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14.03.2015 -- Irène Frei / wv

Geplante Obsoleszens: Mythos oder Realität?

Gegenwärtig spricht man viel darüber. Wir ärgern uns, wenn unsere Apparate schon nach kurzer Zeit den Geist aufgeben . . .


. . . und wir, statt sie reparieren zu lassen, schließlich dem Rat des Verkäufers folgen und anstelle der teuren Reparatur, uns zum Kauf eines Neuen entscheiden.

Was ist geplante Obsoleszens?

Der Begriff wurde schon 1932 geprägt, als  Bernard London sein Ending the Depression Through Planned Obsolescence veröffentlichte.

Gemeint ist damit heute ein Teil einer Produktstrategie, bei der bewusst Schwachstellen in das betreffende Produkt eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit und/oder Rohstoffe von minderer Qualität eingesetzt werden, die dazu führen, dass das Produkt schneller schadhaft oder fehlerhaft wird oder nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden kann. (Wikipedia)

Wenn wir uns aufregen, weil unser Drucker, unser Kühlschrank oder Laptop so schnell versagt, oder dass die lädierte Kochplatte nicht ersetzt werden kann ohne gleich noch den ganzen Herd, bzw. Backofen, auszuwechseln, neigen wir manchmal dazu- zumindest in unserer Alterskategorie - die Vergangenheit zu idealisieren, in der Alles solider dauerhafter „währschafter“ gebaut war.

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Bildquelle: © Foto Hiero - pixelio.de

War das wirklich so, oder ist es nicht der Preis des Fortschritts? Natürlich hielt das Guss-Bügeleisen unserer Grossmütter länger als unsere Dampfbügeleisen. Wasserdampf in Metallbestandteile zu leiten, bewirkt eine raschere Abnutzung. Eine Teflon-Pfanne hält weniger lang als eine Kupferpfanne, ist aber auch praktischer und billiger. Da wir verwöhnte Kinder einer Konsumgesellschaft sind, möchten wir, dass alles möglichst dauerhaft, ästhetisch und doch noch billig sei.

Ende des 19. Jahrhunderts haben  europäische Schiffbau-Unternehmen versucht Kriegs-Schiffe zu bauen, die sowohl schneller als auch mit enormer Feuerkraft und starker Panzerung versehen wären. Aber wenn man von Panzerung und Bewaffnung spricht, weiss man auch, dass Lenkbarkeit und Geschwindigkeit beschränkt werden.

Jedes Ingenierings-Problem besteht im Kombinieren von scheinbar inkompatiblen Vorteilen. Oft treten Dauer und Reparatur-Möglichkeiten in den Hintergrund neben anderen Kriterien wie z.B. der Preis. Denn neben Billig-Produkten gibt es immer noch gute aber teure Ausführungen. Ein massgeschneiderter Anzug, mit ausgesuchtem Stoff von guter Qualität, ist schöner und hält länger als der billigere ab der Stange im Warenhaus. Das hat natürlich seinen Preis!

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Bildquelle: © Karl Heinz Laube - pixelio.de "Einer läuft noch"

Es gibt Marken, die aus der langen Haltbarkeit ihrer Produkte ein Verkaufsargument gemacht haben (Feuerzeug Zippo auf lebenslang garantiert, Duracell-Batterien, japanische Autos mit 5-jahres Garantie), was zeigt, dass Produkte mit langer Lebensdauer nicht profitschmälernd sein müssen, im Gegenteil. Langlebigkeit ist nie das einzig wünschenswerte Kriterium an einem Produkt. Die Optimierung konkurrierender Qualitäten trifft auf ebenso verschiedene Wünsche der Kunden.

 

Warum sind in der Wahl zwischen langlebigen und kurzlebenden Produkten letztere oft beliebter?

Anscheinend lieben wir Vielfalt und Neuigkeit.

