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30.12.2050 -- Maja Petzold / wv

Unter Feinden fotografieren

Sechs Jahre lang hat der Fotograf Matthias Bruggmann an seinem "Werk von unsäglicher Gewalt" gearbeitet. Nun ist es im Musée de l'Elysée in Lausanne ausgestellt.


Bilder aus dem zerrütteten Syrien – sind wir nach sieben Jahren Krieg noch gewillt, ja in der Lage, sie anzuschauen? Der Fotograf Matthias Bruggmann will "bei einem westlichen Publikum ein tiefgehendes Verständnis für die unfassbare Gewalt wecken, die jedem Konflikt zugrunde liegt", er legt Wert darauf, nichts in seinen expliziten, brutalen Bildern zu schönen.

Bruggmann Marmarita Reef Homs 11 09 2013

Hotelschwimmbad oberhalb von Marmarita Reef Homs 11 September 2013. Das Foto zeigt Kämpfer, die sich ausruhen. Sie gehören zu einer dort stationierten Miliz zum Schutz eines sunnitischen Dorfes und einer mittelalterlichen Kreuzritterburg.

Das klingt nicht nach einem schönen Spaziergang durch malerische Landschaften. Und doch fühlen wir uns beim Rundgang durch die Räume wie auf einer Wanderung, von der allerdings Normalsterblichen abzuraten ist: Wir wandern durch zerstörtes Land, in dem dennoch Menschen überleben: Wahrscheinlich in einem früher gepflegten Quartier mit vielen Bäumen überquert eine junge Frau eine Strasse, im Hintergrund sehen wir den Qualm einer Explosion. Ein Kämpfer spielt mit seiner Tochter in einer Kaffeepause. In einem Olivenhain sehen wir drei Kinder, die beobachten, wie hinter den nahen Hügeln Rauchwolken von Bombeneinschlägen aufsteigen.

Dokumentation des Krieges

Bruggmann dokumentiert auch die Aktivitäten der Medienabteilung des syrischen Regimes. Wie ein Fremdkörper wirkt das Foto einer jungen Schauspielerin, die durch die offene Tür eines älteren gepflegten Gebäudes schaut. - Es ist der Set für einen Propagandafilms, der die ersten Demonstrationen der syrischen Opposition denunzieren sollte. Zwei gegenüber hängende Aufnahmen zeigen denselben Platz in Damaskus, einmal während gerade Raketen einschlagen und wenige Menschen sich zu retten versuchen, einmal mit einem grossen fensterlosen Wagen mitten auf dem Platz und Menschen, die geschäftig herumlaufen. Wer nun denkt, das seien Helfer, die nach dem Angriff Verletzte versorgen und Tote bergen wollen, täuscht sich. Es ist ein staatliches Filmteam, das einen tendenziös inszenierten Film für ein westliches – ahnungsloses – Publikum drehte, ein "Spielfilm von unfassbarer symbolischer Gewalt", wie Bruggmann feststellt.

Bruggmann Shirqat Irak 22 09 2016

Asch-Shirqat, Irak, 22 September 2016. Weil befürchtet wurde, dass Terroristen in dem Fahrzeug eine Bombe platziert hätten, wurde es vorsichtshalber gesprengt.

Die grafisch herausragenden Fotografien hängen ohne Titel, nur mit winzigen Zahlen nummeriert. Erklärungen sind zuweilen nicht notwendig, denn wer kennt schon Shinshirah oder den Platz Kafr Souseh in Damaskus. Zugleich mit der Ausstellung hat Bruggmann sein Buch mit den ausgestellten Bildern veröffentlicht – und das ist nicht einfach ein Katalog, hier erklärt er ausführlich, was auf den einzelnen Fotos zu sehen ist. Erst nach der Lektüre verstehen wir die Zusammenhänge. Zum Nachlesen liegt in den Museumsräumen ein Buch aus, es steht natürlich auch zum Verkauf. Leider sind die Texte sehr klein gedruckt.

Der Würde des Menschen verpflichtet

Der Schweizer Matthias Bruggmann, 1978 in Aix-en-Provence geboren, als geschätzter Fotograf vor allem im französischsprachigen Raum tätig, bereist schon seit vielen Jahren verschiedene Weltgegenden, die unter Kriegen leiden. Der Fotograf dokumentiert das Grauen eines Krieges und stellt es zugleich mit einem kritischen, nuancierten Blick dar. Bruggmanns Arbeiten heben die Grenzen zwischen Fotojournalismus und zeitgenössischer Fotokunst auf. Sein 2012 begonnenes Projekt zeigt die Vielschichtigkeit des Konflikts auf. Als Betrachtende müssen wir erkennen, was schwer zu akzeptieren ist: Es gibt Menschen, die gezwungen sind, diese mörderischen Zerstörungen auszuhalten, und zugleich mit allen Mitteln versuchen zu überleben.

 

Bruggmann Reef IdlibReef Idlib, 20 Februar 2013.  Der Fotograf schreibt dazu: "Zwei Männer betrauern den Tod ihres Bruders, der durch eine Granate der syrischen Armee getötet worden war. - Die Furcht vor Bomben war so gewachsen, dass die Familien keine öffentlichen Begräbnisse mehr veranstalteten."

"Aus dokumentarischer Sicht", schreibt Bruggmann in seinem Buch, "handelt es sich meines Wissens bis heute um die einzige derartige Arbeit von einem einzelnen westlichen Fotografen im Inneren Syriens, was nur mit Unterstützung und der hingebungsvollen Arbeit der besten unabhängigen Experten möglich war. Die Besonderheit des Konflikts machte es aus meiner Sicht notwendig, den geografischen Rahmen über Syrien hinaus auszuweiten. Es geht im Wesentlichen um den Versuch, ein Gefühl des moralischen Zwiespalts hervorzurufen. Konzeptuell zielt die Arbeit darauf ab, es für das Publikum unbequem werden zu lassen und seine eigenen moralischen Vorstellungen in Zweifel zu ziehen."

Alle Bilder zeugen von der Gestaltungskraft des Fotografen, ohne als "schön" gelten zu wollen, vielmehr als überzeugend und als Anstoss, über das Geschehen und seine Folgen nachzudenken. – Eine Schau, die wachen Zeitgenossen unbedingt zu empfehlen ist.

Wie stets zeigt das Musée l'Elysée gleichzeitig Werke zweier Fotokünstler. Auch die Bilder des chinesischen Künstlers Liu Bolin verdienen Aufmerksamkeit: "Das Theater der Scheinbilder". Was beide Künstler verbindet, ist ihr starkes Engagement für die Würde des Menschen.

Musée de l'Elysée Lausanne, bis 27. Januar 2018

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Das Buch zur Ausstellung:
Matthias Bruggmann. Un acte d’une violence indicible. Ouvrage accompagné de textes de spécialistes et d’acteurs du conflit syrien. Coédition Editions Xavier Barral / Musée de l’Elysée. 2018.
ISBN FR: 978-2-36511-186-7

Alle Fotos:  © Matthias Bruggmann Contact Press Images Courtesy Musée de l’Elysée Galerie Polaris