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23.04.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Hinschauen - nein, hinschielen – vielleicht

Woche für Woche ertrinken im Mittelmeer Flüchtlinge, und die Welt schaut weg


Bild: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM)  / pixelio.de    

Stell dir vor, jede Woche ertrinken Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer zwischen Libyen, Griechenland und Italien. Und keiner schaut hin. Schielen, vielleicht. Und sich empören. Aber hinsehen und Verantwortung übernehmen – ist das angesichts dieser beinahe antiken Tragödie überhaupt möglich?

Millionen Menschen sind innerhalb ihrer eigenen Länder, in den Ländern ihrer Nachbarn, aber auch zwischen Afrika und Europa auf der Flucht. Es wäre blanker Zynismus, diese mehrfach gebeutelten Opfer als „Wirtschaftsemigranten“ zu bezeichnen. Natürlich suchen sie ein Land, wo sie keine Folter befürchten müssen, wo sie nicht verhungern, aufgenommen werden um Christi Willen und sich in die Gastgemeinschaften integrieren.

Bedürftigen helfen, heisst, sie zur Flucht animieren…

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Bild: Alexander Altmann  / pixelio.de

Je mehr Europa hilft, um die gestrandeten und auf hoffnungslos überfüllten Kähnen dem Untergang geweihten Menschen zu retten, desto mehr Entwurzelte versuchen, nach Europa zu gelangen. Aus diesem Grund hat die Europäische Union das Hilfsprogramm „mare nostrum“ nie richtig unterstützt und die italienische Marine es letztlich aufgegeben. Was aber die Scharen an Flüchtlingen an den Küsten Nordafrikas nicht hindert, weiterhin den Versuch zu unternehmen, nach Europa zu gelangen. So sind es eben doch wieder italienische Soldaten, aber auch Freiwillige, die den Flüchtlingsschiffen entgegenfahren und bei Havarien möglichst viele Flüchtlinge zu retten.

 

… aber es ist auch Christen- und Menschenpflicht!

Was sollen wir tun? Gehört Europa bald den Afrikanern, den Syriern, den christlichen Flüchtlingen vor den Schergen des „Islamischen Staates“? – Natürlich nicht. Aber ohne Zweifel werden jetzt im Sommer, aber auch auf lange Sicht, Flüchtlinge nach Europa strömen und dabei auf See ertrinken oder an Land gejagt und wieder nach Hause retouniert. Wir erinnern uns dieser Tage des ersten Genozids des 20. Jahrhunderts, als die jungtürkischen Rebellen Kurden und Armenier in Todesmärschen in die Wüste schickten, wo sie verhungerten. 1,5 Millionen Menschen fielen diesem Mord zum Opfer. Wenige Jahre später wurden Exilgriechen aus türkisch besetzten Inseln und Gebieten vertrieben, woraus der griechische Politiker, Philosoph und Dichter Niko Kazantzakis „Die griechische Passion“ erschaffen hat. Kazantzakis hat auch den Mord an russischen Griechen in der Sowjetunion miterlebt und über 150 000 Griechen in die Heimat zurück gebracht. Umso beschämender ist in seiner „Passion“, dass es Griechen sind, welche ihre flüchtenden Brüder und Schwestern verfolgen und nichts mit ihnen zu tun haben wollen.

Was können, was müssen wir tun?

Natürlich ist das Boot noch lang nicht voll. Wir müssen uns einsetzen, dass den Asylsuchenden in der Schweiz anständige Aufenthaltsorte angeboten werden, dass insbesondere die Jungen hier bleiben dürfen, bis sie eine Lehre absolviert haben, die ihnen in ihren Heimaten einen Neuanfang garantiert. Wir müssen gegen Parteien und Behörden protestieren, die über den Zuzug der Bedürftigsten jammern, als wären sie selbst die Opfer eines ungleichen und ungerechten Gesellschaftssystems. 

Und lesen wir doch wieder einmal Niko Kazantzakis‘ „Griechische Passion“ aus dem Jahr 1950, ein Buch, das leider der Menschheit noch Jahrhunderte lang einen Spiegel vorhält, weil der Roman so wahr, die Geschichte so brisant und aktuell ist. “Wie sollen wir Gott lieben“ – setzt Niko Kazantzakis seinem Buch als Motto voran: „Indem wir die Menschen lieben. Wie sollen wir die Menschen lieben? Indem wir sie auf den rechten Weg führen. Welches ist der richtige Weg? Der Weg empor.“