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29.04.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Gallischer Hahn und eidgenössische Löwen

Verhältnis der Nachbarn Frankreich und der Schweiz langdauernd - belastet


Titelbild: Karl d. Kühne - Quelle: „Charles the Bold 1460“ von Rogier van der Weyden (1399/1400–1464) - Meyer, F.: Schweizergeschichte von der Bundesgründung bis Marignano, Lehrmittelverlag des Kantons Thurgau, Frauenfeld 1976. No ISBN.. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

Im Jubiläumsjahr 500 Jahre Marignano, wo sich Eidgenossen und Franzosen die blutigste Schlacht des ausgehenden Mittelalters geliefert hatten, weilte der französische Staatspräsident François Hollande für einige Tage in Bern, um die schweizerisch-französische Freundschaft zu beschwören, aber auch, um zu warnen, Brüssel mit einer buchstabengetreuen Auslegung der Masseneinwanderungs-initiative, allzu fest zu verärgern. „Frankreich versteht die Anliegen der Schweiz, aber die EU hat 28 Vollmitglieder, die alle einverstanden sein müssten!“

Europäische Geschichte ist keine Historie von stabilen Nationen, sondern eine Fülle von Auseinandersetzungen inner- und ausser-staatlicher Konflikte. Die selbständigen eidgenössischen Orte führten unterschiedliche Kriege gegen andere Eidgenossen, aber auch die Habsburger und die Burgunder; die Burgunder waren Rivalen der französischen Könige; die deutschen Adelshäuser führten Kriege im deutschsprachigen Raum, aber auch gegen Frankreich und Italien. Im Schwabenkrieg kämpften Adelige  gegen die Schweiz und die Reformation  führte zu grässlichen Massakern im eidgenössischen Rahmen aber auch gesamteuropäisch wie im Dreissigjährigen Krieg.

Französische Ambassade in Solothurn

Palais Besenval SolothurnFoto Palais Besenval, ehemalige Botschaft Frankreichs in Solothurn - Quelle: solothurn-services.ch

1530 bis 1797 unterhielt das Königreich Frankreich eine wichtige Botschaft in Solothurn. Dabei ging es um das Soldwesen: Eidgenössische Landsknechte, wichtigstes Exportgut der Schweiz wurden in den katholischen Orten angeworben, nachdem Zwingli in Zürich die Reisläuferei verboten hatte.

Franzosen und Eidgenossen „befreundeten sich in den Burgunderkriegen. Karl der Kühne war ein Widersacher des französischen Königs. Die Schweizer holten diesem die Kastanien aus dem Feuer, ohne aber die gewaltigen Landgewinne bis nach Nancy für sich ausnutzen zu können. 1515 bei der Schlacht von Marignano wurden 10 000 Eidgenossen im Kugelregen der französischen Artillerie zerfetzt. Die Franzosen gewährten den völlig aufgelösten Eidgenossen Geleitschutz gegen die Venezianer, die mit den Schweizern  ebenfalls noch ein Mütchen zu kühlen hatten.

 

Die Landsknechtstreue der Eidgenossen endete erst nach der Niederlage königlicher Truppen in Paris 1792 in einem Massaker, weil Louis XVI vergessen hatte, seiner Garde den Befehl zur Kapitulation zu geben. Die Eidgenossen, hauptsächlich Innerschweizer und katholische Bündner, sollen bis zum Schluss wie die wilden Löwen gekämpft haben.

Satrapen Napoleons – Ende der Bourbaki-Armee

Napoleon Bonaparte, Oberbefehlshaber von General Massenas Truppen,  eroberte 1798 die Eidgenossenschaft, plünderte die Berner Staatskasse und gründete die moderne Schweiz. Schweizer Truppen mussten seine Kriege begleiten und mitfinanzieren. Besonders schlimm war die Schlacht an der Beresina, wo die Schweizer den zurückfliehenden Franzosen einen Brückenkopf halten mussten, während der famose Kaiser bereits wieder in Paris weilte und über den „Moniteur“ verlautbaren liess, er habe gestern Abend die Oper besucht.

640px-Fieffe fremdtruppen tafel20Bild: „Fieffe fremdtruppen tafel20“ von Jean Sorieul (1824-1871) - Eugène Fieffé: Histoire des Troupes Étrangères au service de France depuis leur origine jusqu'à nos jours et de tous les régiments levés dans les pays conquis sous la Première République et le'Empire. Paris 1854. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

Ein weiteres Mal mussten Schweizer Soldaten einer französischen Armee unter die Arme greifen, als 1870/71 die von den Preussen geschlagene Bourbaki-Armee in den Jura eindrang und in der Schweiz interniert wurde. (Zwanzig Jahre zuvor hatte Napoleon III., einst Schüler von General Dufour, dem Bundesrat gedroht, in die Schweiz einzumarschieren, wenn sich die Armee nicht vor den Preussen zurückzöge, die das „Fürstentum“ Neuenburg für das „Reich“ behaupten sollten. Der längst emeritierte General des Sonderbundskrieges (1847) besetzte nochmals die Jura-Grenzen und Franzosen und Preussen verzichteten auf weiteren Kriegsruhm.)

Erst in jüngster Zeit hat Frankreich der Schweiz gegenüber wieder einmal die Muskeln spielen lassen und das Ende des Bankgeheimnisses erzwungen. Wahrlich, es lässt sich trefflich in Wohlstand leben unter Befehl und im Schutz unseres westlichen Nachbarn. Ob er nun Louis XVI, Napoleon oder François (Mitterrand oder Holland) heisse.