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27.02.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Das Rad der Zeit dreht sich nicht zurück

Verein „Zum Schutz des Alpengebietes vor dem Transitverkehr“ will 2. Gotthardröhre bodigen


Am 20. Februar 1994, also vor 21 Jahren, nahm das Schweizer Volk die sogenannte „Alpen-Initiative“ mit grossem Mehr an. Politiker weit über die Linke hinaus und eine Mehrheit insbesondere der betroffenen Kantone an der Gotthardroute wollten ein Zeichen setzen und den Güterverkehr, vor allem den Transit, von der Strasse auf die Schiene verlegen. Unterdessen wurde die Neat über Lötschberg-Simplon verwirklicht und über den Gotthard ausgebaut und mit dem grössten Eisenbahntunnel der Welt ausgestattet. Im Dezember 2016 dürfte der Gotthard-Basistunnel von Erstfeld bis Bodio (57 km) dem Verkehr übergeben werden.

Beispiellose Pioniertat der Eidgenossenschaft

Dieser Eisenbahntunnel ist der Erfolg einer umweltbewussten Bevölkerung einerseits, die eine Verlagerung des CO2-produzierenden Strassentransports auf die Schiene forderte, andererseits auch die Pioniertat unseres Staates, welcher die notwendigen Infrastrukturausgaben allein und ohne europäische Beteiligung finanziert.

Trotzdem muss in den nächsten Jahren am Gotthard für den Strassenverkehr eine neue Röhre gebaut werden, weil der bisherige 18 km lange Tunnel zwischen Göschenen und Airolo nach 35 Jahren Betrieb saniert werden muss. Ohne zweite Röhre würde der Gotthard für den Strassenverkehr für mehrere Jahre ausfallen. Die Reparatur dieses Teilstücks der A2 von Basel nach Chiasso wird noch in diesem Jahrzehnt beginnen müssen. Deshalb muss die Ersatzröhre, welche den Verkehr wie heute zweispurig im Gegenverkehr bewältigen soll, rechtzeitig geplant und vorbereitet werden.

Bedenken der Umweltschützer

Alpeninitiative 001

Nun hat der oben erwähnte Verein ein mit 125 000 Unterschriften deutlich überzeichnetes Referendum eingereicht, um den Bau einer zweiten Röhre zu verhindern. Mit durchaus verständlicher Logik legen die Anhänger des Referendums „Nein zur zweiten Gotthardröhre“ dar, dass es nicht beim Gegenverkehr bliebe, wenn die zu sanierende Röhre wiederum in Betrieb sein würde. Tatsächlich macht es wenig Sinn, eine vierspurige Anlage zu bauen, die letztendlich nur auf zwei Spuren befahren werden könne.

Der Bundesrat hat eine diesbezügliche Abstimmung bis zum Juni 2016 verschoben.

 

Schienenkapazität reicht nicht

Die Gegner einer zweiten Strassenröhre verkennen allerdings die mögliche Endkapazität des gesamten Neat-Werkes, scheint sich doch schon jetzt, noch vor Fertigstellung des Gotthard-Eisenbahnstranges, eine Überbeanspruchung des Schienennetzes durch den Personenverkehr abzuzeichnen. Wo und wann sich dann noch Löcher im Fahrplan finden sollen, in welchen der Transitverkehr der Güterbahn stattfinden könnte, bleibt für Betreiber und Güterversender ein Rätsel.

Planung ist nicht die grösste Stärke der Behörden

Jede Planung in die Zukunft hinein ist eine Rechnung mit viel zu vielen Unbekannten. Die Schweiz würde 2000 mehr als 10 Millionen Einwohner haben, soll Professor Kneschaurek vorausgesagt haben. Tatsächlich blieb er mit 7,1 Millionen Einwohnern nur knapp unter der wirklichen Zahl von 7,2 Millionen. Aber „Kneschaurek“ ist weit herum als Beispiel unvernünftiger Prognosen bekannt geworden, was nicht unbedingt ein gutes Zeugnis für die Politiker ausstellt, die mit der Kneschaurekschen Prognose beweisen wollten, wie unsinnig jede Zukunftsplanung sein könne.

Tatsache ist, dass die Autostrasse über den San Bernardino ins Misox nie für den Schwerverkehr vorgesehen war. Durch den Bau der Gotthard-Autobahn wurden die für zehn Jahre vorgesehenen Zahlen des motorisierten Verkehrs schon nach drei oder vier Jahren erreicht.  Die Alpeninitiative sah vor, dass nie mehr als 600 000 Lastwagen den Gotthard überqueren sollten. Heute sind es mehr als eine Million.

Umdenken ist notwendig

Auch ich gehörte zu den Initianten der Alpeninitiative. Wir konnten uns anfangs der neunziger Jahre ja gar nicht vorstellen, dass die Lastwagen immer breiter und sich ihr zulässiges Gewicht fast verdoppeln würde. Und dass der alpenquerende Verkehr sich trotzdem noch vergrössern werde. Heute müssen wir einsehen, dass das Rad der Zeit nicht zurück zu drehen ist. Nicht nur für den europäischen Nord-Süd-Güterverkehr, sondern vor allem auch für den Binnenverkehr innerhalb Nord- und Südschweiz ist es notwendig, dass der Gotthard wegen der Sanierung nicht auf Jahre gesperrt wird. Ob die zwei Röhren einmal tatsächlich vierspurig betrieben werden sollen, hängt nicht mehr von uns ab, sondern von der Entwicklung des Strassenverkehrs, neuer Techniken mit weniger Abgasen und von den Transportmengen, die unsere Söhne und Enkel einst zu bewältigen haben.

Titelbild: Logo der Alpeninitiative

Bild links: Letzte Ausgabe des "Echo", des Magazins des Vereins "Zum Schutz des Alpengebiets vor dem Transitverkehr"