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30.12.2050 -- Robert Schoop / WillY

Eine Storchenkolonie in Münsingen!

Eine dramatische Geschichte und eine wertvolle Begegnung mit dem Storchenbetreuer von Storch Schweiz


Titelbild: Screenshot Webcam PZM vom 23.05.2019
 
Wie die ersten Störche zum PZM (Psychiatrisches Zentrum Münsingen) kamen wird auf der Website - extra den Störchen gewidmet - beschrieben:
 

"Was bisher geschah:

Im Sommer 2017 beobachteten wir über längere Zeit vier Störche in den Feldern hinter unserem Areal. Einer dieser Vögel trug den 2014 angebrachten Ring SH295. Im März 2018 wurden im Bereich Tägermatte wieder zwei Störche gesichtet; Dame SH295 war eine davon. Die Spannung war gross, ob das Paar die ihnen bereitgestellten Horste bei der Mühle Hunziken und beim Schwand nutzen würde. Die Störche zogen es aber vor, auf einem der Dächer des Psychiatriezentrums Münsingen ihr Nest zu bauen.

Nach einer Brutdauer von rund einem Monat schlüpften Ende April 2018 drei Jungvögel. Am 30. Mai 2018 wurden die drei von «Storch Schweiz» beringt. Ab Ende Juni konnten wir sie bereits bei den ersten Flugversuchen beobachten."

 

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Flugschule, mit Spektiv beobachtet - da war noch keine Webcam live dabei!
Bildquelle: www.pzmag.ch/fileadmin vom 30.06.2018
 
Die drei Jungstörche sind Ende Juli 2018 vom Psychiatriezentrum Münsingen nach Spanien aufgebrochen. Wir freuen uns riesig, dass sich im 2019 gleich mehrere Storchenpaare bei uns niedergelassen haben! Hier können Sie das Storchenpaar auf Haus 22 bei bei der Aufzucht der Jungstörche beobachten: Webcam Storchennest"
 
Über diese Webcam habe ich selbst nun seit einiger Zeit die Entwicklung der Familie beobachtet und auch an Ort und Stelle meine "Aufblicke" festgehalten.
WV 20190319 8902
Die Protagonisten unter der Webcam auf dem Dach des Hauses Nr. 22.
Bild WillY am 19.03.2019
 
Das Drama beginnt
 
Aus den fünf Eiern, die schlussendlich ausgebrütet wurden, schlüpften vier Jungstörche, die sich unter besten Bedingungen und warmen Frühlingstagen bald zu flaumigen weissen Storchenkindern entwickelten.
 
Screenshot 2019 05 23 multiPixx Webcam Stoerche am 01 05 2019
Screenshot vom 01.05.2019 von der Webcam PZM
 
Unter der Bise und dem Dauerregen ab Mitte Mai begann sich dann aber auch ein Drama anzubahnen. Die Nächte waren frostig und kalt. Und am Montag, 20. Mai regnete es pausenlos den ganzen langen Tag. Offenbar war dies zuviel für die drei jüngeren des Quartetts. Folgendes Bild bot sich mir kurz nach dem Mittagessen. Ausser dem ältesten, vorne im Bild, bewegte sich keines der drei Flaumknäuel mehr. Alle sind gestorben.
 
Screenshot 2019 05 23 multiPixx Webcam Stoerche am 20 05 20191
Montag, 22. 05. 2019 Screenshot von Webcam PZM
 
 
Begegnung mit Robert Schoop
 
WV 20190509 05851 Nummer
Einige Tage früher veranstaltete das PZM im sog. Casino, dem Theatersaal des Zentrums, einen Vortrag zum Thema der Störche. Referent war Robert Schoop, 75jährig, seit 40 Jahren als Betreuer der Störche in der Westschweiz tätig - in freiwilliger Ehrenarbeit notabene. Ich zeigte ihm Bilder von meinen Beobachtungen des neusten Horstes auf dem Sonnensegel. Bei näherem Hinsehen entdeckte ich da nämlich einen Ring und darauf deutlich die Nummer. (Bild rechts)
 
Natürlich wusste er bereits, dass es SK 551, geboren 2017 in Hünenberg ZG ist, der sich mit einem unberingten Partner auf dieser engen luftigen Spitze einen Horst einzurichten begann. Aber wir hatten eine interessante Begegnung und ich erzählte von meinen Berichten hier im Forum des SeniorBern.
 
