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05.02.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Belle Epoque – geil auf Licht, süchtig nach Südsee, dem Milieu verfallen

Gauguin in der Fondation Beyeler; Monet, van Gogh im Kunsthaus Zürich; Toulouse Lautrec im Kunstmuseum Bern


Es wird wohl der aufsehenerregendste Event sein in der Geschichte der Fondation Beyeler in Riehen, wenn am 8. Februar bis zum 28. Juni die Paul-Gauguin-Ausstellung mit rund 50 Originalwerken des von der Südsee verzauberten Kaufmanns und unkonventionellen Natur- und Eingeborenenmalers eröffnet wird. Ein Grossansturm wird teils befürchtet, halb erwünscht. - Vom 20. Februar bis zum 10. Mai ergänzt eine Ausstellung  mit Werken von Monet, Gauguin und van Gogh mit ihrer Inspiration durch die japanische Kunst im Kunsthaus Zürich diese besondere Sicht auf die Belle Epoque der französischen Malerei. Und vom 26. August bis 13. Dezember wird Henri de Toulouse-Lautrec und seinem Bezug zur aufkommenden Fotografie im Kunstmuseum Bern die Ehre erwiesen.

Internationale Künstler suchten Paris heim

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Belle Epoque, das ist die Zeit nach Napoléon III. und dem Empire, für Europa eine Zeit des Friedens, für Industrie und Wissenschaft eine wichtige Epoche der Erneuerung und des gesellschaftlichen Wandels. In Paris malten prominente Maler des ausgehenden Impressionismus wie Monet und Manet, Renoir, aber auch die Rebellen Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Henri Rousseau; der adlige Maler, Grafiker und Plakatkünstler Henri de Toulouse Lautrec, sowie auch Pablo Picasso; eine neue, kraftvolle Bildhauerei war vertreten durch Auguste Rodin und den Bündner Alberto Giacometti.

Vom Impressionismus zum Expressionismus

Während Paul Cézanne, Claude Monet, Eduard Manet und Pierre-Auguste Renoir ihren Zeitgenossen eine neue Sicht der Natur bescherten mit blauen oder violetten Schatten und impressionistischen Darstellungen von Menschen und Gegenständen, folgten ihre jüngeren Kollegen einer mehr ausdrucksstarken Auffassung von Kunst, die bis zur naiven Abbildung von wilden Tieren im Dschungel (Rousseau) führen konnte. Paul Gauguin fand seine Motive hauptsächlich in der Südsee, wo er das Paradies verherrlichte, das er in den bürokratisch verwalteten Überseegebieten niemals finden konnte.

Eine irre Mal-Gemeinschaft

Gauguin, ein leidlich erfolgreicher Kaufmann, der sich autodidaktisch in der Malerei vervollkommnete, fand für eine kurze Zeit in seinem Kollegen Vincent van Gogh einen Gleichgesinnten, mit dem zusammen er sich in Pont-Aven in der Bretagne zusammen tat und später in Arles ein gemeinsames Maleratelier führte. Es war die Gier nach reinem Licht, das die beiden zusammenführte, aber auch der Versuch, unabhängig zu leben, was meist mit Geldsorgen und Schulden verbunden war. 

 

Die beiden stritten sich, van Gogh verlor ein Ohr, Gauguin, der bei einem Aufenthalt in Martinique die Tropen kennen gelernt hatte, reiste nach Tahiti, wo er ein exotisches Paradies erwartete und wo er, ohne Geld verdienen zu müssen, malen konnte. Von Martinique hatte er rund 20 Bilder nach Hause gebracht, diese und andere wurden versteigert, so dass er die Fahrkosten zusammenbrachte. In Tahiti  aber musste Gauguin feststellen, dass seine paradiesische Insel unter französischer Bürokratie längst in der bedrückenden Gegenwart angelangt war.

Paul Gauguin erlebte persönliche Enttäuschungen, wurde krank und musste nach Frankreich zurückkehren. Dort versuchte er, seine von Kollegen hochgelobten Bilder zu veräussern, erntete aber in der Öffentlichkeit nur Hohn und Spott. Er kehrte nochmals nach Tahiti zurück, bevor er hatte gesunden können. Hier legte er sich mit den französischen Behörden und der katholischen Kirche an, bis er bettlägerig wurde. Mit Morphium bekämpfte er seine Schmerzen. Er starb 54jährig am 8. Mai 1903 auf Hiva Oa, wo er auch begraben ist. Erst nach seinem Tod wurde der Wert von Paul Gauguins Werk richtig erkannt.

Der kleingewachsene Graf

Lautrec FotoSelbstbildnisVon ganz anderer Art geschnitzt als die weltfremden armen Schlucker Gauguin und van Gogh war der wohlhabende Graf Henri Marie Raimond de Toulouse-Lautrec-Monta (1864-1901) aus Albi, derl wegen einer Inzucht-bedingten Erbkrankheit nur 1.52 Meter mass. Mit Mühe bestand er den ersten Teil des Abiturs – zum zweiten erschien er gar nicht, weil er Maler werden wollte. Er lernte das Handwerk in Paris, zog dann in den Montmartre, wo er sozusagen im Schatten des Moulin Rouge und des Chat Noir das Cabaret und den Zirkus kennen lernte. Das Milieu, das Showbusiness und der stets fliessende Champagner inspirierten ihn zu Gemälden und Plakaten. Das Kunstmuseum Bern zeigt das Verhältnis des Malers, der selber nie fortografierte, aber andere fotografieren liess,  zur Schwarz/Weiss-Aufnahme.

Toulouse-Lautrec wandte in Paris eine vergessen geratene Darstellungskunst an, die Lithografie. Anregungen fand er bei Edgar Degas und Paul Gauguin sowie dem japanischen Holzschnitt. In den Cafés und Restaurants des Montmartre zeigte er seine Bilder und bekam Aufträge für Werbeplakate. Toulouse-Lautrec verfiel dem Alkohol, was drei Jahre vor seinem Tod zum Delirium tremens führte. Seine Mutter wies ihn zu einer Entziehungskur in eine Heilanstalt ein. Später kehrte er nach Paris zurück, vollendete, ordnete und signierte seine Werke. Mit 36 Jahren starb Henri de Toulouse-Lautrec im Beisein seiner Eltern auf Schloss Malromé in Albi.

Kurt Tucholsky widmet im „Pyrenäenbuch“ dem Maler die Geschichte „Einer aus Albi“. Darin lässt er Toulouse-Lautrec vor seinen Schöpfer treten, der ihn fragt:

„Warum hast du solch einen Unflat gemalt, du?“(…) Warum hast du dich in den Höllen gewälzt – deine Gaben verschwendet – das Hässliche ausgespreizt – sage!“

Henri de Toulouse-Lautrec steht da und notiert im Kopf rasch den Ärmelaufschlag eines Engels.

„Ich habe dich gefragt. Warum?“

Da sieht der verwachsene, kleine Mann den himmlischen Meister an und spricht:

„Weil ich die Schönheit liebte – “

 

Bildquellen:

Paul Gauguin Contes Barbares, 1902 Barbarische Erzählungen, Öl auf Leinwand, 131,5 x 90,5 cm Museum Folkwang, Essen Foto: © Museum Folkwang, Essen

Paul Gauguin, La Vision du Sermon (1888), Scottish National Gallery

Maurice Guibert, Toulouse-Lautrec porträtiert Toulouse-Lautrec, um 1894, Fotografie c Musée Toulouse-Lautrec, Albi

Ein Bericht über die Paul Gaugin-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen folgt später.

 

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