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08.02.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Gauguin: Gesamt-Kultur-Ereignis überwältigt und macht traurig

Einmaliges Fest der Farben, der Sinne und der Rekorde in der Fondation Beyeler, Riehen


Titelbild: Selbstporträt mit Palette 1893/94, (Privatsammlung) Bilder von BS aufgenommen, mit Ausnahme des Zweiten

 

Sechs Jahre dauerte die Vorbereitung der jetzigen Gauguin-Ausstellung in Riehen. Aus 13 Ländern, u.a. aus dem Museum für Bildende Künste A.S. Pushkin in Moskau, wurden 42 zum Teil in Form und Format gewaltige Ölmalereien von Paul Gauguin in die Fondation Beyeler gebracht, sorgfältig ausgepackt und an den Wänden der modernen Ausstellungsräume gehängt, daneben Holz- und Keramik-Werke des Künstlers, welche der alten polynesischen Kunst der Vorkolonisation nachempfunden sind.

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Bild: Pressekonferenz: Kurator Sam Keller (mitte), Martin Schwander (links) und Raphaël Bouvier begrüssten am Medienrundgang über 200 Journalisten aus aller Welt. (Foto: BS)

Wo soll man anfangen? Bei den Zahlen? ...

Der Wert der hier gezeigten Werke übersteigt 2,5 Milliarden Franken, die Versicherungssumme allein dürfte eine zweistellige Millionenzahl in Franken ausmachen. Rund ein Drittel der veranschlagten Ausgaben dürften durch den Billettverkauf an eine Rekordzahl an Besuchern, die erwartet werden, wieder hereinkommen. Zwei Drittel allerdings werden durch namhafte Sponsoren eingeschossen, um der Stadt Basel vom 8. Februar bis 28. Juni dieses Jahres ein einmaliges Kultur-Ereignis und ihren Gästen einen Feriengenuss der besonderen Art zu bereiten. – Eines der Werke, das zur Zeit am teuersten je gehandelte Bild, Nafea faaipoipe von 1892 (bis Ende der durch Renovation bedingten Schliessung des Basler Kunstmuseums als Leihgabe der Sammlung Rudolf Staechelin), ist nur noch bis Ausstellungsende in Basel zu besichtigen. Das Werk wurde unterdessen für angeblich 300 Millionen Dollar nach Katar verkauft.

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Nafea faaipoipo "Quand maries-tu?", 1892 noch Stäechelin-Stiftung, Leihgabe im Basler Kunstmuseum. (Foto: Martin P. Bühler)

... oder beim Lebenslauf des Künstlers?

WV-Gauguin Selbstdarstellung Foto-20150203Paul Gauguin wurde 1848 in Paris geboren und starb 1903 einsam und krank auf der fernen Insel Hiva Oa (Französisch-Polynesien) Seine Familie emigrierte als Gegner der Bonapartes, als Louis Napoleon als Konsul, später als Kaiser Napoleon III. die Macht ergriff. Der junge Paul wuchs in Peru auf, später in Orléans. 1865 bis 1867 verpflichtete sich der Jüngling als Offiziersanwärter der Handelsmarine, 1868 leistete er seinen Militärdienst als Matrose in der Kriegsmarine ab.

Bild: Foto Gauguins aus dem Jahr 1881 (akg-images)

 

Er beendete seine Karriere auf hoher See und wurde Anlageberater in einer Bank und konnte mit Börsenpapieren einiges Geld verdienen. Er begann zu malen und zu zeichnen. 1873 heiratete er die Dänin Mette-Sophie Gad, mit der er fünf Kinder hatte. Camille Pissarro führte ihn im Pariser Salon ein, wo er ein Bild ausstellen durfte. Im eigenen Atelier am Montparnasse entstanden erste Skulpturen.

