ICON-Link

01.11.2019 -- Willy Vogelsang / wv

Vincent River - oder endlich den Kopf leeren!

Eine Schweizer Erstaufführung von Philip Ridleys Stück "Vincent River" in der Remise-Bühni Jegenstorf, mit Simon Burkhalter und Danièle Themis, Regie: Renate Adam.


Vincent wird das Opfer eines brutalen Mordes. Weshalb? Was war mit Vincent? Wer und wie war er eigentlich? Diese Fragen quälen nicht nur die Mutter, die ihren Sohn nie recht verstanden hat, sondern auch Vincents Freund, der völlig verstört bei ihr aufkreuzt.

Anlässlich der open air Aufführung "Schwarzwaldmädel" auf der Moosegg im Juni dieses Jahres lernte ich den Regisseur Simon Burkhalter kennen. Für diesen Anlass wurde ich erstmals über den Kontakt im Schaufenster eingeladen. Jetzt spielt er als Schauspieler, zusammen mit Danièle Themis das kurze, kompakte Millieustück "Vincent River" auf der Kleinbühne Remise in Jegenstorf und lud mich wiederum ein zur Generalprobe.

Vincent 2 WV 20191030 0642

Zuerst war ich skeptisch und reagierte zurückhaltend. Auf der Webseite informierte ich mich über das Werk. Zwei Personen, auf einer kleinen intimen Bühne, als Besucher ganz nahe dran, fast im Stück drin. Viel Dialog, keine Musik, wie soll das zu überstehen sein. Auch das Thema schien mich zu überfordern; um was geht es denn.

Eine unmöblierte, heruntergekommene Wohnung im Londoner East End. Anita, eine Frau mittleren Alters, bittet eines abends Davey herein. Der Siebzehnjährige hat sich ständig in ihrer Nähe herum getrieben. Davey will mehr über Anitas Sohn Vincent erfahren, den er tot in einem Männerklo eines stillgelegten Bahnhofs gefunden hat. Diese Erinnerung lässt ihn nicht mehr los. Wie und wer war Vincent? Im Laufe des nächtlichen Gesprächs wird klar: die beiden Männer kannten sich und waren alles andere als Freunde. Und Anita muss sich eingestehen, was sie bisher immer geleugnet hat: Ihr Sohn war schwul. Und er wurde brutal ermordet.

Vincent 3 WV 20191030 0643

Es ist kein Krimi. Es sind zwei Menschen, die ihre verdrängten Erlebnisse und Beziehungen zu Vincent "aus dem Kopf loswerden wollen", wie Davey es in einem seiner Ausbrüche einmal herausschreit. Die Mutter, Anita, holt Bruchstücke der Erinnerungen an ihren Sohn aus Umzugsschachteln hervor, Fotos, ein Hemd. Und immer wieder bohrt sie bei Davey nach, welche Beziehung er denn zu ihrem Sohn gehabt hat - und ob er beim Tod in der Toilette dabei gewesen sei.

Vincent 4 WV 20191030 0644

Diese "Kopfleerete" geschieht dann auch, sehr emotionell und offenbar auch mit der Unterstützung durch einen Joint - ja, es wird (eher symbolisch) Gin getrunken und geraucht. Das ist vielleicht der intensivste Teil des Stückes. Es sieht sich zwar harmlos an, wie Davey seinen Abend mit Vincent heraus spielt und speit; das Kopfkino kann sich vorstellen, was passiert ist. Es wird unterstützt durch das emotionale Minenspiel, die Gesten und die geflüsterten Worte des Protagonisten.

Vincent 5 WV 20191030 0646

Ein Happyend ist es nicht, wenn die beiden den Raum durch die Türe verlassen. Auch für einen selbst nicht. Die Frage bleibt, ob die Mutter die Last jetzt erträglicher findet, jetzt wo sie Gewissheit und einen Zeugen hat, dass ihr Sohn wohl schwul war, aber von einer kriminellen Horde zu Tode geschlagen wurde, ohne Grund, ohne Zweck, ohne Sinn.

Und ist Davey erleichtert, nachdem er seine noch jugendlichen sexuell lustvollen Erlebnisse mit Vincent aber auch die erschreckende Augenzeugenschaft seines Todes "aus dem Kopf" entlasten - entlassen - konnte?

Vincent 6 WV 20191030 0648

Gordons Gin und ein Joint sind sicher nicht eine Lösung, den Kopf frei zu schaufeln; eher dröhnen sie ihn zu. Erfahrungen darin habe ich keine. Die Begegnung der Mutter mit dem Freund auf gleicher Leidensebene schuf die Voraussetzung und schliesslich die Gelegenheit der Ent-Lastung.

O.K., das ist meine eigene Schlussfolgerung, auf der nächtlichen Heimfahrt. Wie es bei dir ankommt, weiss ich nicht. Setz dich doch einfach dazu.

Das Gastspiel wird in der Remise-Bühni Jegenstorf ab heute Freitag, 1. November 20 Uhr an den vier folgenden Wochenenden gespielt. Dauer 5/4 Std. Billette à CHF 30.- können online reserviert oder an der Abendkasse gekauft werden. Es hat (noch) genügend Plätze. Auf der Webseite sind alle näheren Informationen zu finden.

http://www.remise.ch/11_stueck_2019_3.htm

Fotos: WV