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31.01.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Sie „kippen“ und „wippen“ munter weiter

Milchmädchenrechnung auf dem Buckel der Völker


Seit es Geld gibt, gibt es davon zu wenig. Jeder Arbeitnehmer weiss, was er auch immer  verdient, ihm fehlen am Schluss des Monats 500 Franken in der Lohntüte.

Schon im Altertum und dann im Mittelalter nahmen die Fürsten, Feldherren und Diktatoren weniger Geld ein als sie ausgaben. Sie beschafften es sich illegal, indem sie die Edelmetalle, aus denen goldene Aureus, silberne Denares, oder deutsche Taler geprägt wurden, verunreinigten. Die Münzen sahen zwar noch wie Gold- und Silbermünzen aus, aber der Gold- und Silbergehalt wurde immer kleiner. Weil es die Obrigkeiten waren, die das immer wertlosere Geld herausgaben, machte das Volk die Faust im Sack und sortierte „echte“ Münzen zum Sparen aus und bezahlte mit dem Inflationsgeld. Irgendwann verlor das Geld an Wert. Die Verlierer waren die Leibeigenen, die Handwerker und Kaufleute, die Landwirte und alle, denen kein Münzrecht zustand. *) Gefälscht wurde natürlich trotzdem. Den deftigsten Währungsskandal verursachte ein Portugiese im Jahr 1924 **).

Ränder kippen, Waagen wippen

Im späteren Mittelalter verlegten sich die Prägeanstalten auf die „Abschöpfung des Mehrwerts“ ungefälschter Münzen. Von dem geprägten Geld kippten sie die Ränder ab womit sie neue Münzen prägten. Die Händler konstruierten Geld-Waagen, die ungenau anzeigten, wenn sie „gewippt“ wurden. Die Völker erlitten Hungersnöte, die Söldner wurden schlecht bezahlt, und im Dreissigjährigen Krieg plünderten alle Truppen Heimat- und Feindesland. Friedrich der Grosse finanzierte seinen Siebenjährigen Krieg durch eine Münzausgabe von geringerem Wert, sogenannten Ephraimiten anstelle des Kurantgeldes. Wilhelm II. verliess sich auf gepumptes Geld, als er den Ersten Weltkrieg anzettelte.

330px-Kipper und Wipper

Betrügerische Münzentwertung:  Durch Wippen der Waagbalken beim Wägen der Münzen. Die guten Münzen wurden aussortiert („gekippt) und mit schlechterem Material „abgewertet“.  (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Kipper-_und_Wipperzeit)

Das Deutsche Reich verlor den Krieg und musste Reparationen an die Siegermächte bezahlen. Um die riesigen Schulden berappen zu können, betätigten die deutschen Reichsregierungen die Notenpresse. Zwar beharrten Alliierten auf Goldmark, aber die Bürgerinnen und Bürger lebten von 1914 bis 1923 in einer zunächst schleichenden Geldentwertung bis zur Hyperinflation.

1923 Deutsches Reich 10milliardenMk Mi3281923 kostete eine Briefmarke über zehn Mrd. Reichsmark. Hausbesitzer frohlockten, ihre Hypothekarschulden verschwanden, der Wert der Liegenschaften stieg ins Unermessliche. – Hitler schliesslich finanzierte seine Angriffskriege rückwirkend mit den Goldreserven der eroberten Länder.

Briefmarke für Inlandversand für 10 Milliarden Reichsmark

 

Finanzkrise, Euroabwertung, starker Schweizer Franken

Die europäische Währungsunion funktionierte, so lange sich die Volkswirtschaften im Euroraum nicht zu sehr in ihren Leistungen unterschieden. Sich aufblähende Staatsbürokratie, Günstlingswirtschaft und Korruption machten die Hoffnung zunichte, dass Europa, eingebunden in eine gemeinsame Währung, zusammenfinde. Nur haben Politiker, Währungshüter und die EU in Brüssel ihre Rechnung ohne die Wirte gemacht, die keineswegs gewillt waren, ihre Talente sparsamst zu verteilen. In Europa, aber auch in den Geldgeberstaaten USA und China wurden Banknoten gedruckt und damit für Eurobonds schlechte Papiere gekauft. Der Wertzerfall des Euro störte die Schweizer Exportindustrie, die Schweizer Nationalbank (SNB) musste intervenieren, um den zuvor für 1.60 CHF gehandelten Euro wenigstens bei 1.20 Franken zu stabilisieren. Zwei Jahre ging das gut, Die SNB gab riesige Summen für fremde Devisen aus, bis sie am 15. Januar nicht mehr konnte: Allein für den Januar 2015 wären mehr als 100 Milliarden CHF nötig gewesen, um den Franken stabil zu halten. Dabei hat SNB-Direktor Thomas Jordan die bevorstehende Flutung der europäischen Währung (1,14 Billionen Euro auf zwei Jahre) durch EZB-Chef Mario Draghi wohl vorausgeahnt.

Und was jetzt?

Die meisten Finanzgurus nennen die Entscheidung Thomas Jordans gut, jetzt müsse sich die Schweizer Wirtschaft am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Unsere Wirtschaft ist vorläufig noch gesund. Sie kann das schaffen. Aber zu welchem Preis? - Wer die Notenpresse braucht, um seine Schulden bezahlen zu können, schafft indirekt neue Inflation. Die Pensionskassen erhalten heute bereits geringere Dividenden aus ihren Anlagen, die Rentner müssen um ihre Renten fürchten, die ALV wird Kurzarbeit in der Exportindustrie finanzieren helfen.

Die Exportwirtschaft und die Gastronomie sprechen bereits von Kurzarbeit und verlängerten Arbeitszeiten. Die Banken müssen für das viele Geld, das in die Kassen fliesst, bei der Nationalbank Strafzinsen bezahlen und verzichten trotzdem darauf, vermehrt flüssiges Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Risikokapital nannte man früher die Grundlage jedes neuen Unternehmens. Wo ist die Risikobereitschaft unserer Banken geblieben?

Weiterhin wird gewippt und gekippt. Die Leidtragenden sind wohl auf lange Zeit die Steuerzahler, die Rentner und Fachleute, deren Arbeitsplätze ins Ausland verlegt werden.

*) Eine kuriose Ausnahme der Geldgier des Menschen bildet der Goldfälscher Farinet im Wallis, der gemäss Autor Charles Ferdinand Ramuz nicht deshalb polizeilich verfolgt wurde, weil er schlechtes Geld machte: Seine Vreneli hatten mehr Goldgehalt als die der Eidgenossenschaft!

**) Der Grossbetrüger Alves dos Reis bestellte als angeblicher Vertreter der portugiesischen Nationalbank 200 000 Banknoten à 500-Escudos (heutiger Wert rund 1,5 Mio. Euro) beim renommierten englischen Notendrucker Waterlow&Sun. Als er mit 28 Jahren aufflog, verlor die portugiesische Währung deutlich an Wert.

 

Titelbild:

100 Billonen Mark hatten 1924 einen offiziellen Wert von 100 Rentenmark

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923