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30.12.2050 -- Fritz Vollenweider / wv

Unbrüderliches mit Brüdern…

«Tief ist der Brunnen der Vergangenheit». Auch der eines problemreichen Familienlebens, wie das Theater Matte zeigt.


 

Zur Bestattung des Vaters treffen seine drei Söhne sich in ihrem ehemaligen Elternhaus. Mit seinem Porsche in einen Baum gerast! Da scheint manches nicht geklärt. Er war ein tyrannischer Vater; kein Wunder, dass sich die Söhne jahrzehntelang von ihm ferngehalten, ja sich sogar verleugnet haben. Nur der Jüngste ist bei ihm geblieben – doch auch da verwirren bis zuletzt und zunehmend ein paar Ungereimtheiten.

Eines ist gewiss: Vor allem die beiden älteren haben das pekuniäre Erbe des aus dem Trödelhandel reich gewordenen Verstorbenen mehr als bitter nötig. Und nach den allerdings etwas konzeptlos gesammelten und an die Wände gehängten Objekten moderner Kunst zu schliessen, sollte da doch etwas rechtes zu holen sein.

Bis es allerdings so weit ist, üben sich die drei in Vergangenheitsbewältigung. Sie ist das vordergründige Thema des Bühnenstücks Unter falschen Brüdern von Peter Buchholz, geb. 1954 und in Hamburg lebend. Dass beim Verfolgen dieser Uraufführung aus dem Zuschauerraum der erste Satz von Thomas Manns Riesenwerk Joseph und seine Brüder aus der Erinnerung grüsst: «Tief ist der Brunnen der Vergangenheit», erstaunt aus zwei Gründen nicht. Erstens ist der Anklang an die Geschichte von Josef, dem von seinen Brüdern übel mitgespielt, keineswegs abwegig, und zweitens steckt die Biografie der drei Brüder sowohl voller Tiefen als nicht wenigen Untiefen.

Peter Buchholz hat ein durchaus modernes, zeitgeschichtlich verlinktes Stück geschrieben. Corinne Thalmann hat die so stimmungsvoll wie aussagestark wirkende Dialektfassung erarbeitet. Dass der Autor von Hamburg hergereist ist, um die Uraufführung seines Stücks in einer Mundartfassung mit zu erleben, darf schon auch als Kompliment an das Theater Matte aufgefasst werden – dass er offensichtlich begeistert war, ebenso.

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Von links: Michael Schoch, Res Aebi, Adrian Schmid

Regisseur Richard Henschel ist zusammen mit seinen drei Darstellern – Res Aebi als Christoph, der Älteste, Adrian Schmid als Ulrich, der Mittlere und Michael Schoch als Oliver, der Jüngste – eine in vielen Details spannende Aufführung gelungen. Nicht nur Sprache und Mimik zeigen alle Facetten von Ärger bis Fiesität, von Durchtriebenheit bis Ranküne, von immer wieder aufscheinender fast liebevoller Brüderlichkeit bis tief eingefleischtes Misstrauen. Alles eine Folge der väterlich hart dominierten Kindheit und Jugend! Noch vor fünfzig Jahren wären derartige familiengeschichtliche Entwicklungen kein Thema gewesen; heute weiss man um die Spätfolgen von solchen Schwierigkeiten. Den drei Schauspielern gelingt es, mit dynamischer Spielfreude, mit immer wieder überraschend akzentuierten Gesten und Effekten und auch mit augenzwinkernder Ironie, die hinter den vordergründig so scharfen wie unterhaltsamen Dialogen aufscheinenden düsteren traumatischen Ursachen spürbar mitklingen zu lassen.

Zur augenzwinkernden Ironie trägt auch die Spielraumgestaltung wesentliches bei (Bühnenbild: Fredi Stettler, Kostüme: Katrin Schilt). Das mit modernen Kunstwerken grotesk dekorierte, im Kleinen auch einförmig wirkende Interieur atmet den Hauch des Neureichen und dokumentiert nicht wirklich künstlerisches Verständnis und enthält damit eine unübersehbare satirische Prise. Doch vor allem das Hauptstück, das den Tresor versteckende lebendig und farbenreich strukturierte Gemälde eines fiktiven Berühmten, darf durchaus auch als eine Art Meisterstück des Bühnenbildners angeschaut werden…

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Michael Schoch, Res Aebi, Adrian Schmid

 

Bilder: © Lea Moser

Uraufführung, noch bis 19. Mai 2019

TheaterMatte