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27.03.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Gartenlaube im Industriegebiet

Vom Schrebergarten, der eigentlich Hausschild- oder Gesellgarten heissen sollte


Bilder: B.Schindler

Moritz Schreber, (1808 – 1861), war ein Arzt in Leipzig, der sich um das Wohl der Bevölkerung kümmerte, auf gerade Haltung der Kinder achtete, schreckliche Instrumente zur „natürlichen“ Kopfhaltung von Jugendlichen herstellen liess, Heilgymnastik verschrieb und für eine Ertüchtigung der Stadtjugend durch Arbeit im Grünen warb. Die Idee der nach ihm benannten „Schreberplätze“ kam aber dem Schuldirektor Ernst I. Hausschild erst nach Schrebers Tod. Der Schreberplatz in Leipzig hatte noch nichts mit einem Garten zu tun, sondern war Spiel- und Turnplatz. Der Lehrer Heinrich Karl Gesell aber schuf auf der Wiese kleine Pflanzplätze, in denen Jugendliche ihr Gemüse oder auch Blumen ziehen durften. Natürlich verwilderten diese bald, und es waren die Eltern, die den Gedanken der eigenen Gemüseproduktion weiterführten.

1925 wurde der Gedanke auch in der Schweiz aufgegriffen, wo Schrebergärten heute noch oft „Bünte“ oder Laube, Heim- und Familiengarten oder schlicht Parzelle heissen.

Glücklich, wer einen Garten besitzt

Wohl dem, der einen Garten bearbeiten darf. Ob kleiner Gartensitzplatz mit obligatem Rosenstrauch und Forsythie, ob Balkon- oder Hausgarten, vom Rabättli vor dem Haus bis zum Park dahinter – es muss kein Garten Eden sein. Einfach einen Blätz Grünes haben, wo neben Gartengrill, Kleinstabstellraum und Gartenzwergen auch noch ein paar Kartoffeln, eine Kürbispflanze und Weiss- und Rotkohl Platz finden.

WV-Schrebergarten 004 BSchindler-20150322

 

 

Während der forcierten Industrialisierung um die vorletzte Jahrhundertwende waren es dann hauptsächlich Genossenschaften, die Facharbeiter-Siedlungen nahe den Fabriken anlegten, wo immer auch ein Stück Garten auf fleissige Hände und grüne Daumen wartete. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Landwirtschafts-Bebauungsplan nach Traugott Wahlen erfunden, wodurch alle Grünflächen, auch öffentliche Parks, für die Landwirtshaft genutzt wurden. Natürlich konnte sich die Schweiz nie autark selbst versorgen, aber die Anstrengungen von Behörden, Müttern, Vätern und ihrer Kinder haben mitgeholfen, allzu schlimmste Not in den landwirtschaftsfernen Städten zu verhindern.

Ein Schrebergarten verschwindet

So lange ich zu Fuss zu meiner Arbeitsstelle im Zofinger Tagblatt strebte, kam ich an einem nahe gelegenen Schrebergarten vorbei, wo hauptsächlich Italiener-Fahnen wehten, beschnäuzte Grossväter ihren Lollo zogen, lauter Kindergesang von den Freuden des Landlebens inmitten des Industriegebiets erklang und neapolitanische Matronen ihren Lieben köstliche Zvieri-Teller mit Parmigiano, Salami und Coppa anboten. Oft habe ich mit einigen der Schrebergärtner gesprochen. Es war eine glückliche Gemeinschaft pensionierter oder nahe beim AHV-Bezug stehender Gastarbeiter, die abends die Familien heimschickten und dann in einem Clublokal gleich daneben als „Amici del Bel Paese“ zusammen sassen, einen Grappa tranken und von der fernen Heimat träumten. Schweizer Gärtner waren willkommen, wenn sie ab und zu etwas Trinkbares besteuerten.

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Eines Tages befahl die Stadt, die seit Jahrzehnten hier gärtnernden Leute müssten verschwinden. Die Stadt wollte das Land an einen Industriellen verkaufen.

Gross war die Enttäuschung, das kleine Paradies am Rand der Stadt verschwand. Unterdessen sind acht Jahre vergangen. Aber das Land auf dem einst die Schrebergärtchen unserer italienischen Freunde standen, ist heute eine Brache. Von niemandem benutzt. Nirgends ein Bauschild oder sonst ein Hinweis auf eine Wiederverwertung.

Sündenfälle gibt es überall. Nirgends sind sie so schmerzlich wie im piccolo Paradiso di Zofingen.