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17.02.2015 -- Fritz Vollenweider / wv

Auflehnung im Zorn

Wut, Protest, Unreife, Schmiererei im sensiblen Öffentlichen Raum... Zorniger junger Mann lässt verdeckten Blindgänger explodieren – im Berner Theater Matte.


Das 2013 geschriebene Bühnenstück von Joanna Murray-Smith (Originaltitel: „Fury“) konfrontiert den zornigen Gymnasiasten Douglas (Demian Morf) mit der heilen Welt seiner dem oberen Segment des Mittelstandes angehörenden Eltern so gut wie mit dem Selbst-darstellungsanspruch seiner Schule. Nachdem er zusammen mit einem Schulkollegen bei Schmierereien an einer Moschee aufgegriffen wird, stellen sich von selbst manche Fragen um das Warum. Die Eltern Alice und Patrick (Annemarie Morgenegg und Res Aebi) können es gar nicht wahr haben, dass ihr Sohn an so etwas beteiligt – geschweige denn sogar dessen Initiant – sein soll. Es passt das doch so gar nicht in ihre heile Welt! Patrick steht vor der Veröffentlichung seines neuen Romans, Anne, die berühmte Ärztin, soll nächstens einen renommierten Preis empfangen. Beide sind angesehen, tolerant, sozial integriert und engagiert. Was nur treibt ihren vermeintlich angepassten Sohn in eine solch rasende Wut? „Nein!“ – „Nein...!“ – „Nein!“ schreit er beim ersten Versuch seiner Eltern, mit ihm über Hintergründe seines Verhaltens zu sprechen. Er verweigert das Gespräch.

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Demian Morf, Annemarie Morgenegg

Der Lehrer (Fredi Stettler) sieht vor allem das Image seiner Schule durch das Handeln dieses Abiturienten mit Bestnoten gefährdet. Die ansonsten angepassten Hochleistungen sichern Douglas wohl den Verbleib in der Schule. Bei seinem Kumpel, dem Sportstipendiaten, ist das wahrscheinlich anders.

Deshalb verläuft auch die Abendeinladung bei den Eltern von Douglas ein wenig angespannt. Mutter und Vater des Anderen, Annie (Barbara Seidel) und Bob (Martin Camenzind), lassen durchblicken, dass sie den Schmieranschlag auf die Moschee als weiter nicht bedrohlichen dummen Jungenstreich ansehen, zumal ja nicht ihr Sprössling, sondern Douglas der Anführer gewesen sei.

Douglas verhält sich etwas aufgeschlossener der jugendlichen Journalistin Rebecca gegenüber, die vorher schon seine Mutter und seinen Vater für ein Interview gesprochen hat und dem Jungen gegenüber einen guten Ton findet. Vor allem durch dieses Zwiegespräch wird klar, in welcher Tiefe der Konflikt zwischen Eltern und Jüngling ansetzt. Und in den Zuschauerreihen, bei allem angeregten Lachen über immer wiederkehrende witzige und auch humorvolle Momente, wächst langsam auch Gewissheit, wie es kommen kann, dass Kinder angesehener Eltern mit der Zeit sich auflehnen und sogar in Zorn geraten. Rebecca ist es schliesslich auch, die den Blindgänger aufdeckt, der prompt explodiert und das Verhalten des Sohnes auf eine unerwartete Art relativiert und auch verständlicher macht. Alles ist nachher anders, alle sind nun ein wenig ehrlicher gegen sich selbst.

 

cid 2A297B50-09B2-4702-BD5A-C7025A498053homeErneut überzeugt das schlanke, umgangs-sprachlich geprägte Berndeutsch der Mundart-fassung von Livia Anne Richard. Der Dialekt hört sich ohne Klischees an, mit wenigen Anleihen an den Slang, wie sie gerade hier vielleicht sogar gerechtfertigt sein könnten. Was ebenso überzeugt, sind die dramaturgischen (die Handlung logisch vorantreibenden) wie die narrativen (die Handlung gewissermassen erzählenden) formalen Funktionen, die nicht leiden, wie es in weniger professionellem Mundarttheater oft der Fall ist.

Res Aebi, Annemarie Morgenegg

Hans Peter Incondi gelingt es, mit seiner Inszenierung Betroffenheit auszulösen, das in ein lebendiges Bühnenstück verpackte zeitgemässe Thema ohne Sensationsmache in den verschiedensten Aspekten auf der Bühne auszubreiten.

Das Ensemble folgt seinen Absichten mit intensivem Spiel, in den Dialogen wie mit den Gesten, der Botschaft, dem Gehalt des Stücks verpflichtet.

In perfider Scheinfreundlichkeit schieben Barbara Seidel und Martin Camenzind die Verantwortung auf die Eltern von Douglas; Schritt um Schritt mit etwas mehr rhetorischem Druck. Mit breit ausgesitztem Betonen der diametral entgegengesetzten Meinung räsonieren sie über die Bedeutung des Anschlags auf eine Moschee.

Fredi Stettler vertritt die zweifelhafte Haltung der Schule gegenüber dem betroffenen zornigen jungen Mann wie gegenüber dessen Eltern glaubhaft und flüchtet sich gekonnt hinter das plakativ aufgesetzte Image, das es zu bewahren gelte.

Andrea Hofmann als Journalistin Rebecca verbindet burschikosen Jugend-Tonfall gegenüber Douglas und liebenswürdige Unver-bindlichkeit gegenüber dem Elternpaar mit einer leidenschaftslosen Sachlichkeit bei der Entzauberung des Images von Annemarie Morgenegg und Res Aebi, die sich möglicher Gründe für die Widerborstigkeit ihres Sohnes und dessen Verachtung ihrer gelebten heilen Welt nicht bewusst scheinen. Beide wirken besorgt, lösungsorientiert und letztlich auch verantwortungsbewusst.

Douglas schliesslich findet in Demian Morf einen Interpreten, der sein Gefühl von Nichtstimmigkeit der Verpflichtung auf ein untadeliges Image von Familie und Gesellschaft in glaubwürdige Zornausbrüche umwandelt und dabei trotzdem auch Unverständnis, Schmerz und Menschlichkeit spüren lässt.

Erwähnt sei auch der klar gegliederte, übersichtliche Spielraum in Schwarz, Rot und wenig Weiss von Fredi Stettler, der das Dunkle in diesem zornigen Stück stützt, das Helle hingegen lebendig kontrastiert.

Alle Bilder: © z-arts.ch

Vorstellungen bis 15. März 2015 jeweils Mittwoch bis Sonntag

Theater Matte Bern