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30.12.2050 -- Willy Vogelsang (WillY)

Krippe und Kreuz - Aufbruch und Durchbruch

Stationen auf dem Pilgerweg unseres Lebens, "Nachtgedanken" zu Weihnachten und einer Wegkapelle in Ralligen.


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Im Innern der Wegkapelle

Das Bild stammt aus dem 2016 umgebauten Stall beim Gut Ralligen am Thunersee. Es ist heute eine sogenannte Wegkapelle am Jakobsweg. Sie lädt ein, als "Pilger auf dem Weg" die Stille und die Einfachheit des Ortes zu erleben und zu meditieren. Die Symbolik spricht mich an. Sie hat mich veranlasst, meine "Nachtgedanken" in einem Titel zum Bild zu formulieren und hier ins Schaufenster zu stellen, mit allen guten Wünschen zu den Festtagen an Weihnachten und zum neuen Jahr.

Eine Krippe steht im Mittelpunkt.

Christi Geburt wird mit diesem Zeichen angedeutet. "Denn sie hatten keinen Raum in der Herberge", lesen wir in der Weihnachtsgeschichte. Aufgrund der Engelsnachrichten und einem Sternbild sind Hirten und Weise aufgebrochen, diese Krippe im Stall zu suchen.

Die Schriften und die Tradition der Kirchen haben diese Geburt Jesu als Menschwerdung Gottes gedeutet. "Er kam in das Seine", schreibt Johannes in den ersten Abschnitten seines Evangeliums. Das als "Zeitenwende" bezeichnete Ereignis gab schliesslich in vielen Teilen der Welt Grund dazu, die Kalenderjahre neu zu zählen. Auch unser Geburtsjahr beruht darauf!

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Wegkapelle in Ralligen, umgebaut 2016

Die Legenden und Erzählungen in den Schriften und später in heftigen theologischen Kämpfen um Lehrsätze und Dogmen über die Geburtsumstände und des Verständnisses des Christus Jesus machen mir eher Mühe. Ob wir sie nicht gründlich missverstehen, zu wichtig nehmen? Ist nicht gerade der "Stall" ein Zeichen der Einfachheit, der schieren Bedürftigkeit, Wärme, Schutz; ein alternativer Träf zur raffgierigen, machthungrigen Gesellschaft? Ein Stall genügt, Stroh, Ruhe, Licht, ein Dach über dem Kopf - und eine wunderbare Sicht auf den See!

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Aussicht auf Niesen und Thunersee

Aufbruch

Einige Männer und Frauen haben sich gemäss den Evangelien angeschlossen an die Wanderungen des Jesus aus Nazareth, haben Vertrauen gewonnen und nicht alltägliche Erfahrungen gemacht; auch nicht alltägliches gehört. Sie wurden ermutigt, sich über die Gebote und Gesetze zu erheben und zu tun, was dem Nächsten gut tut - und sich selbst! Allerdings erwarteten seine Anhänger ebenso eine politische Veränderung, Befreiung von Unterdrückung und Übermacht der Herren und Herrschenden. Vermutlich wären sie heute unter den Revolutionierenden, Demonstrierenden und Alternativen zu finden.

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 "Schlössli" Ralligen, auch eine Pilgerherberge; der Park ist öffentlich!

Ein Beispiel geben die heutigen Besitzer und Betreiber des ehemaligen Rebgutes des Klosters Interlaken in Ralligen, die Brüder der Christusträger-Bruderschaft. Einen der Brüder kenne ich von ihrem Wirken in der Stadt Bern her und habe ihn während seines Aufenthaltes in Ralligen besucht. Er hat mir nicht nur die neue Wegkapelle gezeigt sondern auch in das markante alte "Schlössli" geführt, wo sich das Leben und der Dienst der Bruderschaft im Rhythmus klösterlicher Tradition in "Ora et Labora" abspielt. Sie beherbergen Gruppen für Ferien, Kurse, Tagungen, zu stillen Meditationstrainings und viele weitere Begegnungen.

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Dachstock, Gebetsraum

Unter dem grossen Pyramidendach haben sie sich einen einfachen Raum des Gebetes eingerichtet. Er könnte gegensätzlicher nicht sein zu den Kathedralen und Palästen, die wir auf einer Kulturreise in Sizilien vorgefunden haben. Diese überwältigen den Besucher; wir haben gestaunt über die Künstler, über den Reichtum an Mosaiken und Sinnbildern, über die Dimensionen der Gebäude. Nicht nur Zeichen der Verehrung, viel eher ahne ich, ein Ausdruck der Machtfülle und des Machtanspruchs der Kirchenleitungen. Welch ein Gegensatz!

