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03.04.2015 -- Bernhard Schindler / wv

Verräter oder Verrichter von Gottes Auftrag

Wer war, was wollte, was geschah Judas Iskariot?


Bild aus Wikipedia.org, Kuss des Judas (anonym, 12. Jh., Uffizien)

Am 4. April des Jahres 33 nach Christus, gemäss Sternkunde an einem Tag mit 60prozentiger Sonnenfinsternis, starb Jesus Christus, „König der Juden“, wie das römische Verdikt hämisch behauptete; „der Menschensohn“, wie sich Jesus nannte, am Kreuz auf Golgatha.

Unrühmlicher Prozess

20131015-DSC02402 WillYs Fotowerkstatt

Bild: WillY, Isenheimer Altarbild, Matthias Grünewald

Diesem Todesurteil war ein Prozess voran gegangen, der wenig mit dem gepriesenen Römischen Recht zu tun hatte, welches den Grundsatz „in dubio pro reo“ – „im Zweifel für den Angeklagten“ zum Recht jedes Beklagten gemacht hatte. Viel mehr war die Kreuzigung die äusserst brutale Abrechnung mit einem Aufrührer, Meuterer oder Volksverhetzer. Im Jahre 71 vor Christus, also rund hundert Jahre früher, beendete der römische Consul Marcus Licinius Crassus den Sklavenaufstand des Spartakus blutig, indem er die am Leben gebliebenen 6000 Gefangenen entlang der Via Appia bis nach Rom kreuzigen liess.

Damit der Prozess gegen Jesus von Nazareth überhaupt möglich wurde, musste Jesus die jüdische Gemeinschaft und die römischen Besatzer von Jerusalem so sehr provozieren, dass er und seine 12 Jünger zu einer Gefahr wurden für das Protektorat Roms und den Frieden im besetzten Gebiet. Er tat es unter anderem durch die Reinigung des israelitischen Tempels, als er Geldwechsler und Andenkenverkäufer aus den heiligen Hallen warf, an Sabbat-Tagen Kranke heilte und sich wenig um die jüdischen Gesetze kümmerte.

 

 

 

In nur vier Jahren hatte dieser zum Glaubensbekenntnis der Essener gehörende Prediger Pharisäer und Sadduzäer und den ganzen Hohen Rat gereizt und in Verlegenheit gebracht. Aber auch die Schar seiner Jünger war keine kompakte Gruppe, die für ihren Meister durchs Feuer gegangen wäre: Simon Petrus hat Jesus während des Prozesses dreimal verleugnet. Später wollten einige der Jünger dessen Auferstehung nicht wahrhaben. Und Judas Iskariot, der Säckelmeister der Gemeinschaft, hat Jesus gemäss allen vier Evangelisten im Garten Gezemane an einen römischen Suchtrupp verraten, indem er ihn vor allen Zuschauern küsste.

Was waren die Motive des Judas?

Wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch über einen freien Willen verfügt und somit selber verantwortlich ist für das Gute oder Böse, das er anderen antut, dann muss Judas ein Motiv gehabt haben: Wollte er Jesus zum Aufstand zwingen? (Petrus wehrte sich für Jesus und schlug einem Römer mit dem Schwert ein Ohr ab. Doch Jesus verbot ihm jede Gegenwehr und legte das Ohr an die Wange des Verletzten zurück. Und siehe da, es wuchs wieder an.)

Oder hat Judas, der die Kasse der Gemeinschaft verwaltete, Geld veruntreut und musste dieses, die berüchtigten 30 Silberlinge, unbedingt wieder zurück haben?

War Judas eifersüchtig auf den „Lieblingsjünger“ des Jesus, den Johannes? – Gehörte er zu den „Zeloten“, den Terroristen des Neuen Testaments?

Judas vollzog den Willen Gottes

In der Zeit, als Johannes taufte und Jesus in Samaria lehrte, hatte der Mensch noch keinen freien Willen. Er tat, was Gott von ihm verlangte und im Buch des Lebens bereits aufgeschrieben hatte. Denn Gott war allwissend und allmächtig und der Mensch konnte seinem Willen nicht widerstehen.

Wenn aber Judas nur der Vollstrecker des Willens Gottes war und sich auch nur so die Prophezeiung des Todes am Kreuz und der Wiederauferstehung bewahrheiten konnte, dann ist Judas  unschuldig.

Diese Kolumne soll aber mit einem Bezug zur heutigen Zeit enden. Nehmen wir an, jener Co-Pilot, der offenbar in Verzweiflung ein ganzes Flugzeug mitsamt 150 Passagieren und Crew-Mitgliedern in den südfranzösischen Alpen auf den Felsen zerschellen liess, war geistig krank und überhaupt nicht mehr in der Lage, Gut und Böse zu erkennen und seine Verantwortung gegenüber den ihm anvertrauten Mitmenschen wahrzunehmen. War er dann schuldfähig? War Judas Iskariot schuldfähig? Sind wir ewigen Sünder schuldfähig, auch wenn wir uns nicht auf die Vorbestimmung berufen?