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07.02.2015 -- Irène Frei / wv

A propos: Warum sprechen die Romands nicht Dialekt?

Wieso pflegen die Deutschschweizer ihre Dialekte weiter, während die Romands sie zugunsten vom französischen aufgegeben haben? (deutsch + francais!) Aus dem Archiv geholt von Irène Frei


Bild: Der Lehrer von 1848, Schulmuseum Köniz. Foto WillY

En francais:   A_propos.pdf

Im vergangenen Mai (2011) wurde in den Kantonen Basel und Zürich über die Mundart als Unterrichtssprache im Kindergarten abgestimmt, ein Beispiel für den emotionalen Stellenwert der Mundart in der Deutschschweiz. Wie verhält es sich in der Suisse romande? Sind die französischen Dialekte einfach verloren gegangen, oder hat man sie bewusst aufgeben, wurden sie gar ausgerottet?

In der Sendung «Kontext» von Radio DRS 2 warf Professor Andres Kristol vom «Centre de dialectologie» der Universität Neuenburg einen Blick auf die Geschichte der französischen Sprache in der Westschweiz und erklärte, wie Sprachgrenzen über Jahrhunderte fortbestehen, aber auch plötzlich verschwinden können.

Wie kommt es, dass man in der Deutschschweiz zwar Dialekt spricht, aber hochdeutsch schreibt? Warum kommunizieren die Deutschschweizer weiterhin in zwei verschiedenen Formen derselben Sprache, während in der Suisse romande der Dialekt zugunsten des Französischen verloren ging? Wobei die Westschweizer keine Sympathien für die deutschsprachigen Dialekte, ja gelegentlich sogar allergisch darauf reagieren. Ging es ihnen mit den französischen Dialekten ebenso? Haben sie seinerzeit ebenso allergisch auf die französischen Dialekte reagiert?

Das «Patois» war weit verbreitet

Ursprünglich sprach die Bevölkerung auf den die Alpen überquerenden Axen um den Mont Blanc, im Aostatal bis nach Lyon, in der Gegend des San Bernardino bis zum Grossen St. Bernhard romanische Dialekte. Sie waren aus dem Vulgärlatein hervorgegangen und gehörten zur frankoprovenzalischen Sprache. Nur im Jura – in der Verlängerung der Franche-Comté – sprach man das galloromanische «Langue d’oil», Nordfranzösisch.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das «Patois» in den Regionen Genf, Lausanne und Neuenburg noch sehr verbreitet. Erst mit der industriellen Revolution, als eine massive Binnenwanderung von Arbeitern aus der deutschsprachigen Schweiz in Richtung Welschland einsetzte, gingen die Dialekte zugunsten der französischen Sprache verloren. (Als Schriftsprache hatte sich diese bereits seit der Reformation durchgesetzt.) So wollte man die Neuankömmlinge besser integrieren und sich mit ihnen verständigen. Die Westschweizer verzichteten also auf ihre «Zweisprachigkeit» (gesprochener Dialekt und geschriebenes Französisch) zugunsten einer einheitlichen französischen Hochsprache. In der Deutschweiz dauert die Teilung an.

Beigetragen zur Verbreitung des Französischen in Genf hatte zuvor bereits die Ankunft der Hugenotten, die in Frankreich wegen ihres protestantisch kalvinistischen Glaubens verfolgt wurden.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Abkehr vom Dialekt zugunsten der Hochsprache am Beispiel des Jura. Bis zum Zeitpunkt der Bevölkerungsexplosion im Talbecken von Saint-Imier um 1815 sprach die Bevölkerung einen frankoprovenzalischen Dialekt: Mit der Ankunft grosser Zahlen von Waadtländern und Deutschschweizern war die Bevölkerungszahl gegen 1899 von 2500 auf 25 000 Personen angestiegen. Entsprechend verzichtete man zunehmend auf den lokalen Dialekt zugunsten der französischen Sprache.

In vorwiegend katholischen, ländlichen Regionen jedoch hielt sich der Dialekt bis in die fünfziger Jahre. In zwei Regionen haben die Dialekte sogar noch bis zum heutigen Tage überlebt: In der Gegend von Evolène im Val d’Hérens, (VS) und im Greyerzerland (FR); und in Genf wird heute noch eine Hymne gesungen, in der es auf Frankoprovenzalisch um den Kampf für die Unabhängigkeit von den Savoyarden geht – ein Text, den allerdings niemand mehr versteht.

