letzter Zapfenstreich für Günter Grass

Ausgetrommelt, fertig provoziert, vom Hofnarr zum modernen Ethiker mutiert


Bildquelle: theoccidentalobserver.net

Die Freie Stadt Danzig steht seit 1920 unter der Verwaltung des Völkerbundes und schürt den Willen einer hauptsächlich deutschen Wohnbevölkerung, sich wieder dem Deutschen Reich anzuschliessen. 1936 meldet sich die „Braune Gefahr“ lautstark zu Wort. Auf einer Holzbühne auf dem Marktplatz üben die Militärmusiken von Heer, Luftwaffe und SS; die Hitlerjugend intoniert Märsche. Versteckt unter dem Gerüst aber trommelt Oskar Matzerath das „alter ego“ von Günter Grass, und ihm gelingt es, die Musikanten auf dem Podest taktmässig irrezuführen. Aus den Kriegsmärschen wird ein Walzer, und gerade als die „Goldfasane“ zum Fest angekarrt werden, beginnen Jugendliche zwischen den Orchestern zu tanzen. Statt eines machtvollen Spektakels der neuen Herren Danzigs verkommt der Anlass bis zum Einsetzen heftigen Regens zu einer Farce. Die Witterung zwingt Zuschauer und Musikanten zur Flucht, und auch Oskar Matzerath gelangt unbehelligt nach Hause.

Schelmenroman nach 1945

Diese Szene aus Volker Schlöndorfs Verfilmung der Literatur-Vorlage von „Die Blechtrommel“ dürfte der Schlüssel sein zu einem Schelmenroman nach Art des Simplizissimus nach der deutschen Niederlage 1945 „Die Blechtrommel“ ist eine Hommage an Danzig, wo er die Eroberung der Polnischen Post durch die deutsche Wehrmacht und damit den Beginn des Zweiten Weltkrieges miterlebt hat. Wie ein Schriftsteller des Barock erfindet Grass für seinen Roman Hunderte von skurrilen Gestalten, die eigentlich nur eines wollen, überleben und anständig zu bleiben in finsterster Zeit. Ein weiterer Höhepunkt des Romans, der aber im Film nicht mehr vorkommt, ist die Schaffung von „Zwiebel-Restaurants“ in der BRD, wo die verstockten und gefrusteten Bundesbürger beim Zwiebelschälen wieder einmal herzlich weinen können!

1959 erschien der Roman, der einerseits von der Literaturkritik willkommen geheissen wurde, aber ob einiger damals als „pornografisch“ geltender Szenen auf den katholischen Index gesetzt werden sollte. Die Stadt Bremen verbot eine Lesung der „Blechtrommel“, der in jenen Jahren allgegenwärtige neue Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki betitelte den Roman „Auf gut Glück getrommelt.“ Er schalt den Danziger Schriftsteller, „seine grosse stilistische Begabung“ würde ihm zum Verhängnis.

 

Er warf Grass insbesondere vor, nichts Menschliches und Allzumenschliches brauche der Schriftsteller zu umgehen. Aber er müsse „uns durch sein Werk überzeugen, dass die Berücksichtigung dieser Vorgänge notwendig oder zumindest nützlich war. Das vermag Grass nicht.“ Drei Jahre später, 1963, setzte Reich-Ranicki andere Akzente, widerrief im Westdeutschen Rundfunk seine erste Kritik in der „Zeit“ und besprach insbesondere das Neuartige in der Prosa der Grass’schen Erzählweise. Über Oskar Matzerath urteilte er jetzt: „Oskar protestiert physiologisch und psychisch gegen die Existenz schlechthin. Er beschuldigt den Menschen unserer Zeit, indem er sich zu einer Karikatur macht. Der totale Infantilismus ist sein Programm.“

Heute ein Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur

Günter Grass hat die deutsche Literatur noch um mehrere lesenswerte Werke bereichert, so mit den beiden weiteren Danzig-Romanen „Katz und Maus“ und „Die Hundejahre“. An seinen Erstling allerdings kam er nie mehr heran. Für sein Gesamtwerk und insbesondere für „Die Blechtrommel“ erhielt Günter Grass 1999 den Nobelpreis für Literatur. Günter Grass war nicht nur Literat, er war auch Maler, Bildhauer und politische treibende Kraft für die Deutsche Sozialdemokratie, hauptsächlich für die Ostpolitik seines Freundes Willy Brandt. Grass mag selbst im hohen Alter immer wieder angeeckt sein, nicht zuletzt mit Artikeln gegen die israelische Besatzungs- und Siedlungspolitik, er hat etwas von seinem Nimbus als unbestechlicher Moralist verloren, als er in seiner Autobiografie erst zugab, im letzten Kriegsjahr der Waffen-SS angehört zu haben.

Günter Grass ist am 14. April dieses Jahres mit 87 Jahren in Lübeck verstorben Er gehörte neben Heinrich Böll, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger und Siegfried Lenz zu den notwendigen Stimmen, die Gräuel der Nazis und der Verantwortung der Deutschen für die Hitlerei literarisch aufzuarbeiten , er hat Freundschaften gepflegt, gehörte zur Gruppe 47, soll ein ausgesprochener Familienmensch gewesen sein, der seine Kinder liebte und ihnen immer wieder gerade erfundene Geschichten erzählte. Die deutsche Literatur verliert in Günter Grass einen ihrer wichtigsten Fabulierer, einen Zeitzeugen der Aera von Adenauer bis Merkel und einen politischen Menschen, der nie Funktionär werden wollte.