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30.04.2015 -- Fritz Vollenweider / wv

„Stein aus Licht . .

. . . Kristallvisionen in der Kunst“ – thematisch geschlossen, doch vielseitig (Kunstmuseum Bern).


Daniel Spanke, Kurator dieser Ausstellung „Stein aus Licht. Kristallvisionen in der Kunst“ ist selbst erfüllt von Visionen, reich an tragfähigen Ideen. Er ist darüber hinaus auch gewissermassen Grenzgänger. Allerdings einer, der Grenzen einzuebnen versucht. Durch Abbau von Mauern und Zäunen verwandelt er Hemmnisse in übertretbare Gemarkungen. Mit umfassenden, nicht nur rationalen Kenntnissen, mit einem sicheren Gespür für beides, Zusammenhänge und Kontraste, findet er aus vielen Epochen, aus manchen Stilen, aus Gegenständen der verschiedensten Art und Herkunft die Elemente und Bausteine zu einer klar konzipierten Gesamtschau. Fürs Auge wirkungsvoll gegliedert einerseits, spielt andererseits auch die überlegte räumliche Anordnung durch den Ausstellungsgestalter Ulrich Zickler, welche den Bewegungsablauf und die räumliche Erfahrung des Betrachters steuert, eine entscheidende Rolle. Kurator und Architekt vereinen ihre Kreativität zu einem formalen Konzept, welches äusserst günstige Voraussetzungen schafft, für die Wirkung der Exponate so gut wie für ein beeindruckendes Erlebnis für die Betrachterinnen und Betrachter.

 

Bild4 Michail Matjuschin

Michail Matjuschin, Selbstporträt «Kristall», 1917, Öl auf Leinwand,
68 x 37,5 cm, Museum Ludwig, Köln

 

Fünf Ausstellungsfacetten

Ordnung, Macht, Liebe, Tod – mit diesen vier Grundthemen beginnt der Weg durch die Ausstellung. Hauptwerke dieser ersten Facette sind die Fotografien des Bauhaus-Schülers Alfred Ehrhardt. Der menschliche Schädel aus Bergkristall, anonym aus dem 19. Jahrhundert und der „Medium Crystal Snowflake“ (2006) der Japanerin Jutaka Sone sind herausragende plastische Kontrast-Akzente zu diesen grundlegenden Vermittlungen des Wesens der Kristalle.

Die zweite Facette nennt sich „Der Kristall der Berge“. Besonders eindrücklich hier von Alexandre Calame „Le grand Eiger“ (1844), eine der Ikonen Schweizerischer Gebirgsmalerei. Die von schräg hinten auf den kristallförmigen wuchtigen Berg geführte Beleuchtung wirkt wie vergeistig, unwirklich. Im vorderen Mittelgrund ist das Motiv in beruhigender Gegenständlichkeit in warmen Sonnenfarbtönen wiederholt, als sollte dem mächtigen Bergkristall seine unwirkliche, bedrohliche, schreckhafte und geheimnisvolle Ausstrahlung genommen werden. Als weitere  Künstler in diesem Ausstellungsteil seien unter anderen Carl Gustav Carus, Caspar David Friedrich, Franz Niklaus König erwähnt. Neben dem Geheimnisvollen, Schreckhaften und Wuchtigen der kristallinen Alpenschau sind ihre Werke auch dem feinsinnigen Detail zugewandt.

Vom Berg geht es in der dritten Facette zum Bau. Hauptvertreter in dieser Abteilung ist Bruno Taut. Von seiner Bleistiftzeichnung „Der Monte Rosa – Bau“ (1919-1921) bis zum Modell der vom Konsortium ETH Studio Monte Rosa / Bearth + Deplazes Architekten Chur/Zürich schliesslich 2008 realisierten Monte-Rosa-Hütte SAC ist der Bogen der Spannung dieses Teils der Schau definiert. Nebst vielen grafischen Blättern zeigen auch die Gemälde und plastischen Modelle Ideen der kristallinen Verwirklichung von Baukunst. Innenräume, Säle mit Kristallelementen, Kristallschloss, Kristallhaus – eine reiche Fülle von Konzepten und Details verlocken zu intensiver Auseinandersetzung.

