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28.04.2015 -- Irène Frei / wv

Wer hat die Suisse romande erfunden?

Wie kommt es, dass Romands und Deutschschweizer nicht nur dieselben Werte sondern auch dieselben Mythen teilen? (f+d)


Titelbild: Jean-Jacques Rousseau (painted portrait).jpg commons.wikimedia.org

Texte en francais:  SuisseRomande_VersionF.pdf

 

Roger Francillon, Literatur Professor in Lausanne, hat die Identitätsfrage mittels frankophoner Literatur erforscht.

Der Ausdruck « Suisse romande » soll in den 60-er Jahren durch das Radio kreiert worden sein. Zuvor gab es zwar selbstverständlich das Bewusstsein einer frankophonen Gemeinschaft, aber ein wirklicher Informationsaustausch über die Kantonsgrenzen hinaus fand nicht statt. Es gab zwei Radiostudios, das Eine in Genf, das Andere in Lausanne und ihre Sendungen waren sehr verschieden. Man fand schliesslich einen gemeinsamen Nenner indem man ein „d“ an „romane“anfügte, um die alte Suisse romane der Suisse allemande in der Konsonnanz anzupassen. Dieses „d“ war also so etwas wie ein Anschluss- und Zugehörigkeitszeichen zum selben Land aber nicht zwingend das Zeichen einer westschweizer Identität. Mit dem Einschluss der ganzen frankophonen Region, hat das Radio wahrhaftig die Suisse romande geschaffen und das Fernsehen hat diese Einheit noch verstärkt.

Geschichte

Roger Francillon betont aber dass, obschon Suisse romande noch ein relativ neuer Begriff  ist, es bereits schon im 18. Jahrhundert das Bewusstsein  einer frankophonen gegenüber einer deutschsprechenden Gemeinschaft gab. Der Historiker und Pfarrer Abraham Ruchat spricht schon in seinem Buch: „Les délices de la Suisse“, 1712 erschienen, von der Suisse romande. Darin ist die Rede von einem Zugehörigkeitsgefühl innerhalb derselben Schweiz, mit Anmerkung gewisser Unterschiede. Er spricht u.A. von der Schwierigkeit der Romands, das Schweizerdeutsch zu lernen und zu sprechen. Für ihn ist die Schweiz nicht nur ein Bündnis zwischen 13 Kantonen, wovon der Kanton Waadt unter berner Herrschaft. Er zählt andere Gegenden dazu, so Genf als unabhängige Republik aber mit Schweizer Hoheitsrechten, das Fürstentum Neuchâtel, der Jura und das Wallis, sowie Fribourg, kleine Schwester von Bern. Es gab also schon eine frankophone Schweiz neben der Deutschschweiz, obwohl sie politisch erst ab 1815 existierte.

Suisse romande

Im 5.Jahrhundert war Helvetien unter römischer Herrschaft. Im Westen wohnten die Gallier, im Osten die Alemannen. Die Gallier waren auf Anordnung der Römer einem gallischen Clan unterworfen, den Burgundern, ehemalige Germanen die um Worms gruppiert waren, die aber eine lateinische Sprache hatten und sich schon sehr früh den Römern angeschlossen hatten. Diese verlagerten sie in die genfer Gegend, um dort ihre Stellungen gegen alemannische Invasionen zu schützen. Sind es also die Burgunder gewesen, die die Romandie gegründet haben?

Roger Francillon präzisiert: in Wirklichkeit gäbe es keine Suisse romande ohne den damaligen berner Imperialismus, also dem Berner Staat, der, indem er das Waadtland beherrschte, politisch zwar dominierte, aber ohne dessen Sprache anzurühren. Im Gegenteil. Wohlhabende Familien schickten ihre Söhne nach Lausanne und bezahlten Lehrer, die ihnen die mündliche und schriftliche Sprache beibrachten.

Einer von ihnen, Beat von Muralt, der übrigens Rousseau inspiriert hat, schrieb sogar markante Briefe in denen er Engländer und Franzosen verglich und letztere als frivol und oberflächlich, als Sklaven der Mode, qualifizierte. Er publizierte diese Briefe als Reaktion auf den damaligen französischen Imperialismus, aber auch gegen den Söldner Dienst, der für ihn „Ansteckungsgefahren“ von Fremden barg. Verglichen mit Franzosen konnten Schweizer als barbarisch und wild erscheinen, doch sie waren so stark! So entstand der Mythos der starken Kerle, die in reiner Bergluft lebten. Ein Mythos der immer noch hält und schon seinerzeit Jean-Jacques Rousseau den Genfer und Schweizer, Vorläufer der Revolution, inspirierte,

 

Der Mythos des Hirten und der frischen Luft…                                                   

Findet sich in der ganzen Schweizer Geschichte. Im 19.Jahrhundert hat der waadtländische Historiker Eugène Rambert, unter dem Titel:“ Alpes Suisses“ Texte publiziert, in denen er die Alpen als effektives Fundament der schweizer Identität festgelegte.