1883 gibt Gauguin seine berufliche Tätigkeit auf, um sich ganz der Malerei zu widmen. In der Bretagne in Pont-Aven wirkt  der nun 38jährige 1886 als Mitglied einer Künstlergemeinschaft.  1888 zieht er auf Einladung Vincent Van Goghs nach Arles, doch ihre Wohngemeinschaft endet im Streit.

WV-Gauguin Petit Breton nu 19889 Wallraf-Richartz Museu  köln-20150203

 

1890 entschliesst sich Gauguin zur Auswanderung in die Tropen der Südsee, wo ab 1891 seine wichtigsten Bilder, zunächst auf Taiti, dann 1500 km weiter östlich auf einer der Marquesas-Inseln entstehen.

Bild: Petit Breton nu 1898/89 (Wallraf-Richartz Museum, Prag)

.. bei seiner Suche nach dem Paradies?...

Wie so viele aus der Bourgeoisie entronnenen "Bohèmes" verabscheut Gauguin die Dekadenz des heruntergekommenen Bürgertums und der staatlichen Bürokratie. Er vermeint beidem entrinnen zu können in den weit verstreuten Kolonien Frankreichs, wird aber ob der Kolonialwirtschaft enttäuscht. Er sucht mit leuchtenden Farben auf seinen grossen Leinwänden ein ländliches Paradies der Reinheit und Unschuld, das, gerade weil er es in der Realität nicht findet, nun so melancholisch auf die Betrachter wirkt. Vielleicht hat er bereits in seinen letzten drei Lebensjahren gefühlt, dass das Paradies auf Erden unweigerlich mit dem Tod verbunden ist - dass Freude und Glück nur erkannt und gelebt werden können, wenn sie von Leid und Krankheit und Armut getränkt sind.

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Bild: La Vision du sermon, 1888 (Scottish National Gallery, Edinburgh

… oder seiner Ein-Sicht in Tristesse und Ohnmacht?

In einer autobiografischen Erzählung "Noa Noa" übt er Kritik an den Kolonialbehörden, was ihm angekreidet wird. Paul Gauguin stirbt im Mai1903 einsam in seiner Hütte in Atuona und wird am 9. Mai auf dem katholischen Friedhof von Hiva Oa beerdigt. Eine Geld- und Haftstrafe, die ihm angebliche "Verleumdungen" der Regierung eingebacht hatten, kann er nicht mehr antreten. Der Kunsthändler Ambroise Vollard hat mit Paul Gauguin einen Vertrag unterzeichnet, der es ihm erstmals ermöglicht, von seiner Kunst - wenn auch bescheiden - zu leben. Die Hausse der unschätzbaren Werke Gauguins entstand erst Jahre nach seinem Tod, als die meisten Werke längst in alle Welt verstreut waren. Deshalb gibt es kein einzige Gauguin-Museum, und selbst der Künstler, Maler, der Sucher und Idealist Paul Gauguin wird sein ganzes Leben lang nie von so vielen seiner Werke umgeben gewesen sein wie die heutigen Besucher in Riehen.

Fazit: Ein Sucher von Unschuld, Gesundheit, Natur und vitalen Menschen musste an seinen eigenen Ansprüchen scheitern, hinterliess aber ein so reiches und abgeschlossenes Werk voller innerer Werte und leuchtender Farben.

     

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WV-Gauguin Keller mit Kuratoren-20150203WV-Gauguin Nafea faaipoipo 1892-20150203WV-Gauguin Bonjour Monsieur Gauguin National Galeri  v Praze rag 014-20150203WV-Gauguin La Vision du Sermon 1888 Scottsh National Gallery Edinburg011-20150203WV-Gauguin Petit Breton nu 19889 Wallraf-Richartz Museu  köln-20150203WV-Gauguin Selbstporträt 1893-20150203WV-Gauguin Selbstdarstellung Foto-20150203WV-Gauguin D0u venons nous189798Museum of Fine Art  Boston-20150203WV-Gauguin Rousseau als antipode041-20150203