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Auf der Mastspitze des Sonnensegels (Fotovoltaik) der überraschende Horst im Aufbau.
Bilder vom 9. 05. 2019 WillY
 
Noch am gleichen Abend schickte er mir ein Mail und bestätigte mir die Angaben zur Herkunft von SK 551, geb. 2017 in Hünenberg Zug! Zugleich versprach er mir, in Kontakt zu bleiben, sobald er mehr von den Münsinger Störchen wisse. Eine Woche später ereignete sich das oben beschriebene Drama. Dieses Ereignis gab ihm die Gelegenheit, mir über seinen Spezialeinsatz einen ausführlichen Bericht zu senden, den ich euch hier nicht vorenthalten sondern in seinem ganzen interessanten Umfang zu lesen geben möchte.
 
Der Spezialeinsatz des Storchenbetreuers
 
Weil es augenscheinlich den Altstörchen nicht (mehr) möglich war, die toten Jungen aus dem Horst zu schieben, drohten sich Insekten, Fliegen und Maden zu verbreiten. So entschloss sich Robert Schoop zu einer Spezialaktion zur Räumung des Horstes und gleichzeitig einer Beringung des überlebenden Jungstorches. Hier sein Bericht:
 
"Wie in meiner Schreibung vom 21. Mai 2019 angekündigt, stieg ich gestern zusammen mit meinem Sohn und einem Mitarbeiter des PZM zum Horst auf Haus 22. Wahrlich ein trauriges Bild dort oben. Direkt am Horst sieht einiges noch anders aus als über die Webcam. 
Bevor ich die drei toten Jungstörche verpackte, reihte ich sie nebeneinander auf und stellte fest, a) alle drei waren etwas kleiner als der noch Lebende; b) auch leichter; c) Gliedmassen waren normal ausgebildet; d) zwei von ihnen hatten Grasreste im Unter-Schnabel; e) auch die drei Toten hatten bei der Grösse kleine Unterschiede. 
 
Für mich ist klar, dass der Überlebende der grösste und wahrscheinlich auch der älteste war. Störche schlüpfen in Abständen von 1-2 Tagen. Der Erstgeschlüpfte hat also einen gewissen Vorsprung auf seine Geschwister und somit wahrscheinlich auch Vorrang bei der Futteraufnahme. Mit jedem Geschwister, das dazu kommt, muss er die Futtergaben teilen, diese werden kleiner. Er scheint bestrebt zu sein sich durchzusetzen (Rangordnung) - das ist Natur. Ich bin weder Tierarzt noch Wahrsager, doch die Todesursache schreibe ich dem wirklich miesen Wetter zu.
 
Zur Fütterung: Der Altstorch schluckt das Futter, verdaut es bereits etwas (sie haben sehr starke Magensäfte)  und würgt den anverdauten und schön "vorgewärmten" Futterballen auf den Horstboden aus. Die Jungen müssen das Futter vom ersten Tag an selber aufnehmen und so auch nach dem Prinzip "dr Gschwinder isch dr Schnäller". Hätte der Altstorch einen Schadstoff gefressen, hätte wohl er Komplikationen bekommen und auch der Älteste. Genau das ist aber nicht eingetroffen.
 
Wie der Fremdkörper (Plastikfolie) am 12. Mai in den Horst kam wissen wir nicht. Entweder durch einen Altstorch oder durch die Bise. Plastikmüll ist auch bei den Störchen eine akute Gefahr. Ich beobachte hin und wieder, dass sie solche Sachen selber bringen und damit vermutlich den Horst "verbessern" wollen. Einen kleineres Stück haben wir gestern unter dem im Horst liegenden Gras gefunden und entfernt. Ich war erstaunt, gestern Abend schon wieder Plastikfetzen feststellen zu müssen. 
Ich habe anderswo schon vieles gefunden in Horsten, Trinkhalme, Papierbecher, Schnüre, Stofffetzen, Arm- oder Haarbändeli u.a.m.

Den überlebenden Jungstorch habe ich mit der Nummer  "HES SL 258" beringt. Er war gestern 31 Tage alt. Das Intertarsalgelenk war gut ausgebildet so, dass eine Beringung zu verantworten war. Der Test danach zeigte, dass der Ring sich nicht auf das Gelenk verschieben kann. Das ist sehr wichtig!
Schliesslich haben wir noch die Linse der Webcam gereinigt, damit die vielen Betrachter wieder eine "unverschleierte" Sicht haben. 
 