Konsumieren heisst ja nicht nur vitale Bedürfnisse befriedigen, sondern ist auch Quelle für oberflächlichere Genugtuung, so etwa das Image, das wir in unserem Umfeld abgegeben. Es scheint frivol, wenn Leute sich auf das neuste iPad stürzen, das sie gar nicht nötig hätten. Bedenkt man aber, wie solch menschliche Eigenschaften in gewissen Ländern mit strenger Uniformität (Mao-Kragen in China, z.B.) unterdrückt wurden, Länder die es nicht so genau nehmen mit individueller Freiheit und Menschenrechten, kann man doch beruhigt feststellen, dass hier niemand zu irgendwelchem Kauf gedrängt wird.

Es gibt natürlich einen sozialen Druck; weil der Markt nicht immer alle befriedigen kann, sehen wir uns manchmal gezwungen, wenn auch mit Widerwillen, uns den Konsumtrends der Mehrheit anzupassen.

Kunden tragen dennoch eine wesentliche Verantwortung an der Entwicklung von Geräten.

Es kann nicht sein, dass man immer das Neuste möchte, das aber sowohl qualitativ gut aber auch immer günstiger sein soll. Vor jedem  Kauf kann man sich online oder im Geschäft nach Beschaffenheit des Geräts erkundigen, allerdings ohne Gewähr zur Haltbarkeit zu erhalten. Die grossen Firmen investieren viel Geld und Personal in die Pflege ihres Rufs im Internet, inszenieren Besprechungen von Produkten, die recht raffiniert verfasst sind. Aber, in Anbetracht immer schnellerer Produktionszyklen, ist jedes Smartphone,  Laptop, jede Kamera, etc. schon rasch wieder veraltet und unterliegt dem komplizierten Mechanismus von Angebot und Nachfrage. Dazu kommt noch, dass der Kunde nicht unbedingt Neues kauft weil das Alte kaputt ist, sondern weil er, durch die gekonnte Werbung beeinflusst, einfach das Neue schicker findet und damit bei Kollegen imponieren kann.

Für Diejenigen, die diesem Trend entgegenwirken möchten, gibt es seit letztem Frühling sogenannte „Repair-Cafés“ initiert von der SKS Bern. Dort können Konsumenten ihre Produkte von Fachleuten reparieren lassen. www.konsumentenschutz.ch

Die SKS fordert übrigens, dass alle Hersteller die Lebensdauer ihrer Produkte im Laden deklarieren. Aber auch dass die Garantie grundsätzlich auf 5 Jahre erhöht wird.

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Bildquelle: © Schemmi - pixelio.de "Nicht erlaubt"

Obsoleszenz - geplant oder nicht - beinhaltet in dem Ausmass wie wir heute kaufen und wegwerfen noch ein viel schwerwiegenderes Problem als unser Portemonnaie und unsere Zufriedenheit.

Es ist der erzeugte Elektro-Schrott-Haufen, der nach Afrika exportiert wird und dort gesundheitsschädigende Konsequenzen hat. Die jungen Leute, die diese Schrotthalden nach brauchbaren Metall-Elementen durchsuchen, erleiden durch toxischen Staub und giftige Bestandteile verschiedenste gesundheitliche Schäden. Und das kann uns nicht egal sein. Aber schlussendlich liegt es bei Jedem von uns zu entscheiden, inwieweit er zur Wegwerfmentalität beisteuern will oder bewusst überlegt, bevor er etwas einkauft.

Der untenstehende Link führt zu einem Dokumentarfilm von Arte, der die ganze Problematik der geplanten Obsoleszenz, inklusive der Schrott-Zumutung in Afrika beinhaltet.

https://www.youtube.com/watch?v=zVFZ4Ocz4VA

Dieser Beitrag ist eine deutsche Version des französischen Artikels vom März 2011 auf Seniorweb.fr aufgrund des Blogs: „éconoclaste“ von Alexandre Delaigue.

Titelbild: © Frank Radel - pixelio.de