Die Kirche nahm keinen Einfluss

Lange Zeit ist behauptet worden, dass der Einfluss der Kirche und der Schule die Abwendung von den Dialekten beschleunigt hätten, eine Annahme, die schwer zu belegen ist. In der Deutschschweiz zumindest hat die Religion nie Einfluss auf den Dialekt ausgeübt, während die Bibel immer auf Schriftdeutsch gelesen wurde. Aber auch für die Suisse romande, wo nach der Reformation das Französische zur offiziellen Sprache geworden war, lässt sich kein Einfluss der Kirche auf die Dialekte nachweisen. Allerdings bewirkte der Protestantismus eine schnellere Industrialisierung im Jurabogen, im Waadtland und in Genf, was eine stärkere Durchmischung der Bevölkerung mit sich brachte. Wobei der Kalvinismus die Anhäufung beachtlicher Kapitalmengen nach sich zog, die den Aufschwung der Industrie in der Schweiz ermöglichten.

Auch katholische Gegenden wie das Greyerzerland profitierten von der Industrialisierung: Man begann Milchpulver und Schokolade herzustellen. Im Gegensatz zu anderen Regionen gab es hier jedoch genügend einheimische Arbeitskräfte. Entsprechend blieb auch der Dialekt am Leben, selbst in den Produktionsstätten. Heutzutage allerdings ist das Patois verloren gegangen. Nur noch ältere Menschen sprechen es, oder vielleicht einige Enkel von Hirten (armaillis), die es auf der Alp gelernt haben. Ein Beispiel für den alten Dialekt ist die Hymne «Lyoba» (mit dem frankoprovenzalischen Titel «Lè j’armayi di Kolonbètè» , französisch: «Le Ranz des Vaches»). Als Textbeispiel die 1. Strophe und der Refrain (Einfüg. der Red. aus http://www.lyoba.ch/culture/desalpe/ranz.htm):

Lè j’armayi di Kolonbètè
Dè bon matin chè chon lèvâ.

Lyôba, lyôba, por aryâ (bis).
Lè chenayirè van lè premirè,
Lè totè nêrè van lè dêrêrè
Lyôba, lyôba, por aryâ (bis).

 

 

Im Walliser Evolène (Val d’Hérens) sprachen im Jahr 2009 noch ein Drittel aller Kinder Dialekt. Die Bewohner dieser Gegend lebten bis 1950 sehr abgeschlossen; zugunsten der Milchproduktion hatten die Bauern den Weinanbau im Tal aufgegeben und pendelten zwischen ihrem Wohnort im Tal, dem Maiensäss (einer Weide in mittlerer Höhe) und der Alp. Der Performer Georges Bovin hat noch kürzlich eine ganze Geschichte im Dialekt aufgeschrieben (vom Bauern, der den Teufel zu überlisten versucht). Doch es ist schon so: Sobald sie sich öffnen, verlieren die kleinen Regionen ihre Sprachgepflogenheiten.

Einer Minderheit jedoch gelang es, ihre Besonderheit zu bewahren: Im Bestreben, sich von dem Land, in dem sie verfolgt wurden, abzugrenzen, brachten die aus Frankreich geflohenen Hugenotten nicht nur ihre Sprache und handwerklichen Fertigkeiten mit - zum Beispiel als Uhrmacher (Blancpain, Vacheron etc.) - , ja sie nahmen auch eine betont schweizerische Identität an, indem sie den Mythos von Wilhelm Tell übernahmen oder an Festen die Geschichte von Arnold Winkelried aufführten; dies zu einer Zeit, als die Genfer und Waadtländer noch von Bern abhängig waren und sich – wie auch die Neuenburger - keinen Deut für die Suisse romande interessierten. So waren die Hugenotten die ersten Einwanderer, die sich als Westschweizer fühlten. Sie waren überzeugtere Helvetier als die Genfer und Neuenburger. Sie wollten nichts mit den sprachlichen oder religiösen Barrieren zu tun haben.