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Chor und Kuppel in der Kathedrale Monreale, Sizilien

Ich frage mich, ob sich heute noch "Follower" finden, die angesichts dieses gewaltigen Auftritts der Kirchen einen Anreiz bekommen, aufzubrechen, um im Vertrauen auf das im Stall geborene Kind zur Heilung und zum Frieden in der Welt beizutragen.

Das Kreuz

passt eigentlich nicht zur Geburtsgeschichte. Unter dem Weihnachtsschmuck ist es jedenfalls nicht zu finden. Es versinnbildlicht den Tod schlechthin, eine grausame Hinrichtung an einem Folterpfahl. Zeichen des Abbruchs, Ende der Übung, der Hoffnung? So wird jedenfalls von einer verängstigten, verwirrten Schar seiner Anhänger berichtet. Sie wussten nicht, welchen Sinn dieser Tod, dieses Scheitern des Aufbruches haben sollte. Ein Tiefpunkt, eine Krise, wie wir es kennen und nennen würden. Das Kreuz gehört deshalb heute zu Karfreitag, einem eher düsteren Gedenktag, dem unterdessen höchste Bedeutung in der Reihe der christlichen Feiertage zugesprochen wird.

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Wandgemälde in der Kirche Bergün GR

Durchbruch

Ich habe lange gesucht nach einem Ausdruck, der hier adäquat dem Begriff Aufbruch zugeordnet werden könnte. Es zeigte sich ja, dass dieses qualvolle Leiden und der Tod des "Friedefürsten" und "Heilandes" nicht das Ende bedeutete, kein Abbruch war. Deshalb entschied ich mich zum Stichwort Durchbruch.

Dabei schaue ich natürlich zurück und stütze mich auf die Schriften des Neuen Testaments, die Evangelien, die Apostelgeschichte und die Briefe des Paulus. Während die Geschichtsforschung den Prozess um Jesus, den Nazarener, noch zeitlich und in grossen Zügen einigermassen glaubwürdig zurückverfolgen kann, sind die weiteren Geschehnisse nicht mit rationalem Verstand zu fassen: Das leere Grab, die Begegnungen der Frauen und Anhänger mit dem totgeglaubten Meister, der Ruf "Jesus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!" der heute an Ostern in vielen Kirchen und Gottesdiensten erschallt und gefeiert wird. Was haben da eigentlich Hasen und Eier zu suchen?

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Eine eindrückliche Darstellung des Christus an der Ikonostase im orthodoxen byzantinischen Kloster Hosios Lukas, Griechenland.

Verständlich ist aber, dass mit der spirituellen, mystischen Erfahrung der "Auferstehung" ein neuer Impuls gezündet wurde. Die Geschehnisse um Pfingsten werden sogar mit "Feuerflammen" geschildert. Es heisst, dass der Geist Gottes über die Menge kam. Dieser bewirkte offenbar ein Aha-Erlebnis, aha darum musste es so und so geschehen und vielleicht ja auch die Erkenntnis, dass es nicht um eine politische Revolution geht, sondern um eine quasi Neugeburt des Menschen "mit Kopf, Herz und Hand" oder anders gesagt, mit Leib, Seele und Geist.

Ich meine darum, das Kreuz als Symbol dieses Neuaufbruches oder eben Durchbruches deuten zu können. Ich bin halt auch ein, wenn auch bescheidener Mystiker. Nullpunkte und Krisen enthalten die Chance zu einem Neubeginn, zum Umdenken, zur Neuorientierung. Auf dem Pilgerweg unseres Lebens gibt es diese Höhen und Tiefen. Die Wegkapelle lädt uns ein, innezuhalten, auszuruhen, abzuschalten und offen zu werden für neue Kräfte und neuen Mut, vielleicht auch Demut, für eine neue Etappe.

Es kann, aber muss ja nicht gerade der Jakobsweg sein! Zum Beispiel von Merligen über Ralligen nach Gunten oder weiter nach Thun oder umgekehrt.

Alle Bilder stammen aus der Fotowerkstatt des Autors.
© Willy Vogelsang, Münsingen CH