 

Ein visuelles Treffen teils „weit Hergereister“

Bild3 Paul Klee

Paul Klee Physiognomische Kristallisation, 1924. Öl auf Nesseltuch auf Karton 41,9 x 51 cm.

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

 

Bild8 Lyonel Feininger

Lyonel Feininger Gaberndorf I, 1921, Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm Osthaus Museum Hagen.

© 2015, ProLitteris, Zürich

 

Abstraktem Bildgestalten ist der Inhalt der vierten Facette gewidmet. Von Paul Klees bekanntem „Ad Parnassum“ (1932) über seine geheimnisvoll monochrom ausgeführte „Physiognomische Kristallisation“  (1924) zu Michail Matjuschins vollends abstrahiertem „Selbstportrait <Kristall>“ (1917) und Lyonel Feiningers „Gaberndorf I“ (1921) sind hier nur wenige Vertreter dieser illustren Künstlerschar genannt. Man könnte mindestens grosse Teile dieser Abteilung als „Schau der kristallenen Geometrie“ apostrophieren.

Einige mehr oder weniger bekannte Kostbarkeiten sind hier zu sehen. Die Verknüpfung mit dem Thema der Ausstellung, „Stein aus Licht. Kristallvisionen in der Kunst“ vermag immer wieder neue Begegnungen zu vermitteln, mit vielleicht früher nicht genau in dieser Ausprägung wahrgenommenen Motiven, Bildinhalten, Denk- und Schaffensprozessen.

 

Kristalle in der Gegenwartskunst

So ist die fünfte und letzte Fassade der Ausstellung bezeichnet. Ein kleines Bijou, eine Einzelausstellung fast im gesamten Konzept! „Shoes for Departure“ (1991), von Marina Abramovic aus Amethyst gefertigt, können da als Symbol für den künstlerischen Aufbruch ins Jetzt stehen, während Richard Paul Lohse seine „Dreissig vertikale systematische Farbreihen in gelber Rautenform“ (1943/1970), Quadrat mit 165 cm Seitenlänge, zu einem fein durchdachten symmetrisch-kristallinen Farberlebnis aufbaut. Beuys fehlt so wenig wie Max Gubler, Augusto Giacometti und Meret Oppenheim.

 

Bild9 Meret Oppenheim

Meret Oppenheim Modell für Brunnen,“Kristall” (verspiegelte Kuben), 1979 28,5 x 33 x 17 cm

Privatbesitz, Schweiz © 2015, ProLitteris, Zürich

 

Ein besonders fesselnder Teil dieser letzten Facette ist die Installation, in welcher Gerda Steiner  und Jörg Lenzlinger tatsächlich Kristalle wachsen lassen. Ein Ausstellungsteil also, der sich naturgemäss dauernd verändert. Von der Decke herab hängen „Kristallisationslianen“, auf Tischen kristallisieren sich Harnstoffe in satten, variablen Farben; die Wand zieren Tropfbilder.

Nicht nur dieser dauernden Veränderung wegen, sondern vor allem wegen der vielseitigen thematischen Verknüpfungen in der ganzen Ausstellung lohnte es, sich Zeit nehmen und mehrmals allen diesen künstlerischen Herausforderungen nachzugehen. Der von Matthias Frehner und Daniel Spanke herausgegebene Katalog vermittelt dabei unerlässliche, gründliche Informationen vorab mit der engagierten und weitschichtigen Einführung des Kurators Daniel Spanke, aber auch mit einer Reihe weiterer Beiträge anerkannter Forscher und Künstler.

Link zur Ausstellung: Stein aus Licht im Kunstmuseum Bern