Sprachkonflikte im Jura

Entlang der Passstrassen rund um den Montblanc sprach man also Frankoprovenzalisch («langue d’oc») , weiter östlich Rätoromanisch und im Jura «langue d’oil». Als im Jurabogen jedoch im 15. und 16. Jahrhundert Immigranten aus dem Norden, die die Freiberge bevölkerten und dem Bistum Basel mit Sitz in Pruntrut unterstanden, auf Einwanderer aus dem Süden trafen und dem Bistum Lausanne unterstanden, kam es zu Konflikten: Denn der sprachliche Graben war so tief, dass man sich zwischen den nur vier Kilometer voneinander entfernten Gemeinden La Ferrière und Les Bois nicht mehr verständigen konnte.

Die Spannungen verschärften sich, als nach der Reformation konfessionelle Probleme hinzukamen, blieb doch der Norden katholisch, der Süden hingegen war durch den Zustrom von Zuwanderern aus der Region Neuenburg und dem Waadtland reformiert. Die Konflikte wurden politisch ausgetragen und dauern bis heute an. Die Assimilierung des Bistums Basel durch den Kanton Bern war niemals vollständig realisiert worden. Die Jurafrage führte 1978 zur Entstehung eines neuen Kantons, des von Bern gelösten Kanton Jura. Die Spannungen legten sich erst, nachdem die 1994 geschaffene Interjurassische Versammlung (Assemblée interjurassienne) einen Dialog zwischen Vertretern beider Regionen ermöglicht hatte.

Heute verläuft die Sprachgrenze angeblich entlang der Saane, dem so genannten Röschtigraben. Aber Röschti werden – seit es Kartoffeln gibt - beidseits der Saane zubereitet. Handelt es sich also um einen veritablen kulturellen Graben? Zwar verbleiben noch einige Wörter aus dem Frankoprovenzalischen, zum Beispiel Zahlen wie «huitante», «septante» oder «nonante». Umgekehrt werden in der Westschweiz deutsche Lehnwörter wie Witz oder putzen gebraucht.

Die wirkliche Sprach- und Kulturgrenze bildete sich schon viel früher, im 9. Jahrhundert, nach den Teilungen des Reichs Karls des Grossen mit dem Herzogtum von Schwaben im Osten (auch Zürich gehörte dazu) , mit dem Königreich Burgund oder Arelat, das im Jahr 888 in Saint-Maurice ausgerufen wurde und sich zunächst auf das Hochburgund beschränkte, bevor es sich bis zum Mittelmeer ausdehnte und mehr oder weniger das ganze Rhonebecken umfasste. Die vielfältigen Namen entlang der Reuss, im Napf oder im Gebiet des Brünig zeugen von diesen verschiedenen Einflüssen.

Dialekte wurden aktiv bekämpft

Was ist nun aber aus jenem Patois geworden, den Regionaldialekten in der Suisse romande? Wurden sie einzig aus Gründen der Verständigung mit den Einwanderern aus der deutschsprachigen Schweiz aufgegeben, auch um deren Integration zu fördern? Oder wurden sie zugunsten der Pariser Hochsprache bewusst verdrängt, wie es der französische Priester Henri Grégoire (Abbé Grégoire) im Jahr 1793 - in Übereinstimmung mit der Weltanschauung der französischen Revolution - behauptete: «Die Sprache der Freiheit wird siegen. Um ihr zum Sieg zu verhelfen, müssen wir die Schlacken des Barbarismus, müssen wir die Dialekte aktiv vernichten.»

Der Prozess sollte ein Jahrhundert dauern, «die Zeit, um für jedes Dorf einen Lehrer auszubilden», erklärte der Sprachwissenschaftler Professor Andrès Kristol, in der Radiosendung «Kontext». Nirgendwo in Europa – ausser im französischsprachigen Bereich - seien die lokalen Dialekte mit gleicher Hartnäckigkeit bekämpft worden. Die Renaissance der Dialekte in der Deutschschweiz seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint eine unerwartete historische Kehrtwendung zu sein. Auch aus dieser Bewegung erklären sich die Abstimmungen in Basel und Zürich zugunsten der Mundart im Kindergarten.

Quellen: Auszüge aus dem Interview mit Professor Andrès Kristol auf DRS2 (Kontext vom 12.5.2011), «Le Temps» vom 21.4. 2010, «Histoire de la Suisse», Presses universitaires de France (Que sais-je).

Übersetzung: Christine Kaiser

Anm. der Redaktion: Die ursprünglichen Illustrationen konnten leider nicht mehr gefunden und eingesetzt werden. wv