ICON-Link

21.03.2015 -- Bernhard Schindler / wv

1989 Fichi-Waschi – und 2015?

Darf jede Generation die gleichen Fehler nochmals machen?


(Bildquelle: Ficheur beim Fischen von Fichen im Sägensee (Cartoon): cartoonstock.com/w/de/f/fichen.asp > dieses Bild wurde ersetzt, nachdem es im März 2018 von cartoonstock entdeckt und via Anwaltskanzlei abgemahnt wurde!)

Neue Bildquelle: 724682_web_R_by_Bernd_Kasper_pixelio.de

Es ist beinahe schon wieder vergessen: Von 1910 bis 1989 bespitzelten selbst ernannte oder von den Behörden angeheuerte „Staatsschützer“ insgesamt mehr als 700 000 Privatbürger, soziale, kulturelle und gesellschaftliche Organisationen, Parteimitglieder und Parteien. Wie in den Vereinigten Staaten in der Mc Carthy-Aera galten alle, die sich nicht als glühende Patrioten/innen ausweisen konnten, als potenzielle Gefahr. Kommunistenjäger beobachteten Pfadiübungen. Mitglieder der geheimsten Geheimdienste infiltrierten suspekte Jugendgruppen ansonsten spiessbürgerlichster Parteien. Politiker, speziell roter und grüner Provenienz, wurden überwacht, ihre Besuche fichiert und ihre Besucher nachträglich überprüft.

Fichenskandal 1989

Im Zug einer Bundesrätinnen-Affäre, wo es um ihr Telefongespräch mit ihrem wegen luscher Klientele nicht mehr ganz koscheren Ehemann ging, fanden die Mitglieder einer Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) unter der Leitung von Nationalrat Moritz Leuenberger riesige Bestände an Protokollen, Abschriften, und Gedächtnisnotizen, die in insgesamt 900 000 Fichen (Karteikarten) zusammengefasst waren. Als diese Sammlung von meist in die Privatsphäre hineinragender Bespitzelungen bekannt wurde, verlangten unzählige betroffene Schweizerinnen und Schweizer, Niedergelassene, aber auch sporadische Gäste, die über sie angelegten Fichen. Diese wurden zensuriert, so dass die Überbringer der geheimen Nachrichten nicht erkennbar waren, an die Anfrager übermittelt, die nur den Kopf schütteln konnten über die offensichtlichen Lügen oder Halbwahrheiten, die über sie verbreitet worden waren, über tatsächliche Vorkommnisse, von denen die Bürger geglaubt hatten, sie unterständen dem Schutz der Privatsphäre und über die intensive Sammlertätigkeit, die aus jedem Zeitungsleser, der einmal in der Beiz den „Vorwärts“ las, einen Mitläufer der PdA und der Kommunistischen Internationale machte.

„Die Wühler sind unter uns“

1989 standen die Schweizerinnen und Schweizer Kopf. Hatte die Bundesverwaltung, der kantonale Polizeidienst, die einzelnen Polizeiposten so viel Zeit zur Überwachung ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger? Was hat dieser Riesenaufwand im Endeffekt erbracht ausser vielleicht ein oder zwei echten UdSSR-Fantasten, die aufgeflogen sind? Wozu eine Geheimarmee mit Exilregierungssitz in Irland? Wozu eine Geheimloge, die möglicherweise mit entsprechenden Organen in Italien verbandelt war?

 

 

Einige Jahre, bevor diese Wunde aufplatzte, erschien das ominöse „Soldatenbuch“, das von Wühlern in der Gesellschaft berichtete. Diese Wühler waren in der Regel Wissenschafter, Schriftsteller (Frisch und Dürrenmatt haben dicke Fichen erhalten) und Maler, Bildhauer, Musiker. Sie waren zu „Schläfern“ mutiert, die im entscheidenden Moment ihre Masken als harmlose Künstler fortwerfen und der Weltrevolution in ihrer Heimat zum Durchbruch verhelfen würden.

Fehler darf man begehen…

Jeder macht Fehler. Auch Bundesräte und private Staatsschützer wie der „Pate“ der schweizerischen Erfassung suspekter Individuen, der Subversivenjäger Ernst Cinceera. Aus Fehlern aber sollte man auch lernen können. Fehler, die mehrmals begangen werden, sind Sünden. Sünden gegen die Wahrheit, Sünden gegen die Toleranz, Sünden gegen alles „Fremde“.

1989 gab es noch Schurkenländer, vor denen man sich schützen musste. Und Terrorgruppen wie die RAF (und evtl. die Jugendbewegten von Zürich 1968 und 1980???).

Heute haben wir Angst vor islamistischen Terroristen wie der IS. Und schon ist das löbliche Versprechen, es in der Schweiz  nie wieder zu einer Subversiven-Hatz kommen zu lassen, vergessen. National- und Ständerat bastelten in dieser Session an einem neuen Spionage-Instrument, mit welchem fremde Fötzel, Ausländer, amerikanische (?) Spione, al-Kaida-Rückkehrer aber auch Schweizer mit schleierhafter Vergangenheit oder als "Nirgends-Dabeis" suspekt, über ihr Handy, ihren Lap Top, Skype und Hauscomputer ausspioniert werden können. Natürlich braucht jede Überwachung einen Auftraggeber, also mindestens einen Richter und einen Techniker, der die Überwachung einleitet.

Einmal sündigen = sich schwer gegenüber einem Gott oder den Mitmenschen vergehen.

Zweimal sündigen ist weniger schlimm, denn dann  hat sich das Land schon daran gewöhnt.

Immer wieder sündigen: Hurra, der Sonderfall Schweiz ist keiner mehr!