PZM Storch SK 551 am 23 05 2019
Der aufgeräumte Horst, die bekannte Mama SH 295 (geb. 2014)
tröstet ihren überlebenden Jungstorch - mit Nummer SL 258 !
Screenshot vom Mittwoch, 22.05.2019, Webcam PZM
 
Nun, alles können wir leider nicht beeinflussen. Es bleibt zu hoffen, dass die Störche es schaffen und dem Überlebenden wünschen wir gutes Gedeihen und zahlreiche wärmende Sonnenstrahlen. 

Die Kolonie auf  dem Areal des PZM
 
Es hat noch drei allenfalls sogar vier weitere Brutpaare im PZM. Bei zwei Paaren konnte ich feststellen, dass sie noch auf mehreren Eiern sitzen. Weitere Junge konnte ich auch mit dem Fernrohr nicht feststellen.
Endlich komme ich nun auch dazu Ihnen die Ringnummern aller sich auf dem PZM befindenden beringten Stöche aufzulisten: 
 
Haus 22  (mit Webcam) HES SH 295  Jg. 2014  geb. im Haras in Avenches  (Weibchen), Partner unberingt.
Haus 24 beide Partner unberingt, brüten noch.
Haus 25 HES SL 015  Jg. 2017  geb. Murimoos AG, Partner ist unberingt. Das Paar brütet noch (Einblick in den Horst ist vom Dach aus nicht möglich).
Haus 01 HES SK 746  Jg  2017  geb. Tierpark Lange Erlen, Basel-Stadt
HES SK 304  Jg. 2016  geb.  Kaiseraugst AG. Das Paar brütet noch, sitzt auf mehreren Eiern (konnte ich gestern sehen).
Haus 42 HES SK 412  Jg. 2017, geb, Strafanstalt Saxerriet SG
HES SH 950  Jg. 2017, geb. Murimoos AG.  Das Paar brütet noch.
Sonnensegel HES SK 551 Jg. 2017, geb. Hünenberg ZG, Partner unberingt. Eine Brut in diesem Jahr scheint mir nicht mehr möglich. Das Horstfundament ist aber gut. Fortsetzung des Horstbaus 2020 ??

Hinweis zum jeweiligen Geschlecht: Das Geschlecht sieht man Störchen nicht an. Grösse, Schnabellänge, Iris etc.  all das stammt von sog. "Experten" und Besserwissern - trifft nicht zu!
Geschlechtsbestimmung durch Tierarzt wäre grundsätzlich möglich. ist aber nicht handelbar, weil der Zugriff eine je eine Bewilligung pro Tier voraussetzt. (BUWAL, Jagdinspektorat, Bundesamt für Veterinärwesen). 
Die einzige sichere Möglichkeit ist die Ringablesung bei der Kopulation. Bei SH 295 ist mir das mehrfach gelungen.
 
 
Die Berner Störche
Den kleinen Berner Storch habe ich schon am 21.05. für tot erklärt; die wärmende Sonne am Nachmittag hauchte ihm noch etwas Leben ein - aus meiner Sicht hatte er seit Dienstag morgen die Kraft nicht mehr, Futter aufzunehmen. Gestern Morgen war er tot. 
So, Herr Vogelsang, jetzt sind Sie hochaktuell aufdatiert und die Ringnummern haben es auch bis zu Ihnen geschafft. Für mich gibt es jetzt eine wohlverdiente Pause bis zur Woche 23 wo dann die grosse Beringerei effektiv los geht (Haras Avenches 34 Paare, Altreu 42 Paare, Grossaffoltern 19 Paare, Ajoie 20 Paare dann noch einzelne Paare im Waadtland. 
 
Die Beringung an sich ist eigentlich der "Schoggi-Job" am Ganzen.
 
Die ganz grosse Arbeit besteht aus Ringablesungen und zwar drei bis vier Mal während der Brutsaison. Wie schwierig das sein kann, kennen Sie ja auch von Ihren Fotodokumentationen. Darüber hinaus gibt es Einsätze in Notsituationen wie gestern im PZM, Beratungen von Behörden, Bauämtern, Denkmalpflege und zwischendurch auch wieder mal einen oder gar mehrere Vorträge. "
 
WV 20190509 05851 Detail
 
Der stolze SK551 dankt Ihnen sehr herzlich, lieber Robert Schoop, und wir wünschen Ihnen noch viel Freude bei Ihrer uneigennützigen Arbeit - und dann einen erholsamen Urlaub.
wv