Rousseau, der Genfer, hat in seinen Werken denselben Mythos benützt und die Rückkehr zur Natur gepredigt.

indexRomandieAber das eindrücklichste Beispiel ist das des « Kleinjogg », Buch in dem sein Autor Hans Caspar Hirzel, das Leben des Jakob Gujer beschreibt, einem sehr innovativen Bauern, der Ende 18.Jht auf eine Art von  Landwirtschaft praktizierte, die bis ins 20.Jht als modern galt. Viele Europäer, und nicht die Geringsten, so Goethe, haben ihn besucht, um zu sehen wie der aufgeklärte  Bauer Landwirtschaft betrieb.

Bild: Brunnenfigur Jakob Guyer, "Kleinjogg", Uster-Wermatswil,

Foto: Roland zh, Commons.wikimedia.org

Ausser Hirzel und seinem „Kleinjogg“ oder Rousseau, haben sich noch andere grosse Geister dafür interessiert und sich dieser Vision der Beziehung zur Scholle angeschlossen, aber mit Blick  auf moderne Umsetzung.

Auch Frauen trugen diesem Mythos bei, so Madame de Charrière, holländische Patrizierin die mit einem Waadtländer verheiratet war, oder Madame de Staël, die in Coppet Zuflucht gefunden hatte und in ihrem angesehenen Salon Grossgeister wie Benjamin Constant empfing.

Besonders Benjamin Constant war ein typischer Vertreter dieser mythischen Schweiz. Man kann sich schwer vorstellen wie ohne ihn die liberale und radikale Kraft aus Genf und der Waadt hätte bis zum Schluss des 20.Jht. erhalten werden  können. Obwohl in Lausanne geboren, hatte er mit schweizer Identität nichts am Hut. Er studierte und lebte in Paris und in Deutschland,  hatte aber grossen Einfluss auf Generationen von Schweizern. Wir verdanken ihm einen grossen Teil unserer Identität.

Aber wer sind denn die wahrhaften Vorfahren der Romands ? 

Wilhelm Tell oder die Helden von Morgarten? Die Gallier oder die „Waldstätter“, wie es Gilles et Urfer sangen? Wenn auch diese Helden nicht so ungestüm waren und kaum dem Temperament der Waadtländer entsprachen?

Andere Autoren haben sich im 20.Jahrhundert mit der schweizer Identität befasst:

. Gonzague de Reynold, 1970 gestorben, aus einer freiburgischen Familie stammend

. Charles-Albert Cingria, Genfer, katholisch, träumte von einer urtümlichen Schweiz und lehnte Modernität ab

.  Ramuz, wohl der repräsentativste westschweizer Autor, der weniger der Vergangenheit nachtrauerte als die beiden Anderen, der aber sein Leben lang nie eine schweizer Identität fand. In den 30er Jahren, als er ein national anerkannter Schriftsteller war, und seine Werke auf Deutsch übersetzt wurden, schrieb er, kurz nachdem er den Schiller-Preis erhalten hatte,  in einer pariser Zeitung: „…die Schweiz sei kulturell inexistent…“ und „das Einzige das sie( den Schweizern) gemeinsam hätten ,  sei die Uniform des Pöstlers“.

Es gab auch noch andere engagierte schweizer Schriftsteller: Yves Velan, Alice Rivaz, Yvette Z’Graggen, Maurice Chappaz, etc…Wenn man die Literatur des 18. 19. 20. Jahrhundert überfliegt, sieht man dass sie Alle deutsch konnten, dass Einige in Deutschland waren und dort einen Teil ihres Lebens verbrachten. Oft waren sie hervorragende Übersetzer. All diese Autoren haben die deutsche Literatur den Westschweizern eröffnet. Sie taten es wie viele Autoren ihrer Generation, die das Deutsch perfekt beherrschten, aber aus irgendwelchen Gründen, vielleicht aus Perfektionismus, selbst nie deutsch sprachen.

Und was stellen sich heute westschweizer Publizisten und Autoren unter Romandie vor?

 Kürzlich stand in einem Interview der berner Zeitung, das Stephan von Bergen mit der brillanten genfer Publizistin Joëlle Kuntz (früher Journalistin bei der Zeitung „Le Temps“) führte, dass die „Romandie“ gar nicht existiere. Das sehr interessante aufschlussreiche Gespräch finden Sie unter:

http://bazonline.ch/kultur/diverses/Die-Romandie-gibt-es-gar-nicht/story/16753027


Bücher von Joëlle Kuntz auf deutsch :

«Die Schweiz – oder die Kunst der Abhängigkeit», Zwischenruf, NZZ-Verlag 2014; «Schweizer Geschichte – einmal anders», KLV-Verlag 2013.