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25.02.2015 -- Fritz Vollenweider / wv

Michael Kolhaas, von Kleist und Kratzer

Zeitlos: Kampf um Gerechtigkeit und gegen Willkür – eine Geschichte von Despotie und Terrorismus. Im Theater an der Effingerstrasse in Bern.


Wer kennt die fünf verschiedenen Fassungen, die Heinrich von Kleist (1777-1811) von seiner bekannten Novelle geschrieben hat? Alexander Kratzer kennt sie. Er hat Teile aus allen fünf zu einer eigenständigen Bühnenfassung verarbeitet. In Co-Produktion mit den Vereinigten Bühnen Bozen, wo das Stück im Januar uraufgeführt wurde, ist auf dem Berner Theater an der Effingerstrasse nun die Schweizer Erstaufführung zu sehen.

Michael Kolhaas. Der Name steht als Chiffre für Unrecht und Rache. Er bedeutet auch Literatur. Ist es wirklich allein die Schuld der Gymnasien, dass Literatur auch einen beschwichtigenden Odem von Papier, Fama und Lehnstuhl verbreiten kann? Vielleicht auch von verronnener Zeit?

Von allem dem ist in dieser Bühnenfassung Kratzers, der sie auch selber inszeniert, nichts übrig geblieben. Alexander Kratzer und seine 4+1 Darsteller vertreiben den besagten Odem vollends aus Inhalt und Form des Stoffs. Im einfachen, düster wirkenden, abstrakten Spielraum von Luis Graninger erlebt man bestechende, formal überzeugende,  gewandte, zeitgemässe Theatersprache. Mit gemischten Formen von erzählenden Elementen und direkt handelndem Dialog führt die Handlung den zum Terrorkrieg eskalierenden Kampf um Gerechtigkeit. Dieser gipfelt, einer Stretta gleich, in einer meisterhaft gesteigerten, aussagekräftigen Choreographie. So fesselnd auch, dass man sich unversehens in der Peripetie des Dritten Akts eines antiken Dramas zu befinden glaubt.

Nach diesem Höhepunkt stellt sich nach der Pause nicht mehr dieselbe dichte Spannung ein. Die dramatische Atmosphäre verliert sich teilweise ins Spielerisch-Ungefähre. Das subtile Intrigenspiel der Mächtigen und ihrer Adlaten, die sich um Einfluss, Ansehen und ikonografische Symbole (die als Anspielung auf ideologische und populistische Ideologien verstanden werden könnten) streiten, finden zwar immer noch den gewohnten starken dramatischen Ausdruck. Doch die Vorgänge sind weniger direkt überzeugend. Damit wird wohl die Zeitlosigkeit und Aktualität des  dramatischen Geschehens angedeutet. Ebenso, als bitterer Kontrast, wird die wahrhaft im direkten Sinn tragische Gestalt, Michael Kolhaas, seiner bedrohlichen Einsamkeit und seinem von vornherein unzweifelhaften Schicksal überlassen. Er bleibt weiteren zum Teil hämisch-subtilen Nadelstichen höhnischer Ungerechtigkeiten ausgesetzt.

Die 4+1 Darsteller

Die Eins steht für Kolhaas, der sich selbst spielt, neben seiner Erzählerfunktion wie alle übrigen. Sie steht auch für die einzige Darstellerin aller Frauenrollen. Die unzähligen Figuren in Kleists Geschichte –, Junker, Knechte, Gattin, Raubritter, Beamte, Juristen, Kurtisane, Fürsten – sind auf diese Handvoll Personen des Bühnenstücks heruntergebrochen.

 

Karo Guthke als Gattin des Kolhaas, als Zigeunerin, Äbtissin und Kurtisane ist bewundernswert, wenn sie sich in verschiedene Frauen der Handlung so verwandelt, dass man vergisst, dass sie die alleinige Darstellerin ist. Florian Eisner zeigt als Kolhaas differenziert vorerst vertrauensvolle Sachlichkeit, starkes Engagement, an Irrsinn grenzende Verzweiflung und schliesslich hoffnungslose Resignation. Auch Christoph Griesser, Peter Schorn und Horst Krebs gestalten ihre Rollen zu überzeugenden Charakterstudien.

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Von links: Horst Krebs, Florian Eisner, Peter Schorn, Karo Guthke, Christoph Griesser

Es ist das Verdienst von Autor und Regisseur Alexander Kratzer und seinem Darsteller-Quintett, dass echtes Theater, zum Weiterdenken anregend, auf der Bühne an der Effingerstrasse stattfindet – nicht eine mehr oder weniger spannende szenische Lesung eines Klassikers der Weltliteratur. Dass dieser dabei auch ein wenig vom Schulstubengeruch befreit wird und historischen wie zeitlosen und sogar aktuellen Bezügen gerecht wird, das setzt Kleists Original keinesfalls herab.

Alle Bilder © Bernhard Aichner

Vorstellungen bis 20. März 2015

Michael Kolhaas im Theater an der Effingerstrasse